Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Grenzen des Wachstums

Das Jahr des Drachen war für China ein Jahr der Desillusionierung.

In China kursiert derzeit eine Scherzfrage: Angenommen, die Eltern hätten für ihr Baby nur die Wahl zwischen Milchpulver aus China oder Japan, welches würden sie nehmen? Die Pointe besteht darin, dass sie den Antwortenden zwingt, entweder gegen die politische Korrektheit zu verstoßen oder gegen den gesunden Menschenverstand. Zwar ist es in China üblich, die Japaner als Erbfeinde zu verteufeln. Doch wenn es um die Gesundheit des eigenen Kindes geht, hört der Patriotismus auf. Besser als chinesisches Milchpulver ist das japanische bestimmt, glauben die Chinesen, Fukushima hin oder her. Der schwarze Humor ist typisch für die aktuelle Gemütslage…

Bernhard Bartsch | 10. Februar 2013 um 07:40 Uhr

 

Menschen zweiter Klasse im eigenen Land

99 Tibeter haben sich aus Protest gegen die Kommunistische Partei in Brand gesetzt. Die Pekinger Regierung reagiert mit Härte und schürt den Konflikt damit weiter.

Vielleicht war Kunchok Kyab sehr stark. Vielleicht aber auch sehr schwacher. Er war 26 Jahre alt, der Sohn einer tibetischen Viehhirtenfamilie in der westchinesischen Provinz Gansu. Das Bild auf seinem Personalausweis zeigt einen jungen Mann mit kurzen Haaren und einem Gesichtsausdruck, der trotzig, traurig oder müde sein könnte. Kyab war verheiratet und im vergangenen Frühjahr Vater geworden. Das ist fast alles, was über sein Leben bekannt ist. Über seinen Tod gibt es detailliertere Informationen…

Bernhard Bartsch | 08. Februar 2013 um 07:46 Uhr

 

Endstation Shanghai

Einst wurde der Transrapid als Verkehrsmittel der Zukunft gefeiert. Heute ist er in China nur noch eine zweitklassige Touristenattraktion.

Hier? „Ja, hier“, sagt der Taxifahrer und stößt die Tür auf. Bis zum Bahnhof Longyang will er nicht fahren. „Dort finde ich keine Passagiere“, entschuldigt er sich. Der Fahrgast soll also bitte an der Kreuzung davor aussteigen. Tatsächlich ist der Taxistand vor der Station abgesperrt, die Anwohner spielen dort jetzt Federball. So weit ist es also gekommen mit Deutschlands einstigem Zug der Zukunft. Longyang ist die Endhaltestelle des Transrapid, der seit zehn Jahren in Schanghai fährt…

Bernhard Bartsch | 02. Februar 2013 um 07:51 Uhr

 

Pekinger Husten

Darf ein Lungenleiden nach Chinas Hauptstadt benannt sein?

Heute müssen wir, ich bitte um Verständnis, über meinen Husten sprechen. Anfang November war er wieder da, pünktlich wie eh und je. Seitdem kratzt er im Hals, rumpelt durch meine Lungen und ärgert mich beim Treppensteigen. Obwohl ich nicht erkältet bin, wird er mich bis zum Frühling begleiten. Der Katarrh ist ein alter Bekannter: der berüchtigte „Pekinger Husten“. Seit 14 Jahren verbringen wir den Winter zusammen…

Bernhard Bartsch | 01. Februar 2013 um 07:54 Uhr

 

Chinas Standortnachteil

Nach einer Woche extremer Luftverschmutzung können die Pekinger wieder frei atmen. Trotzdem mindert der Smog die Attraktivität der chinesischen Städte.

