Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Wo Raupen Seide tragen

Schals, Pyjamas und Krawatten aus Seide sind beliebte Weihnachtsgeschenke. Sie sind erschwinglich, weil Chinas Bauern arm sind – noch.

Dass es so weit kommen würde, hätte in Chengsheng niemand gedacht. „Das wäre doch alles wieder ins Lot gekommen“, meint Dorfbürgermeister Lu Yuanjing und schaut auf die kleine Steinbrücke, von der Cui Chunfen in den Tod sprang. Das Gewässer ist nicht breiter als acht Meter, doch da die Schaulustigen, die den nächtlichen Showdown auf der Brücke verfolgt hatten, ebenso wenig schwimmen konnten wie Cui, kam niemand der Bäuerin zur Hilfe. „Sie ist einfach durchgedreht – dafür kann man niemandem die Schuld geben“, sagt der Ortsvorsteher und ist trotzdem froh, dass er an jenem Sommerabend nicht zuhause war. Denn dass eine Dorfbewohnerin sich umbringt, weil sie beim heimlichen Verkauf von Seidenkokons gestellt wurde, wirft kein gutes Licht auf das Gewerbe, dem Chengsheng seinen bescheidenen Wohlstand verdankt.

Das Dorf mit den weiß verputzen Häusern und Scheunen liegt im Landkreis Fuan in der ostchinesischen Provinz Jiangsu und gehört zu den Ausgangspunkten einer globalen Milliardenindustrie: dem Seidenhandel. Rund 1000 Tonnen des edlen Naturmaterials werden jährlich in Fuan hergestellt. „In unserem Kreis leben 15.000 Familien und 95 Prozent davon züchten Seidenraupen“, erklärt Lu Kesong, Chef des örtlichen Seidenkonzerns, der „Fuan Cocoon and Silk Company“, die mehreren tausend Menschen Jobs gibt. „Vor dreißig Jahren waren wir einer der ärmsten Landkreise in der Region, aber dank der Seide leben alle Menschen heute in ordentlichen, festen Häusern.“

Weltweit stammt rund 75 Prozent aller Naturseide aus China. Doch was nach außen wie eine starke Branche aussieht, ist in Wirklichkeit eine Problemindustrie. Denn durch die Finanzkrise ist das Seidengeschäft aus dem Gleichgewicht geraten und ist bis heute in Aufruhr. Als der Weltmarktpreis für Seide Ende 2008 um die Hälfte einbrach, sahen sich viele chinesische Bauern gezwungen, ihre Maulbeerbäume abzuroden. Statt des Futters für ihre Seidenraupen bauten sie Gemüse oder Getreide für den Eigenverzehr an. Nach Angaben von Chinas nationalem Seidenindustrieverband schrumpfte die Anbaufläche von Maulbeerbäumen in den vergangenen zwei Jahren um acht Prozent; in einigen Regionen liegt der Rückgang sogar bei 40 Prozent. Insgesamt gibt es in China 19.700 Quadratkilometer Maulbeerbaumfelder, was in etwa der Größe Sachsens entspricht. Seitdem die weltweite Konjunktur wieder angezogen hat, schlägt das Pendel nun in die andere Richtung aus: Die Nachfrage ist plötzlich höher als das Angebot, die Preise schießen auf Rekordniveau. Aktuell werde eine Tonne Seide für 310.000 Yuan (35.000 Euro) exportiert, sagt Lu Kesong. „Das ist ein Viertel mehr als vor der Krise, und ich erwarte, dass der Preis noch weiter steigt.“

Historisch gesehen ist auch der aktuelle Preis noch niedrig. Jahrtausendelang war chinesische Seide so exklusiv und begehrt, dass man sogar die Handelsroute, auf der sie nach Europa kam, nach ihr benannte: die Seidenstraße. Zur Allerweltsware wurde das luftige Material zunächst als Fälschung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lieferten sich europäische Chemiker ein Wettrennen um die Entwicklung einer halbwegs überzeugenden Kunstseide. Die noch immer unübertroffene Naturseide kam dagegen erst auf den Massenmarkt, als China Anfang der Achtziger Produktion und Export ankurbelte. Seidenhemden, -pyjamas, -schals und -krawatten wurden im Westen für jedermann erschwinglich – dank der gewaltigen globalen Wohlstandsunterschiede.

Denn die Aufzucht von Seidenraupen ist ein mühsames Geschäft. „In der Raupensaison arbeiten wir rund um die Uhr“ sagt Bauer Cu aus Chengsheng. „Die Raupen fressen so viel, dass man nachts nur zwei Stunden schlafen kann und dann schon wieder aufs Feld muss, um ihnen neue Maulbeerblätter zu pflücken.“ Dreimal im Jahr kaufen der 65-Jährige und seine Nachbarn Raupeneier. 40 Yuan (4,5 Euro) kostet ein Paket, aus dem rund 50.000 Raupen schlüpfen.

