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Zwischen Angst und Alltag

In Tokio demonstrieren die Menschen Normalität – und können doch den Schrecken nicht vertreiben. Viele versuchen, die Millionenstadt zu verlassen.

Was für einen Unterschied ein kleiner Wetterumschwung macht. Nachdem der Wind über Nordjapan in der Nacht gedreht hat, so dass eine Strahlenwolke aus Unglückskernkraftwerk Fukushima nicht mehr Richtung Tokio, sondern auf den Pazifik wehen würde, versuchen die Hauptstadtbewohner am Mittwochvormittag wieder zum Alltag zurückzukehren. „Als ich heute morgen aufgewacht bin, habe ich als erstes die Nachrichten angemacht“, sagt ein Mann, der im Stadtteil Shinjuku zur Arbeit geht. „So wie es aussieht, sind wir von einer Katastrophe verschont geblieben.“

Bis zum Wochenende soll der Wind beständig nach Osten blasen, prophezeien Meteorologen, weisen allerdings daraufhin, dass ihre Prognosen mit Vorbehalt zu genießen sind. Dennoch bemühen sich die Tokioter darum, dort weiterzumachen, wo sie vor dem verheerenden Beben am vergangenen Freitag aufgehört haben. Geschäfte und Restaurants, die am Dienstagabend noch früh geschlossen haben, öffnen wieder. In den Läden werden die Lebensmittelbestände aufgefüllt, an Baustellen wird wieder gearbeitet, auf Schulhöfen haben Kinder Sportunterricht. Hausfrauen hängen Wäsche auf den Balkon, alte Menschen gehen am Fluss spazieren. Es ist, als sollte die demonstrative Normalität den Schrecken der letzten Tage vertreiben.

Trotzdem werden die Auswirkungen des Bebens noch lange zu spüren sein: In weiten Teilen der Stadt wird in den kommenden Wochen jeden Tag für mehrere Stunden der Strom ausfallen, eine Rationierungsmaßnahme infolge der Kraftwerksausfälle. Auch das öffentliche Verkehrssystem wird aufgrund der Sparmaßnahmen nur eingeschränkt funktionieren.

Angesichts des erschreckenden Ausmaßes der Katastrophe wandte sich Kaiser Akihito am Mittwoch in einer seiner seltenen öffentlichen Stellungnahmen an sein Volk. „Die Zahl der Toten steigt von Tag zu Tag, und wir wissen nicht, wie viele Menschen gestorben sind“, sagte der 77-Jährige in einer Fernsehansprache. Er könne nur „beten, dass die Rettungseinsätze schnell vonstatten gehen und das Leben der Menschen besser wird, wenigstens ein bisschen“. Es war das erste Mal, dass sich der Kaiser nach einer Naturkatastrophe im Fernsehen an sein Volk wandte. Viele Tokioter versuchen noch immer, die Stadt zu verlassen. Zugtickets in den Süden der Stadt sind rar, vor Tankstellen bilden sich lange Schlangen.

Regierungssprecher Yukio Edano bat die Bevölkerung, keine Panikkäufe zu tätigen. „Die Versorgungslage mit Treibstoff wie Benzin, Schweröl und Leichtöl in den vom Erdbeben betroffenen Gebieten verschlechtert sich und wir tun unser bestes, um Lieferungen dorthin sicherzustellen“, sagte Yukio Edano. Die Erklärung dürfte allerdings kaum geeignet sein, die Angst der Menschen vor Versorgungsengpässen zu lindern.

Auf dem internationalen Flughafen Narita verlassen am Mittwoch Zehntausende Menschen die Krisenrregion. Dass einige Fluglinien, darunter auch die Lufthansa, ihre Flüge zur Metropole Tokio einstweilen ausgesetzt haben, löste bei vielen Menschen vor Ort Panik aus. Hunderte haben in der Hoffnung auf Standby-Tickets oder Sonderflüge in der Abflughalle übernachtet, alle flughafennahen Hotels sind ausgebucht.

Unter den Flüchtenden sind neben vielen Ausländern auch Japaner. „Wir haben das erstbeste Ticket gekauft, das wir bekommen konnten“, erzählt ein junges Paar aus Tokio, das sich auf den Weg nach München machte. „Es ist ein schlechtes Gefühl, unser Land in dieser Situation zu verlassen, aber wir haben einfach Angst.“ Dass immer wieder starke Nachbeben die Flughafengebäude erschüttern, löst bei den meisten kaum noch ein Wimpernzucken aus – die wahre Bedrohung ist eine andere.

In den Katastrophengebieten wurden am Mittwoch verzweifelte Hilfsappelle laut. Seine Stadt brauche Essen, Trinkwasser und Treibstoff, sagte der Bürgermeister von Koriyama, Masao Hara. Koriyama liegt 50 Kilometer westlich des Atomkraftwerks Fukushima 1. Der Gouverneur von Aomori, Shingo Mimura, erklärte, seine Region bedürfe dringend der Hilfe der Zentralregierung.

Der für Katastrophenschutz zuständige Staatsminister Ryu Matsumoto räumte ein, es gebe „eine Vielzahl an Problemen“. Japans Verteidigungsministerium kündigte die Entsendung von 6400 Reservisten in das Erdbeben- und Tsunamigebiet an. Sie sollen 100.000 reguläre Soldaten bei den Rettungs- und Aufräumarbeiten unterstützen.

Den Katastrophenopfern macht nun zudem ein Kälteeinbruch zu schaffen. In einigen Gegenden des Katastrophengebietes im Nordosten des Landes bedeckte eine Schneedecke die Trümmerlandschaft. Die Temperaturen sanken auf den Nullpunkt. Das Wetteramt sagte für Donnerstag minus fünf Grad voraus. Ein Bewohner der Stadt Kesennuma in der Präfektur Miyagi wollte sich aber trotz Schnees und Verwüstung nicht unterkriegen lassen. „Ich danke Gott, dass er mein Leben gerettet hat“, sagte Hideo Chiba, dessen Haus bei der Katastrophe am Freitag zerstört worden war. Während er die Trümmer sortierte, versicherte er „sogar dankbar“ zu sein, dass er etwas zu tun habe.

Beim Kampf gegen die Reaktorkatastrophe hat Japan inzwischen Hilfe im Ausland angefordert – eine Maßnahme, die einige Experten schon seit Tagen fordern. Ein Tepco-Sprecher erklärte, man brauche mehr Hilfe von den in Japan stationierten US-Truppen. Diese waren erstmals am Dienstag bei Löscharbeiten eingesetzt worden. Japans Botschafter bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien teilte mit, seine Regierung habe um die schnellstmögliche Entsendung von Experten gebeten. Das Team solle ausländische Regierungen mit unabhängigen und verlässlichen Erkenntnissen über die Lage in Fukushima versorgen. Tokios Informationspolitik war in den vergangenen Tagen wiederholt kritisiert worden, nicht zuletzt von IAEA-Chef Yukiya Amano, ehemals selbst Mitarbeiter der japanischen Regierung.

Bernhard Bartsch | 16. März 2011 um 14:44 Uhr

 

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