Ein Mann im grauen Anzug steht in einer grauen Schuttlandschaft, das Gesicht von einer Gasmaske verdeckt. Im Hintergrund pusten Fabrikschlote dreckigen Rauch in den Himmel. «Der Weg ist noch lang. Deine Gesundheit entscheidet, wie weit du kommst», lautet der dazugehörige Slogan, mit dem die chinesische Firma Yuanda im Internet ihre Luftreiniger bewirbt. Yuanda ist für aufsehenerregende Werbung bekannt: Im vergangenen Jahr gelang der Marke ein PR-Coup mit der Erklärung, man habe 200 Geräte im Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai installiert. Dass die Parteiführung ihre Atemluft reinigen lässt, während sie gegenüber ihrem Volk das Ausmass der Luftverschmutzung herunterspielt, löste im Internet einen Sturm der Entrüstung aus – und machte Yuanda weithin bekannt. Derzeit verkaufen sich die Luftwäscher jedoch fast ohne Werbung…

Bernhard Bartsch | 20. Januar 2013 um 07:57 Uhr

 

Peking hält die Luft an

Chinas Hauptstadt leidet unter dramatischer Luftverschmutzung. Die Pekinger machen dafür ihre Regierung verantwortlich.

PEKING Pan Shiyi ist ein mächtiger Mann. Mehr als 13 Millionen Chinesen folgen dem Pekinger Bauunternehmer und Fernsehstar bei „Weibo“, dem chinesischen Twitter. Dieser Tage beglückte der scharfzüngige Pan seine Fans mit einer besonders treffenden Anekdote. „Die Beamten haben mich einmal zum Teetrinken eingeladen, weil ich etwas über Pekings Luftqualität geschrieben hatte“, berichtete Pan. Teetrinken ist in China ein Synonym für eine Vorladung bei der Staatssicherheit. „Ausländische Kräfte benutzen dich“, habe ein Beamter ihm vorgeworfen. „Weißt du, was das für ein Problem ist?“ Die beißende Kritik in Pans kleiner Geschichte konnte keinem entgehen…

Bernhard Bartsch | 15. Januar 2013 um 08:00 Uhr

 

Einsam, ängstlich, unzufrieden

Chinas Ein-Kind-Politik hat eine Generation von kleinen Kaisern hervorgebracht – mit psychologischen Folgen.

Song Le könnte zufrieden sein. Der 20-jährige Pekinger hat erreicht, wovon Millionen Gleichaltriger träumen. Er studiert an einer renommierten Pekinger Universität. Es ist der Lohn jahrelanger Paukerei für die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung. Seine Mutter, die als Haushaltshilfe arbeitet, ist stolz: Ihr Sohn kann damit rechnen, einen gut bezahlten Job zu bekommen und sozial aufzusteigen. Doch Song Le ist nicht zufrieden…

Bernhard Bartsch | 11. Januar 2013 um 08:02 Uhr

 

Aufstand gegen den Zensor

Ein Fall von Zensur bringt liberale Medien in China auf die Palme. Erstmals seit Jahrzehnten treten Journalisten im Reich der Mitte in den Streik.

Nach der Logik chinesischer Propagandakader hat Tuo Zhen alles richtig gemacht. Als der Chefzensor der Provinz Guangdong in den Vordrucken für die Neujahrsausgabe der einflussreichen Wochenzeitung «Nanfang Zhoumo» einen Leitartikel entdeckte, der offen politische Reformen forderte, liess er den Text kurzerhand aus dem Blatt schmeissen. Den weissen Platz füllte Tuo mit einem Meinungsstück aus eigener Feder – einer Lobeshymne auf die Errungenschaften der Kommunistischen Partei. Den Redaktoren wollte er damit eine Lektion erteilen: Sie sollten nicht glauben, die Regeln der politischen Korrektheit ignorieren zu können…

Bernhard Bartsch | 08. Januar 2013 um 08:04 Uhr

 

China will Arbeitslager schließen

Peking plant die Abschaffung der umstrittenen Administrativhaft. An den Repressionen gegen Regimekritiker dürfte das aber vorerst nichts ändern.

