Bernhard Bartsch

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Zweifelhafte Ehre

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist für den obskuren Konfuzius-Preis nominiert – wegen ihrer Verdienste um den Frieden in Europa.

Die Euro-Rettung wird teuer, aber vielleicht verdient Angela Merkel bald etwas dazu: Wegen ihrer „Verdienste um den Frieden in Europa“ ist die deutsche Bundeskanzlerin für den chinesischen Konfuzius-Preis nominiert, der mit 100 000 Yuan dotiert ist, immerhin 11 300 Euro. Das macht zwar noch keinen Rettungsschirm, aber auch kleine Spenden können helfen, und bei Börsenhändlern stehen chinesische Vertrauensbeweise für die europäische Gemeinschaftswährung ohnehin hoch im Kurs.

Trotzdem dürfte Merkel hoffen, dass ihr der Konfuzius-Preis erspart bleibt. Denn mit dem Geld ginge die zweifelhafte Ehre einer Auszeichnung einher, die vergangenes Jahr von chinesischen Nationalisten ins Leben gerufen wurde, um gegen den Friedensnobelpreis für den inhaftierten Demokratie-Aktivisten Liu Xiaobo zu protestieren. Mit der Ehrung eines „Kriminellen“ habe sich das Nobelkomitee in Chinas interne Angelegenheiten eingemischt, wetterte damals die Kommunistische Partei. Als größtes Volk der Erde hätten die Chinesen allemal mehr Recht zu entscheiden, wer etwas für den Weltfrieden geleistet habe, als eine Handvoll Norweger. Der erste Konfuzius-Preis wurde dem taiwanesischen Politiker Lien Chan zugesprochen, der die Ehrung allerdings nicht entgegennahm. Dieses Jahr stehen auf der Nominierungsliste neben Merkel ausgewiesene Friedensengel wie Russlands Premier Wladimir Putin oder der Panchen Lama, der parteigesteuerte zweithöchste Mönch im tibetischen Buddhismus. Ironisch ist auch die Nominierung des ehemaligen Uno-Generalsekretärs Kofi Annan, der 2001 bereits in Oslo geehrt wurde.

Vergeben werden soll der Konfuzius-Preis am 9. Dezember, demonstrativ einen Tag vor der Verleihung der Nobelmedaille. Ausgelobt wird die Ehrung vom Chinesischen Verband zum Schutz traditioneller Dorfkultur, einer undurchsichtigen Einrichtung unter dem Dach des Kulturministeriums. Den Vorsitz des Preiskomitees übernimmt der obskure Parteiintellektuelle Liu Haofeng, auf dessen offizieller Vita Posten stehen wie „Meister für Staatsrituale im Außenministerium“ oder „Gründer des Komitees für die Rückkehr zu Moral und seelischer Harmonie“.

Chinesische Internetaktivisten spotteten vergangenes Jahr, mit der Gegenauszeichnung im Namen von Chinas Nationalphilosophen habe sich die Volksrepublik auf eine Stufe mit den Nazis gestellt: Als der Friedensnobelpreis 1936 dem inhaftierten deutschen Pazifisten Carl von Ossietzky zugesprochen wurde, stiftete Adolf Hitler per Führererlass den „Deutschen Nationalpreises für Kunst und Wissenschaft“.

Bernhard Bartsch | 20. September 2011 um 02:38 Uhr

 

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