Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Wo Götter keine Egos haben

80 Prozent der Japaner bezeichnen sich als Shintoisten, 60 Prozent als Buddhisten und 50 Prozent glauben an Jesus Christus. Macht 190 Prozent. Na und?

Es gab eine Zeit, da war es modern, von den Japanern zu lernen. Das war in den Achtzigern. Westliche Manager versuchten mit japanischen Schlachtrufen wie „Muda, Mura, Muri“ (Verschwendung, Unausgeglichenheit, Überlastung) dem Angriff von Toyota und Sony zu trotzen; Volkshochschulen nahmen Zen-Kurse ins Angebot, damit jeder dem spirituellen Vorsprung der Asiaten hinterher meditieren konnte. Doch dann blieb die japanische Apokalypse aus, unsere kollektiven Albträume begannen sich mit neuen Fremden zu bevölkern, mit Osteuropäern, Chinesen oder Islamisten. In Unternehmen sprach man fortan wieder Englisch und nach Feierabend wurde afrikanisch getrommelt oder indisch bauchgetanzt. Wer vorwärts wollte, ging zurück zu den Wurzeln, und die schienen nicht im futuristischen Nippon zu liegen.

Dabei könnten wir gerade in Zeiten, wo die einen ihr Heil in einer Überdosis Religion suchen und andere ganz vom Glauben abfallen, von den Japanern religiöse Lockerheit lernen. Umfragen zufolge bezeichnen sich 80 Prozent als Shintoisten, also Anhänger der traditionellen japanischen Religion. 60 Prozent der Japaner folgen dem Weg Buddhas und 50 Prozent glauben an Jesus Christus. Macht 190 Prozent, wobei andere Glaubensrichtungen und Atheisten nicht mitgezählt sind.

Wie das geht? Ganz einfach: Die einzelnen Religionen schließen sich in Japan nicht gegenseitig aus. Man kann gleichzeitig Shintoist, Buddhist und Christ sein. Dieses dezentralisierte Seelenheil entspricht zwar nicht der reinen Lehre. Aber wen stört das? Und vielleicht steckt ja mehr dahinter als ein postmodernes Glaubens-Zapping. Denn in der japanischen Vielgötterwelt schnurrt der einzelne Gott auf ein überschaubareres Maß zusammen. Nicht jeder muss alles können, Himmel und Erde erschaffen, ein auserwähltes Volk mit Prüfungen quälen oder jüngste Gerichte abhalten. Gerade die shintoistischen Götter betreiben häufig nichts anderes, als in einem Baum zu sitzen, einen Stein zu bewohnen oder ein Bächlein hinabzurieseln. Wenn Japaner im Wald spazieren gehen und in einem knorrigen Stamm eine Heiligkeit zu sehen glauben, sagen sie ihm ein kurzes „Grüß Gott“, selbst wenn sie gar nicht genau wissen, was er da eigentlich macht. Höfliche Menschen, die Japaner.

Bernhard Bartsch | 04. Januar 2007 um 08:53 Uhr

 

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