Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Zwölf Fäuste für den Frieden

Sechs chinesische Polizisten haben versehentlich die Frau ihres Chefs krankenhausreif geschlagen und so eine Diskussion über staatliche Willkür entfacht.

Sechzehn Minuten sind eine lange Zeit. Wenn man misshandelt wird, sind 16 Minuten eine Ewigkeit. Bei Profiboxkämpfen werden in sechzehn Minuten volle vier Runden absolviert, inklusive Pausen. Doch für Chen Yulian gab es keine Unterbrechung. Sechzehn Minuten lang wurde die 58-Jährige am Eingangstor der Provinzzentrale der Kommunistischen Partei im zentralchinesischen Wuhan  von sechs Polizisten geschlagen, getreten und beschimpft, bis sie in Ohnmacht fiel. Zweifel an ihrem Verhalten befiel die Aggressoren erst, als man ihnen später mitteilte, wen sie da malträtiert hatten: nicht etwa irgendeine hilflose ältere Dame, sondern die Ehefrau eines hohen Vorgesetzten.

Der Fall, der sich bereits am 23. Juni abspielte, aber erst jetzt an die Öffentlichkeit gelangte, hat in der Volksrepublik eine heiße Diskussion über willkürliche Polizeigewalt entfacht. Jährlich werden Millionen Chinesen, die ihre Rechte durchzusetzen versuchen oder sich gegen Korruption und Amtsmissbrauch wehren, von Polizisten und angeheuerten Schlägertrupps eingeschüchtert, beschimpft, geschlagen oder verhaftet. Auch Chen wurde von den Zivilbeamten am Tor der Polizeizentrale für eine Beschwerdestellerin gehalten und wurde so Opfer von Handlungsanweisungen, die in der direkten Verantwortung ihres Mannes liegen. Denn Huang Shiming ist Direktor von Wuhans „Büro zur Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität und Sicherheit“ und damit dafür zuständig, Proteste und Demonstrationen zu verhindern. Bisher waren seine Vorgesetzten mit Huang so zufrieden, dass er vergangenes Jahr sogar von Staats- und Parteichef Hu Jintao geehrt wurde. Seine Frau liegt seit nunmehr einem Monat im Krankenhaus.

Dass Chens Fall überhaupt bekannt wurde, ist ein erneuter Beweis für die Macht des Internets in China, aber auch das Verdienst mutiger chinesischer Journalisten. Aus Wut über den Vorfall schrieb Chens Schwester Chen Cuilian einen Eintrag für ein Blogforum, wo ein Redakteur der für ihre Recherchen zu sensiblen Themen berühmten „Südlichen Metropolenzeitung“ wurde darauf aufmerksam und recherchierte nach. Demnach soll Chens Martyrium in voller länge auf Überwachungskameras festgehalten sein, auf dem zu sehen sei, dass die sechs Zivilpolizisten aus dem Wärterhäuschen auf sie zustürmen und ohne eine Frage zu schlagen beginnen. Als Chen nach den ersten Hieben erklären kann, sie sei Angehörige eines hohen Parteidirektors, soll einer der Polizisten erwidert haben: „Ich würde dich auch verprügeln, wenn du die Frau des Gouverneurs wärst. Also was?“ Der Zeitung zufolge sollen die Beamten noch minutenlang auf die ohnmächtige Frau eingetreten haben sollen, bevor sie ins Wartezimmer für Beschwerdesteller gebracht wurde. Dort kam sie wieder zu sich und konnte ihren Mann anrufen. Im Krankenhaus wurden eine Gehirnerschütterung, zahlreiche Blutergüsse und Nervenverletzungen festgestellt.

Zwar versuchte sich ein Vorgesetzter der Übeltäter, die inzwischen vom Dienst suspendiert wurden, bei Chen zu entschuldigen – doch damit machte er alles noch schlimmer. „Der Vorfall war ein vollkommenes Missverständnis. Unsere Polizisten wussten ja nicht, dass sie die Ehefrau eines hochrangigen Beamten schlugen“, erklärte er. Seitdem stehen in zahlreichen Webforen Sätze wie: „Ihr habt also die falsche Person zusammengeschlagen – wer wäre denn die richtige gewesen?“ Der Aufruhr ist so groß, dass selbst die offiziellen Medien über den Fall berichten.  So bezeichnete etwa die Zeitung „Xiandai Kuaibao“, die von der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua herausgegeben wird, Gewalt gegen Beschwerdesteller als ein großes Problem. Im Internet werden die Kommentare jedoch noch direkter: „Premier Wen Jiabao sagt immer, die Regierung soll dafür sorgen, dass das Volks in Würde leben kann, aber in Wirklichkeit ist unser leben sehr unsicher“, schreibt ein Benutzer des Onlinedienstes QQ. Ein anderer gibt der Parteispitze in Peking eine direkte Mitschuld an der Anarchie im Staatsapparat: „Der Fall zeigt, das die Polizisten ihre Sache verstehen und gut ausgebildet sind. Starke Generäle dulden eben keine schwachen Soldaten.“

Bernhard Bartsch | 22. Juli 2010 um 02:28 Uhr

 

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