Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Zug um Zug

China will nicht länger globaler Lieferant für Billigwaren sein und steckt Milliarden in die Entwicklung eigener Technologien.

Deutschland hat den ICE, Frankreich den TGV und Japan seinen Shinkansen. Nun verfügt auch China über einen eigenen Hochgeschwindigkeitszug, und zwar einen, der alle Konkurrenten überholt: Bis zu 350 Stundenkilometer erreicht der „Zidan“ (wörtlich: Geschoss), der seit Ende Dezember zwischen der südchinesischen Metropole Guangzhou und der Jangtse-Stadt Wuhan verkehrt. Die 1 068 Kilometer schafft er in drei Stunden. Chinesischen Medien zufolge rechnet die Volksrepublik für ihr Schienengeschoss mit einem Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Vor allem aber ist der Zidan ein Symbol des chinesischen Aufstiegs von einem armen Drittweltland zu einer modernen Wirtschaftsmacht. Denn obwohl Deutsche, Franzosen und Japaner zwei Jahrzehnte lang darum gebuhlt haben, China ihre Schnellzüge zu verkaufen, haben die Chinesen es geschafft, ein eigenes System zu entwickeln.

Zwar stammen Komponenten und Know-how zum Teil aus Gemeinschaftsunternehmen mit den ausländischen Konkurrenten, aber die Kontrolle liegt in chinesischer Hand, womit das Land in der Lage ist, den Ausbau seines Eisenbahnnetzes ohne Abhängigkeiten von fremden Technologielieferanten vorantreiben zu können. Von den 370 Milliarden Euro, die Peking in den kommenden sechs Jahren in den Schienenverkehr investieren will, wird nur ein weitaus geringerer Teil ins Ausland fließen, als die Manager von Siemens, Alstom oder Kawasaki sich einst erträumt haben. Und mehr noch: Die Chinesen wollen künftig auch an internationalen Ausschreibungen für Hochgeschwindigkeitsstrecken teilnehmen. Verhandlungen in den USA und Großbritannien laufen bereits. Analysten der japanischen Investmentbank Nomura trauen den chinesischen Firmen zu, außerhalb von China einen Weltmarktanteil von zehn Prozent des Eisenbahnmarktes zu erobern.

In der Entwicklung des Zidan spiegelt sich eine Strategie, die weit über die Eisenbahnbranche hinausreicht. Von der Raumfahrt über die Chipentwicklung bis zur Biotechnologie bemüht sich China in dutzenden Schlüsselindustrien um Eigenständigkeit. Dabei kämpft Peking an allen Fronten: Chinesische Universitäten bilden jährlich hunderttausende Ingenieure und Wissenschaftler aus, von denen die besten zum Studium ins Ausland geschickt werden. Unternehmen erhalten Milliardensubventionen, um eigene Technologie zu entwickeln, wobei die Verletzung ausländischer Patentrechte oft billigend in Kauf genommen wird. Gleichzeitig sorgen die Regulatoren in vielen Branchen dafür, dass ausländische Konzerne nur an Chinas Wachstumspotenzial teilhaben können, wenn sie zu engen Kooperationen mit chinesischen Partnern und hohem Technologietransfer bereit sind.

Trotz Kritik haben die Chinesen kein schlechtes Gewissen. Aus ihrer Sicht sorgen sie nur dafür, dass vom Wachstumspotenzial ihres Landes möglichst viel im eigenen Land realisiert wird. Bisher ist die Volksrepublik noch immer in erster Linie die globale Werkbank, deren Arbeiter billig produzieren, was in reichen Ländern für viel Geld verkauft wird. Geht in Deutschland etwa ein Made-in-China-Hemd für zehn Euro über den Ladentisch, verdienen die chinesischen Hersteller in der Regel nur einen Euro. Auch bei fortschrittlicheren Exportprodukten wie Computern ist der chinesische Wertschöpfungsanteil nur wenig höher, insbesondere wenn es sich um Auftragsherstellung handelt. Umgekehrt muss China seine eigenen Importe, neben Rohstoffen vor allem Hightechprodukte für den Aufbau von Fabriken und Infrastruktur, teuer bezahlen und akzeptieren, dass ein weitaus größerer Anteil des Kaufpreises im Herkunftsland bleibt. Zwar liegen Chinas Exporte weit über den Importen, und sie haben als einer der Haupttreiber der Wirtschaft dazu geführt, dass sich Chinas Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht hat. Doch auf 1,3 Milliarden Menschen umgelegt ist der chinesische Wohlstand noch immer bescheiden.

Zwar wissen die Chinesen, dass sie es schwer haben werden, in herkömmlichen Industrien zu einem echten Innovationsland zu werden. Doch in einigen Zukunftsbranchen rechnen sie sich gute Chancen aus, in kurzer Zeit ganz vorne mit zu spielen. So etwa bei Umwelttechnologien. Da China einen stark wachsenden Strombedarf hat, versucht das Land, für einen möglichst großen Anteil erneuerbare Energieträger zu nutzen. Mit der dabei gewonnen Erfahrung hoffen die Chinesen, ihren technologischen Rückstand wettzumachen und gleichzeitig durch Massenproduktion die Preise so weit zu drücken, dass sie zum weltweiten Hauptanbieter werden.

Waren vor fünf Jahren noch 80 Prozent der in China aktiven Windenergiefirmen in ausländischer Hand, so haben die Chinesen heute bei drei von vier neuen Turbinen selbst die Kontrolle. Weil ihre Produktionskosten rund ein Drittel unter dem westlicher Hersteller liegen, kommen sie auch bereits international zum Zug. So unterschrieb im Oktober die Shenyang Power Group einen Vertrag, um 240 Windmühlen in die USA zu liefern. In der Solartechnik beanspruchen chinesische Unternehmen bereits ein Drittel des Weltmarktes – was die Preise so stark fallen ließ, dass westliche Konkurrenten sich gezwungen sehen, ihre Produktion nach China zu verlagern.

Bernhard Bartsch | 04. Januar 2010 um 10:05 Uhr

 

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