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Zentraler Jubel

Die Olympiagastgeber von 2008 feiern den großen Erfolg ihrer Athleten in London. Doch es gibt auch kritische Stimmen.

Vier Jahre nach den Spielen von Peking ist Olympia in London für die Chinesen erneut ein patriotisches Jubelfest – und die staatlichen Medien tun alles, um die Erfolge der chinesischen Sportler als nationale Errungenschaft zu inszenieren. Chinesische Goldmedaillengewinner sind stets darauf bedacht, ihren Sieg schnell ihrer Heimat zu widmen, und wer es im Rausch der Gefühle vergisst, wird von den Reportern des Hauptsenders CCTV, dem zentralen Jubelmedium, prompt daran erinnert. Umgekehrt fordern Misserfolge sofort Entschuldigungen heraus. Als Gewichtheber Wu Jingbao in der 56-Kilogramm-Klasse etwa nur Silber gewann, bat er seine Landsleute weinend und mit tiefen Verbeugungen um Verzeihung: „Es tut mir leid für mein Vaterland.“

Allgegenwärtig sind auch Vergleiche zwischen den Londoner und den Pekinger Spielen, wobei die Chinesen sich gerne das herauspicken, was bei ihnen vermeintlich besser war. Mit großer Genugtuung wird etwa kolportiert, dass die Wettkampfrichter in London alleine per U-Bahn ihren Weg zu den Stadien finden müssen. In Peking stand dafür eine Flotte an Shuttlebussen zur Verfügung. Bei der Eröffnungsfeier sehen die Chinesen sich auch vorne: Rund einhundert Millionen Dollar wurden in Peking für das Rahmenprogramm ausgegeben, mehr als doppelt so viel wie in London.

Dass Chinas Führung im Medaillenspiegel international umstritten ist, sieht man in Peking als das Werk antichinesischer Kräfte. Unter anderem hatte der Sieg der Gold-Schwimmerin Ye Shewen Dopingspekulationen ausgelöst, weil sie auf den letzten Bahnen schneller war als der US-Superstar Michael Phelps. Für Kritik sorgten auch die Manipulationsversuche beim Badminton. In China wird der Skandal kleingeredet, und dafür umso mehr gefeiert, dass die Volksrepublik in der Disziplin alle fünf Goldmedaillen abräumte.

Aufregung verursachte in China auch die amerikanische Debatte um die Uniformen der US-Olympiamannschaft. Weil die Anzüge in China genäht wurden, hatte unter anderem Harry Reid, demokratischer Mehrheitsführer im Senat, gefordert, die Kleidung „auf einen Haufen zu werfen und zu verbrennen“. Pekings Nachrichtenagentur Xinhua bezeichnete dies als „Blasphemie“ am olympischen Geist.

Im Internet gibt es allerdings auch kritischere Stimmen. Diskutiert wird etwa der überraschende Auftritt der Gewichtheberin Zhou Jun. Chinas Nationaltrainer ließ der 17-Jährigen schon im ersten Versuch 95 Kilogramm auflegen, fast 15 Kilogramm mehr als die Konkurrenz. Die Olympiadebütantin scheiterte, und nun wird diskutiert, dass die Blamage womöglich geplant und Teil eines Machtkampfes war. Zhou stammt aus der Provinz Hunan, traditionell eine Gewichtheberhochburg, die zuletzt allerdings keine Leistungsträger mehr hervorgebracht hatte. Trotzdem sollen Hunans Sportfunktionäre ihre Beziehungen genutzt haben, um Zhou als Teilnehmerin durchzusetzen. Gegen den Willen des Nationaltrainers, der sich nun rächte.

Bernhard Bartsch | 07. August 2012 um 09:57 Uhr

 

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