Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Zu Füßen der Reichen

Chinas Jugend träumt von Wohlstand, doch die meisten kommen trotz harter Arbeit kaum über die Runden. So wie der Masseur Lin Liang.

Das Widerliche sind die Socken. Die Füße selbst machen Lin Liang nichts aus, auch an lange Zehennägel, dicke Hornhäute oder Blasen hat er sich gewöhnt. Aber seinen Kunden die verschwitzten Strümpfe abzustreifen, findet er eklig. „Zum Glück kommen hier nur reiche Leute her“, sagt der 23-jährige Fußmasseur. „Die sind meistens kultiviert genug, um ihre Socken alleine auszuziehen.“

Lin trägt ein hellblaues T-Shirt mit dem Logo des Pekinger Massagesalons, in dem er seit vier Jahren arbeitet. Unter den Ärmeln schaut ein tätowierter Fisch hervor. „Der hat keine spezielle Bedeutung“, erklärt Lin. „Fische gefallen mir eben.“ Seine Schultern und Oberarme sind muskulös wie die eines Bodybuilders. Dabei war er noch nie in einem Fitnessstudio. Jeden Tag zwölf Stunden lang Füße zu massieren, hat den gleichen Effekt.

Gerade hat Lin einen Stammkunden, einen Geschäftsmann, den er „Laoban“ nennt – Boss. Der kommt mehrmals pro Woche und verlangt immer nach Masseur Nummer 116. Lins echten Namen kennt er nicht – der Besitzer des Salons möchte nicht, dass die Beziehungen zwischen Angestellten und Kunden persönlich werden. Der Chef verbietet Lin auch, sich fotografieren zu lassen.

Während der Laoban sich in einem Liegesessel ausstreckt und durch das Fernsehprogramm zappt, wäscht Lin ihm in einem Holztrog die Füße und bearbeitet dann eine Stunde lang Sohlen und Unterschenkel. Gesprochen wird kein Wort, es sei denn, der Kunde beschwert sich über Verdauungsprobleme. „Dann konzentriere ich mich auf bestimmte Druckpunkte“, erklärt Lin. „Mit Fußmassage lassen sich viele Krankheiten behandeln.“ Manchmal schläft der Boss ein. Dann muss ihm Lin hinterher die Socken anziehen.

Menschen, die anderen die Füße massieren und Menschen, die sich die Füße massieren lassen – das sind die beiden Schichten, in die Lin die chinesische Gesellschaft einteilt. Wie alle jungen Chinesen träumt er davon, eines Tages zu den Massierten zu gehören. Zu den Fortschrittsgewinnern, die in Wolkenkratzern leben, Auto fahren und zum Urlaub ins Ausland fliegen. Doch wie für die Mehrheit der jungen Chinesen muss Lin sich mit Träumen begnügen.

Obwohl Chinas Wirtschaft boomt, wird das Leben für den größten Teil der Bevölkerung nicht leichter. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, und mit ihr die Angst vieler, die Abzweigung Richtung Wohlstand verpasst zu haben. Vor allem die Jugend fühlt sich unter Druck. Nur wer in der Stadt aufgewachsen ist und eine gute Ausbildung hat, kann ohne Existenzsorgen in die Zukunft schauen, doch das ist höchstens ein Viertel. Der Rest macht die Erfahrung, dass es auch mit harter Arbeit kaum möglich ist, die Armut abzuschütteln.

Jeden Morgen um elf verlässt Lin die Barackenwohnung am Pekinger Stadtrand, in der er alleine wohnt. Für das enge Zimmer zahlt er pro Monat 400 Yuan (43 Euro), billiger geht es in der Hauptstadt nicht. Der Raum hat eine dünne Matratze, Tisch und Stuhl und einen alten Fernseher. Wenn das Abrisskommando kommt, um Platz für die nächste Shopping-Mall zu schaffen, kann Lin seine Besitztümer in wenigen Minuten zum Bündel packen, den Fernseher ausstöpseln und sich eine neue Bleibe suchen. Alle paar Monate geht das so.