Hunderttausende chinesische Regimekritiker wurden in den vergangenen Jahrzehnten zur „Umerziehung durch Arbeit“ geschickt, nun sollen die umstrittenen Lager geschlossen werden. Der ranghöchste Justizkader der Kommunistischen Partei, Meng Jianzhu, erklärte am Montag bei einer internen Sitzung, die Arbeitslager würden noch in diesem Jahr aufgelöst. Das berichtet die gewöhnlich gut informierte Hongkonger South China Morning Post. Dem 1957 unter Mao Zedong eingeführten System, mit dem Sicherheitskräfte angebliche Unruhestifter jahrelang ohne Gerichtsverfahren inhaftieren dürfen, solle bei der jährlichen Parlamentssitzung im März die Rechtsgrundlage entzogen werden…

Bernhard Bartsch | 07. Januar 2013 um 08:07 Uhr

 

Chinas frohe Botschaft

Immer mehr Chinesen finden zum christlichen Glauben, die chinesische Konkurrenzgesellschaft empfinden sie als egoistisch und materialistisch.

Für Herrn Meng ist Gott allmächtig. «Früher habe ich gestottert und brachte keinen geraden Satz heraus», erzählt der Mittvierziger. «Dann bin ich Christ geworden – und Sie hören ja, wie ich jetzt sprechen kann!» Allerdings. Herr Meng redet seit zwanzig Minuten wie ein Wasserfall von Gottes Wundern, der Bibel und dem Weihnachtsfest. Seine rund 60 Zuhörer sitzen eng gedrängt auf schmalen Bänken und kleinen Hockern. Sie alle sind an diesem Adventssonntag zum ersten Mal zu einem Gottesdienst in die Pekinger Chongwenmen-Kirche gekommen und im Anschluss zu einer Einführung in den christlichen Glauben eingeladen worden. «Im Alltag erleben wir alle, wie eigennützig und boshaft Menschen sein können», erklärt Herr Meng, einer der Gemeindeältesten. «Aber Gott ist gerecht, ihm können wir vertrauen.» Er lässt eine Liste mit den Terminen der regelmässigen Bibelstunden herumgehen. Viele tragen sich ein…

Bernhard Bartsch | 23. Dezember 2012 um 08:10 Uhr

 

Im roten Minenfeld

Chinas Literaturnobelpreisträger Mo Yan sorgt mit Äußerungen über Zensur für Aufregung. Kritiker werfen ihm liebedienerische Angepasstheit vor.

Dass die Frage kommen würde, war unvermeidlich: Fast zwei Monate hatte Chinas Literaturnobelpreisträger Mo Yan Zeit, sich zurechtzulegen, was er vor der Weltpresse zum Thema Zensur sagen wollte (Auf dem Pressefreiheits-Index der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ belegt China Rang 174 von insgesamt 179 Ländern.). Als es dann am Donnerstag bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der Nobelpreisfeierlichkeiten in Stockholm soweit war, überraschte Mo Yan mit einem Vergleich…

Bernhard Bartsch | 07. Dezember 2012 um 15:25 Uhr

 

Herz in Sojasoße

Mo Yans Romane sind auch eine Liebeserklärung an seine Heimatregion Gaomi. Jetzt ist der Geburtsort des Literaturnobelpreisträgers eine nationale Attraktion.

Sie haben die Rettiche aus dem Boden gerissen, und die Äste von den Bäumen gerupft. Mehrere Dachziegel sind verschwunden, und aus dem Plumpsklo in der Ecke des Hofes stinkt es. „Alles ziemlich verrückt“, brummt Guan Moxin bei seinem täglichen Inspektionsgang durch das kleine Gehöft seines Bruders. Zum Glück lasse sich die Haustür abschließen, meint Guan, sonst hätten die Souvenirjäger sicher auch drinnen geplündert. Nicht, dass in dem verlassenen Bauernhaus etwas Wertvolles zu holen wäre: ein alter Wok, ein paar zerzauste Besen, eingestaubte Bettmatten, zwei kaputte Koffer. Doch seit der ehemalige Bewohner am 11. Oktober den Literaturnobelpreis zugesprochen bekommen hat, ist seine Geburtsstätte im ostchinesischen Landkreis Gaomi eine nationale Attraktion geworden, und sein älterer Bruder zu ihrem unfreiwilligen Verwalter…

Bernhard Bartsch | 07. Dezember 2012 um 08:05 Uhr

 

Positive Rhetorik, negative Fakten

Chinas neue Führung nutzt den Welt-Aids-Tag, um engagierte Bürgerrechtler zu würdigen. Doch Aktivisten bezweifeln Pekings Ernsthaftigkeit – zu Recht.

