Bernhard Bartsch

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Zürcher Banker hilft Chinas Propaganda

China-Repräsentant der Zürcher Kantonalbank bezeichnet Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo als Kriminellen. Das Bankhaus distanziert sich.

Ist der Demokratieaktivist und diesjährige Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo ein Krimineller? Diese Meinung vertreten Chinas Kommunistische Partei – und die Zürcher Kantonalbank. Diesen Eindruck dürften jedenfalls Leser der chinesischen Zeitung «Global Times» bekommen haben, die am Mittwoch einen Meinungsbeitrag des China-Repräsentanten der ZKB, Liu Zhiqin, lasen.

«Das Friedensnobelpreiskomitee hat Liu Xiaobo gewonnen, aber das Vertrauen von 1,3 Milliarden Chinesen verloren», schreibt der Banker. «Sie unterstützen einen Kriminellen und schaffen 1,3 Milliarden , die mit dem Nobelkomitee unzufrieden sind, was definitiv eine schlechte Entscheidung ist.» Damit wiederholt Liu fast wörtlich Formulierungen des chinesischen Propagandaapparates, der die Vergabe des Friedenspreises als Teil einer westlichen Verschwörung darstellt, deren Ziel die Eindämmung Chinas sei.

Liu Xiaobo verbüsst derzeit für seine Mitautorenschaft an dem Demokratiemanifest «Charta 08», das die Einführung von freien Wahlen und rechtsstaatlichen Strukturen fordert, eine elfjährige Haftstrafe. Seit der Bekanntgabe der Auszeichnung am 8. Oktober stehen Dutzende seiner Anhänger sowie seine Frau unter Hausarrest. Im chinesischen Internet werden unabhängige Informationen über Liu Xiaobo zensiert.

Ein Vorgehen, das der ZKB-Repräsentant mit keinem Wort kritisiert – im Gegensatz zur westlichen Unterstützung für Liu Xiaobo. «Es ist derzeit die Einstellung der Westler, gegen alles zu sein, was China unterstützt, und alles zu unterstützen, wogegen China ist», schreibt Liu Zhiqin. Um die Meinung des Auslands zu ändern, schlägt er die Gründung eines «Konfuzius-Friedenspreises» vor, der an «echte Friedenspreisgewinner aus aller Welt» vergeben werden solle. Der Preis solle «Westlern beibringen, ihren eigenen Geist zu kultivieren und Menschen mit anderen nationalen Werten und Lebensarten freundlich zu behandeln.» Unterschrieben ist der Artikel mit Lius Namen und seiner offiziellen Jobbezeichnung. Es war nicht das erste Mal, dass Liu in seiner Funktion als ZKB-Repräsentant in der «Global Times» starke nationalistische Positionen vertrat, unter anderem bei Fragen des Klimaschutzes oder beim Umgang mit Japan und den USA.

Bei der Zürcher Traditionsbank, die in ihrer Selbstbeschreibung damit wirbt, «seit Jahren erfolgreiches wirtschaftliches Handeln mit der Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft in Einklang» zu bringen, zeigte man sich über Lius Äusserungen irritiert. «Das muss die private Meinung unseres Repräsentanten sein», sagte eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage. «Als Staatsbank sind wir neutral und kommentieren nicht das politische Geschehen in der Schweiz oder anderen Ländern.» Diese Neutralität verlange die Bank auch von ihren Mitarbeitern. «Wir suchen das Gespräch mit unserem Repräsentanten», erklärte die Sprecherin. «Derartige Meinungsäusserungen werden nicht wieder vorkommen.»

Bernhard Bartsch | 20. November 2010 um 03:39 Uhr

 

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