Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Wo Äpfel noch Birnen sind

Die Volksrepublik China feiert ihren 60. Jahrestag ihrer Gründung. Das heißt, eigentlich feiert die Kommunistische Partei 60 Jahre Herrschaft. Doch das ist einerlei.

Ein Herrschaftsjubiläum ist kein Legitimationsbeweis. Dieser Satz ist eigentlich banal, folgt er doch der Binsenweisheit: Äpfel sind keine Birnen. Dennoch dürfte derzeit wohl keine chinesische Zeitung diesen Satz drucken. Denn Chinas Kommunistische Partei serviert ihrem Volk derzeit ein politisches Apfel-Birnen-Kompott: Mit großem Pomp inszeniert sie den 60. Gründungstag der pseudodemokratischen Volksrepublik. Nicht nur das chinesische Volk habe die Führung der Kommunistischen Partei gewählt, lautet Pekings Propagandalogik, sondern auch die Geschichte. Kann eine Regierung ein stärkeres Herrschaftsmandat haben?

Dass die KP sich seit 60 Jahren an der Macht hält, ist tatsächlich eine beachtliche politische Überlebensleistung. Von den Regimes, die weltweit im Amt waren, als Mao am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik ausrief, haben sich nur wenige bis heute ohne Unterbrechung behaupten können. Zu den Langstreckenherrschern gehören etwa die muslimischen Monarchen in Saudi-Arabien und Qatar, die ihre Macht mit ihrem Ölreichtum absichern oder Nordkoreas Kim-Clan, der seinen Status mit nackter Gewalt verteidigt. Wohlstand und Gewalt wie Zuckerbrot und Peitsche einzusetzen, darauf verstehen sich auch Chinas Kommunisten. Doch ihr politischer Balanceakt ist ungleich komplizierter als der anderer Diktaturen. Schließlich sind die Dimensionen ihres Reiches in jeder Hinsicht ohnegleichen.

Die Bevölkerungszahl – 1949 lebten in China 540 Millionen Menschen, heute sind es 1,3 Milliarden – ist nur einer der chinesischen Superlative. Die Volksrepublik erstreckt sich über beinahe alle Klimazonen, beherbergt fast alle Weltreligionen und umfasst das gesamte Spektrum zivilisatorischer Entwicklungsniveaus, von analphabetischen Nomaden bis zu Internetmilliardären. Chinas Probleme sprengen nicht weniger die Vorstellungskraft als Chinas Potenziale. Katastrophen nehmen in China ebenso gewaltige Ausmaße an wie Erfolge. Wohl kein Volk hat in den vergangenen Jahrzehnten radikalere Veränderungen durchlebt als die Chinesen, deren Gesellschaft gleich mehrfach durcheinandergewirbelt wurde und mit dem Sozialismus ebenso leidenschaftlich experimentierte wie mit dem Kapitalismus.

Die einzige Konstante inmitten all dieser Umbrüche ist die Herrschaft der KP. Ideologisch hat sie sich von ihren Altlasten längst befreit. Kommunismus sagen, Kapitalismus meinen – so lautet heute die Devise. An Sozialismus im klassischen Sinne erinnern nur noch die Herrschaftsmethoden: der absolute Machtanspruch, die militärische Organisation, die strenge Disziplin der Mitglieder und das Selbstbewusstsein, dass die Partei immer Recht hat. Auch einige Rituale sind erhalten geblieben, nebst sozialistischer Rhetorik und Denkmälern von Arbeitern, deren Fäuste größer sind als ihre Köpfe. Doch diese Symbole stehen nicht mehr für kommunistische Utopien, sondern für die nationale Renaissance. Vaterlandsliebe ist die neue Staatsideologie, mit der sich die Partei an die Spitze des chinesischen Bedürfnisses nach globaler Größe stellt. Zwar hat sie «ihr» Land der Welt geöffnet, doch die Welterklärung hält sie mit den Mitteln von Medienkontrolle und Internetzensur weiterhin fest in der Hand. Womöglich ist dies der Hauptgrund dafür, dass die Partei auch zwei Jahrzehnte, nachdem der Kommunismus weltweit für hirntot erklärt wurde, noch fest im Sattel sitzt – fester denn je, wie viele glauben.

Die größte Leistung der Partei ist es, dass sie es geschafft hat, das ganze Volk ihrer eigenen Wahrheit zu unterwerfen. Die gesamte chinesische Geschichte ist zu einer großen Fiktion geworden, zu der es keinerlei Alternativen gibt. Dunkle Kapitel wie das Tiananmen-Massaker 1989 werden so konsequent tabuisiert, dass die Mehrheit der Chinesen noch nie davon gehört hat. Erfolge werden dagegen sofort auf das Verdienstkonto der Partei verbucht, ob es sich um Wirtschaftswachstumszahlen handelt oder um olympische Goldmedaillen.

Die propagandistische Dauerbeschallung quer durch alle Medien und Lebensbereiche soll das Einparteiensystem – das offiziell den Titel «Mehrparteiensystem unter Führung der Kommunistischen Partei» trägt – als historische Notwendigkeit erscheinen lassen, von der Geschichte geprüft und für gut befunden. «Die Leitfunktion des Marxismus in China ist nicht von einer Person oder einer Partei entschieden worden, sondern sie ist die Wahl der Geschichte, die Wahl des Volkes», heißt es in den Mitte Juni veröffentlichten «Sechs Warum», Pekings jüngstem ideologischen Legitimationsraster. «Unser System ist historisch zwangsläufig, äußerst originell und höchst überlegen.» Soll heißen: China ist die Kommunistische Partei, und die Kommunistische Partei ist China. Auch das ist ein Äpfel-Birnen-Vergleich, aber einer, der in China täglich in der Zeitung steht – und viel zu wirkungsvoll ist, um banal genannt zu werden. Herzlichen Glückwunsch!

Bernhard Bartsch | 01. Oktober 2009 um 23:45 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.