Weht in Peking ein frischer Wind? Zwei Wochen nach dem Generationenwechsel in der Kommunistischen Partei nutzt Chinas neue Führung den Welt-Aids-Tag für die erste öffentliche Demonstration ihrer Reformbereitschaft. Am Montag traf sich Vize-Premier Li Keqiang, die neue Nummer zwei in der Partei-Hierarchie, mit Vertretern von zwölf Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die HIV-Infizierte unterstützen und Aufklärungsarbeit betreiben. „Die Zivilgesellschaft spielt im nationalen Kampf gegen HIV/Aids eine unverzichtbare Rolle“, erklärte Li und versprach den Aktivisten für die Zukunft finanzielle Unterstützung und „größere Spielräume“. Was in westlichen Staaten ein unspektakulärer Routinetermin wäre, kann in Peking als kleine Sensation gelten…

Bernhard Bartsch | 30. November 2012 um 12:06 Uhr

 

Der große Lachangriff

Chinas Internetgemeinde torpediert Pekings Parteitagspropaganda. Für Xi Jinping wird der Kontrollverlust über die öffentliche Meinung eine zentrale Herausforderung.

Was war das nur für eine Rede, die Chinas Staatschef Hu Jintao da beim Parteitag in Pekings Großer Halle des Volkes gehalten hat! Die Delegierte Chen Yecui aus dem ostchinesischen Shandong erzählte hinterher, sie habe vor Begeisterung so viel geklatscht, dass ihre Hände taub wurden. Die Abgeordnete Li Jian aus der armen Provinz Ningxia war so ergriffen, dass sie fünfmal in Tränen ausgebrochen sein will. Der Pekinger Parteivertreter Ju Xiaolin malte spontan einen Herzchen-Comic und schrieb ein emotionales Gedicht, das er mit tränenerstickter Stimme vortrug: „In der 64-seitigen Rede des 18. Parteitags habe ich sie endlich gefunden: die neue Hoffnung in meinem Herzen.“ Liang Wengen, Gründer des Baumaschinenherstellers Sany und einer der reichsten Männer Chinas, versprach, er würde der Partei all seine Milliarden schenken, sie müsse nur danach fragen. Kann man derartige Begeisterung für Hus 90-minütigen, mit monotoner Stimme vorgelesenen Arbeitsbericht ernst nehmen? Kann man nicht…

Bernhard Bartsch | 16. November 2012 um 09:27 Uhr

 

Neue Tonlage

Xi Jinping übernimmt die Führung der Kommunistischen Partei Chinas. In Pekings innerstem Machtzirkel dominieren die Konservativen.

Die größte Überraschung an diesem Donnerstagmorgen ist wohl die Stimme. Mit tiefem, warmem Bass wendet sich Xi Jinping in Pekings Großer Halle des Volkes an seine Landsleute. „Die Plenarsitzung des Zentralkomitees der Partei hat mich zum Generalsekretär gewählt“, verkündet der 59-Jährige und präsentiert sich damit gewissermaßen selbst als Chinas neuer Staatschef. Dass die 14-minütige Ansprache, die den hart umkämpften Generationswechsel in der Kommunistischen Partei formal zum Abschluss bringt, für viele Chinesen das erste Mal ist, dass sie Xi bewusst sprechen hören, verrät einiges über Chinas politisches System…

Bernhard Bartsch | 15. November 2012 um 17:29 Uhr