Eine Stunde schlängelt Lin sich täglich mit dem Fahrrad durch den Pekinger Vormittagsstau, um zur Arbeit im wohlhabenden Stadtteil Chaoyang zu kommen. Wenn er in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages wieder nach Hause fährt, sind die Straßen fast leer. „An guten Tagen massiere ich acht Kunden“, erzählt Lin. Von den 168 Yuan (18 Euro), die sie bezahlen, erhält er 22. „Wir beschweren uns immer, dass wir mindestens 27 Yuan abbekommen sollten. Aber der Chef sagt nur, wenn es uns bei ihm nicht passt, sollen wir doch gehen.“ Natürlich geht Lin nicht. Seine monatlich rund 4000 Yuan (430 Euro) sind zwar nur zwei Drittel des Pekinger Durchschnittslohns. Aber für junge Wanderarbeiter wie ihn ist das schon eines der höchsten Gehälter, mit denen er rechnen kann.

Aufgewachsen ist Lin in einem Dorf in der nordchinesischen Provinz Jilin. Seine Eltern sind Bauern und leben noch in dem selbsterrichteten Ziegelhaus, in dem er seine Jugend verbracht hat. Die Familie war arm, aber alle Nachbarn waren es auch. „Ich war mehr auf dem Feld als in der Schule“, erinnert sich Lin. „Eigentlich war es eine schöne Kindheit.“

Nach der neunten Klasse verlässt er die Schule und heuert in einem Restaurant als Küchenjunge an. Bald steht er selbst hinter den Woks und kocht Hausmannskost: Hühnereintöpfe, Bratkartoffeln mit Gemüse, Kohlsuppen. Eine richtige Ausbildung ist das nicht, aber mit 17 Jahren verdient Lin immerhin 1000 Yuan (108 Euro) im Monat. Das war damals nicht schlecht.

Doch dann gerät er mit dem kleinen Finger in die Fleischschneidemaschine und kann einige Wochen nicht arbeiten. Dass er damit den Job verliert, ist so selbstverständlich, dass er mit dem Chef nicht diskutiert. Als Lin wieder gesund ist, hat er Probleme, eine neue Stelle zu finden. Ein Freund schlägt ihm vor, etwas anderes zu probieren. Massagesalons sind gerade in Mode, die Betreiber versprechen einen Arbeitsplatz mit Zukunft. Lin überzeugt das, obwohl er anfangs kein Gehalt bekommt, sondern sogar noch monatlich 500 Yuan Schulungsgebühr zahlen muss. „Immerhin war das eine Art Ausbildung“, sagt er.

Vor vier Jahren kam Lin nach Peking, in der Hoffnung, einen guten Job zu finden. Er musste schnell feststellen, dass die höheren Gehälter in der Metropole von höheren Lebenskosten wieder aufgefressen werden. Aber interessanter ist das Leben allemal. Schon so manchem Filmstar, Sänger oder Sportler hat er die Füße massiert, etwa der Schauspielerin Michelle Yeoh, die mit ihren Bodyguards kam, unter deren Jacketts sich Pistolenhalfter wölbten. „Wie in einem Mafiafilm“, sagt Lin. Der Glamoureffekt hat allerdings nachgelassen. „Am Anfang war ich sehr aufgeregt, wenn Stars kamen“, sagt er. „Aber dann habe ich gemerkt, dass ich mit ihrem Leben nichts zu tun habe.“

An seinen wenigen freien Tagen fährt Lin mit dem Fahrrad durch die Stadt oder spielt im Internetcafé Computerspiele. Echte Freunde hat er in Peking nicht, aber manchmal geht er mit seinen Kollegen essen. Sich ernsthaft in eine Frau zu verlieben, traut er sich nicht. Denn eine Freundin zu haben, bedeutet, Geld ausgeben zu müssen. Heiraten möchte er eines Tages schon. Aber das sei erst möglich, wenn er sich eine Wohnung kaufen kann, sagt Lin. Keine Chinesin wolle einen Mann ohne Wohnung. „Wahrscheinlich werde ich deshalb in ein paar Jahren in meine Heimat zurückgehen“, sagt er. „Dort ist es billiger.“

Einstweilen besucht er seine Eltern einmal im Jahr, zum Frühlingsfest. Er bringt ihnen Geld mit, teure Zigaretten und Haushaltsgeräte. Und er massiert ihnen die Füße.

Bernhard Bartsch | 14. Juli 2011 um 15:41 Uhr

 

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