Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Zum Einstand eine Rakete

Nach dem Tod Kim Jong-ils soll sein jüngster Sohn Kim Jong-un die Macht übernehmen. Als erste Amtshandlung zündete er eine Kurzstreckenrakete.

Schluchzende Menschen beweinen auf den Straßen und Plätzen den Tod ihres „Geliebten Führers“: Nordkoreanische Fernsehbilder dokumentieren die öffentliche Trauer nach dem Tod von Diktator Kim Jong-il. Eine in Schwarz gekleidete Nachrichtensprecherin hatte am Montagmorgen mit tränenerstickter Stimme verkündet, dass der 69-Jährige am Samstag während einer Zugfahrt im Alter an Herzversagen gestorben sei. Er hatte Nordkorea seit dem Tod seines Vater Kim Il-sung im Jahr 1994 regiert und das abgeschottete und verarmte Land zur Atommacht gemacht.

„Die Erschütterung der Menschen ist echt“, berichtet ein Europäer in Pjöngjang per Telefon. „Niemand hat damit gerechnet.“ Obwohl Kim nach einem Schlaganfall im Jahr 2009 als schwerkrank galt, hatte Nordkoreas Propaganda das Volk nie über den kritischen Gesundheitszustand ihres Führer informiert. Die offizielle Trauerfeier soll am 28. Dezember stattfinden. Die Regierung hat eine Trauerperiode bis zum 29. Dezember ausgerufen. Die Macht soll nun Kims jüngster Sohn, Kim Jong-un, übernehmen. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA bezeichnete ihn am Montag als „großen Nachfolger“. Als erste Amtshandlung soll er am Montag eine Kurzstreckenrakete getestet haben, berichtete die südkoreanische Agentur Yonhap. Damit will er offenbar seine Macht demonstrieren und sich die Loyalität des Militärs sichern.

Über die Stabilität des Landes herrscht große Unklarheit. „Niemand weiß, wie gefestigt Kim Jong-uns Macht ist“,sagt Kim Taewoo, Präsident von Südkoreas staatlichem Institut für Wiedervereinigung dieser Zeitung. „Theoretisch ist alles denkbar – auch ein offener Machtkampf.“ Kim Jong-uns eigene Führungsqualitäten bezweifelt er. „Er hat keine eigene Machtbasis, keine politische Plattform, keine charismatische Persönlichkeit“, sagt Kim. „Trotzdem werden Nordkoreas privilegierte Klassen, allen voran auch das Militär, alles tun, um am Status quo festzuhalten.“ Eine gewachsene militärische Bedrohung sieht er deshalb vorerst nicht. Südkoreas Regierung versetzte ihr Militär in Alarmbereitschaft.

Paik Hak-soon, Nordkoreaexperte am Sejon-Institut in Seoul, sieht Kim Jong-uns Macht gefestigt genug, um einen unmittelbaren Zusammenbruch des nordkoreanischen Regimes auszuschließen. „Offensichtlich haben sich die Mächtigen in den letzten beiden Tagen darauf verständigt, dass Kim Jong-un tatsächlich der neue Führer werden soll“, sagt Paik. „Kurzfristig rechne ich deshalb nicht mit Veränderungen.“

Der südkoreanische Nordkoreaforscher und Menschenrechtsaktivist Kim Sang-hun ist weniger sicher. „Die Situation ist im Moment wie einem American Football, der in der Luft ist und bei dem keiner sagen kann, wie er nach dem Aufprall abspringen wird“, sagt Kim. Internationale Regierungen, allen voran China und die USA, würden nun versuchen, ihre Kontakte nach Pjöngjang zu nutzen und die dortigen Eliten an sich zu binden. „In Nordkorea gibt es viele konkurrierende Interessen und ich gehe von einem großen Machtkampf aus“, sagt Kim.

Über Kim Jong-un ist wenig bekannt. Sein Geburtsjahr wird je nach Quelle mit 1982, 1983 oder 1984 angegeben. Einen Großteil seiner Jugend verbrachte er in der Schweiz, wo er in der nordkoreanischen Botschaft lebte und die Internationale Schule Bern besuchte. Demnach müsste er über gute Englisch-Kenntnisse sowie einige Deutsch- und Französisch-Kenntnisse verfügen. Mitschüler kolportierten, der Diktatorensohn liebe Basketball sowie Actionfilme und sei bei seinen internationalen Klassenkameraden beliebt gewesen. 1998 verließ Kim die Schule angeblich ohne Abschluss und verschwand in Nordkorea, wo bis auf vereinzelte Berichte über gemeinsame Inspektionsreisen mit seinem Vater lange Jahre nichts von ihm zu hören war.
Im Mai 2009, unmittelbar nach Nordkoreas zweitem Atombombentest, informierte das Regime dann seine Auslandsvertretungen über die Wahl des Machterben. Im September 2010 wurde er dann auf einem Sonderparteitag in den Rang eines Vier-Sterne-Generals erhoben und in führende Parteigremien befördert.

 

Als Mentoren sollen ihm die Schwester seines Vaters, Kim Kyoung-hui, sowie deren Mann Chang Song-taek dienen und die Macht des Kim-Clans absichern. Chang war bisher Kim Jong-ils Stellvertreter in der Nationalen Verteidigungskommission, der wichtigsten Machtzentrale. In der Armeeführung soll die Beförderung von Kim Jong-un auf große Vorbehalte gestoßen sein. Auch Nordkoreas wichtigster politischer Verbündeter, China, soll sich gegen die dynastische Erbfolge ausgesprochen haben und für eine Kollektivführung der Arbeiterpartei plädiert haben.

Bernhard Bartsch | 19. Dezember 2011 um 16:58 Uhr

 

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