Wie viele Eier sich eine Familie zulegt, hängt von ihren Maulbeerbaumbeständen und der Anzahl an helfenden Händen ab, doch mehr als 150.000 Raupen bewältigt kaum ein Haushalt. Anfangs passen die winzigen Maden auf wenige tischgroße Platten, die Bauer Cu mit gehexelten Blättern bestreut. Doch schon nach wenigen Tagen liegen auf den Gestellen in seiner großen Scheune dutzende Bretter mit fingergroßen weißen Raupen, die unentwegt frische Blätter in sich hineinfressen.

Über dem ganzen Dorf liegt dann das knisternde Geräusch mampfender Maden. Nach drei Wochen baut Cu in seiner Scheune Hängegestelle mit tausenden kleinen Löchern auf, in denen sich die Raupen verpuppen und ihren über einen Kilometer langen Seidenfaden spinnen. Am Ende sind die Kokons so groß wie Wachteleier und müssen einzeln aus den Gestellen gelöst werden. Rund 40 Kilogramm Kokons erhält Cu aus einer Portion Raupeneier und erhält dafür von der lokalen Seidenfabrik 1.440 Yuan (163 Euro) – 36 Yuan (4 Euro) pro Kilo. „Das ist 50 Prozent mehr als normal“, freut sich Cu. „So viel gab es noch nie.“

Doch auch der Rekordpreis kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Raupenzucht zunehmend unlukrativ wird. Obwohl Kokons in China zu den einträglichsten landwirtschaftlichen Produkten gehören, war die Finanzkrise für viele Familien eine willkommene Gelegenheit, sich aus dem Seidengeschäft zurückzuziehen. „Junge Leute arbeiten lieber in der Stadt, wo sie mit weniger Mühe mehr Geld verdienen können“, sagt der Dorfbürgermeister. „Raupen züchten nur noch die Alten.“

Außerdem fühlen sich viele Bauern als Opfer übermächtiger Unternehmen, die den Raupenzüchtern von der Wertsteigerung, die das Rohmaterial bis zum Weg ins Geschäft erfährt, zu wenig abgeben. Wie in den meisten chinesischen Seidenregionen ist das Geschäft auch in Fuan fest in der Hand eines Monopolisten: Lu Kesongs „Fuan Cocoon and Silk Company“. Der Konzern verkauft den Bauern die Raupeneier und kauft später die Kokons zurück, die dann in seinen Fabriken aufgerollt, zu Garn gesponnen und verwebt werden. Formell ist das Unternehmen eine Genossenschaft, doch die Bewohner sehen Lu eher wie einen Lokalfürsten, der nicht nur der größte Arbeitsgeber in Fuan ist, sondern auch der mächtigste Politiker. Als Abgeordneter im chinesischen Parlament, dem Nationalen Volkskongress, ist er mitverantwortlich für das Regelwerk der Seidenindustrie. „Lu verlangt, dass alle Bauern ihre Kokons nur an ihn verkaufen dürfen“, erzählt eine Raupenzüchterin. „Wer sich nicht daran hält, riskiert seinen Job in der Fabrik oder bekommt seine Rente gekürzt.“ Zwar bestreitet Lu die Vorwürfe, gesteht aber ein, dass er von den Bauern Treue erwartet. „Ohne unser Unternehmen gäbe es in Fuan überhaupt keine Seidenindustrie“, sagt Lu. „Ohne uns wäre der Markt auch viel unstabiler.“ Letztlich geht aber auch Lu davon aus, dass künftig immer weniger Menschen von der Seidenraupenaufzucht leben wollen. „Seide wird in den kommenden Jahren wieder zu einem Luxusprodukt werden“, meint er. „Das ist ein Strukturwandel, der in unserer Region noch ungeahnte Auswirkungen haben wird.“

Doch die Bauern sind überzeugt, dass der Monopolist die Kokonpreise drückt,um seine eigene Marge zu erhöhen. Da durch die Krise viele Seidenunternehmen nicht mehr genügend Rohmaterial bekommen, hat ein harter Verteilungskampf begonnen. Fabriken schicken Händler durch die Dörfer, um den Bauern ihre Kokons abzukaufen. „Wir kommen einige Tage, bevor die Raupen vollständig verpuppt sind“, erklärt einer der Käufer. „Zu dem Zeitpunkt sind die Kokons noch schwerer, weil sie noch nicht ausgetrocknet sind, aber wir zahlen den Bauern trotzdem den gleichen Kilopreis.“ Um sich nicht ausbooten zu lassen, hat Fuans Polizei Wachmänner in den Dörfern stationiert und die Bürgermeister angewiesen, Fremdverkäufe zu verhindern – obwohl das Gesetz die Bauern dazu ausdrücklich berechtigt.

Im Sommer kam es darüber in Chengsheng zum Showdown: Als die Bäuerin Cui Chunfen ihre Kokons nach Einbruch der Dunkelheit mit der Schubkarre zum Lastwagen eines auswärtigen Händlers bringen wollte, wurde sie von den Wachmännern auf der Brücke gestellt. „Eine halbe Stunde haben sie diskutiert und geschrien“, erzählt einer der Anwesenden. „Alle haben Cui Vorwürfe gemacht.“ Am Ende sprang sie in den Kanal.

Bernhard Bartsch | 15. Dezember 2010 um 16:53 Uhr

 

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