Bernhard Bartsch

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„Wir werden für dumm verkauft“

Neun Monate nach Fukushima ringt Japan noch immer mit dem Ausmaß der Katastrophe. Die junge Anti-Atomkraftbewegung ist inzwischen desillusioniert.

Was sind die Ängste der Opfer von Fukushima wert? Im Fall von Masako Hashimoto sollen es 80 000 Yen (770 Euro) sein. Mit dieser Summe sollen Bewohner aus der weiteren Umgebung des havarierten Atomkraftwerks entschädigt werden, wie der Stromkonzern Tepco bekanntgab. Kinder und Schwangere sollen das Fünffache bekommen. „Tepco behauptet, das sei eine Wiedergutmachung für unsere Sorgen“, sagt Masako Hashimoto. „Dass viele Menschen echten Schaden erlitten haben, gibt Tepco nicht zu – das macht mich ungeheuer wütend.“ Das Haus der Mittvierzigerin steht 50 Kilometer von den Unglücksreaktoren entfernt, außerhalb der Evakuierungszone zwar, aber innerhalb der Region, über die nach der Katastrophe vom 11. März Fuku-shimas radioaktive Wolke zog.

Hashimoto floh damals mit ihrer Familie in den Süden des Landes, zog dann zu ihren Eltern nach Tokio und will sich nun in der Provinz Nagano eine neue Existenz aufbauen. Geld verdienen konnte die Freiberuflerin in den vergangenen neun Monaten nicht. Doch schlimmer als Tepcos Weigerung, angemessene Entschädigungen zu zahlen, findet sie, dass die Menschen in ihrer Heimat noch immer nicht offen über die Strahlenrisiken aufgeklärt werden. „Die meisten sind deshalb geblieben, darunter mehr als 300 000 Kinder“, sagt Hashimoto. „Dabei wird es sicher nicht mehr lange dauern, bis die ersten Erkrankungen auftreten.“

Neun Monate nach der Erdbeben- und Nuklearkatastrophe kämpft Japan noch immer mit dem Ausmaß des Unglücks. Fast täglich gibt es neue Nachrichten, die belegen, wie sehr das Desaster die Behörden überfordert. Am Donnerstag musste Fukushimas Provinzregierung eingestehen, dass der Reis aus ihrer Region hohe Strahlenbelastungen aufweist. Dabei hatte sie noch im Oktober behauptet, außerhalb der unmittelbaren Reaktorumgebung seien alle Agrarprodukte sicher. Wenige Tage zuvor hatte der Lebensmittelkonzern Meiji eine Rückrufaktion für Babymilchpulver starten müssen, nachdem darin Spuren von radioaktivem Cäsium gefunden wurden. Die Verseuchung war nicht etwa den staatlichen Kontrolleuren, sondern Anti-Atomkraft-Aktivisten aufgefallen. „Wie unsere Regierung mit der Krise umgeht, ist ein Trauerspiel“, sagt die prominente Ökonomin Noriko Hama. „Das Unglück hätte eine Möglichkeit sein können, um das Land aufzurütteln und einen Neuanfang zu machen, aber das ist leider nicht passiert. Die Menschen sind sehr enttäuscht.“ Der Premier Yoshihiko Noda, der erst im September das Ruder übernommen hatte und in Umfragen von zwei Dritteln der Bevölkerung unterstützt wurde, hat nun fast die Hälfte seiner Zustimmung eingebüßt.

Zwar bemüht sich die Regierung, Fortschritte zu zeigen. So begann das japanische Militär diese Woche mit der Dekontamination der 20-Kilometer-Sperrzone um das AKW Fukushima Daiichi. 900 Soldaten sollen öffentliche Gebäude in vier Orten reinigen, von denen aus von Januar an der Rest des riesigen Areals bearbeitet werden soll, auch wenn dort wohl auf Jahrzehnte niemand wird leben können.

Doch gleichzeitig musste Tepco wieder einmal zugeben, dass es bei den Bergungsarbeiten in den vier Reaktoren Probleme gibt. In den kommenden Monaten werden erneut große Mengen radioaktiv verseuchtes Kühlwasser ins Meer geleitet werden, weil die Tanks auf dem Kraftwerksgelände nicht mehr ausreichen. Japanischen Medien zufolge fließen täglich 200 bis 500 Tonnen Grundwasser in die Reaktorgebäude. Die zur Verfügung stehenden Tanks hätten aber nur eine Kapazität von 160 000 Tonnen und würden spätestens im März voll sein. Da womöglich noch jahrelang Wasser in die Reaktoren laufen werde, könne man nicht immer mehr Tanks aufstellen, begründet Tepco die Maßnahme. Allerdings werde nur Wasser abgeleitet, dessen Belastung unterhalb des staatlich zulässigen Grenzwerts liege. Seit März sind aber auch riesige Mengen hochgradig belasteten Wassers ins 500 Meter entfernte Meer geleitet worden.

„Die Bevölkerung wird für dumm verkauft“, sagt der Anti-Atomkraft-Aktivist Takashi Hirose. Das volle Ausmaß der Katastrophe werde bewusst verschwiegen, weil die Regierung eine ernsthafte Diskussion über einen Atomausstieg vermeiden wolle. Gemeinsam mit der Atomlobby nutze sie alle wirtschaftlichen und politischen Hebel, um Japans Medien an einer allzu kritischen Berichterstattung zu hindern. „So können sie weiter an dem Märchen festhalten, dass in Fukushima eine einmalige Verkettung von unglücklichen Umständen zur Katastrophe geführt habe“, erklärt Hirose. „Dabei kann schon bald das nächste Erdbeben kommen und ein viel größeres Unglück passieren.“

Bernhard Bartsch | 09. Dezember 2011 um 04:17 Uhr

 

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