Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

„Wir verschwenden riesige Wachstumspotentiale“

Ökonom Jagdish Bhagwati über die Zukunft des Welthandels und seine Differenzen mit Barack Obama, Angela Merkel, Paul Krugman und dem Handelsblatt.

Bernhard Bartsch: Professor Bhagwati, Deutschland ist als Exportnation sehr auf offene Märkte angewiesen, aber momentan erleben wir einen Gegentrend: Viele Länder versuchen sich mit protektionistischen Maßnahmen zu schützen, die Doha-Verhandlungen zum weltweiten Zollabbau stecken fest und der Euro ist in Gefahr. Wie viele Sorgen müssen wir uns machen?

Bhagwati: Zuerst die gute Nachricht: In der Krise haben wir längst nicht so viel Protektionismus erlebt, wie viele befürchtet haben. In der Politik gibt es inzwischen ein starkes Bewusstsein dafür, dass Marktabschottung in unserer vernetzten Welt allen schadet. Regelwerke wie das der Welthandelsorganisation (WTO) verbieten es, einseitig Zölle zu erheben. Und selbst wenn ein Land das versucht, nützt es nicht viel, weil die anderen Staaten dann im Gegenzug das gleiche tun.

Bartsch: Und die schlechte Nachricht?

Bhagwati: Leider hat die Krise es sehr erschwert, die Liberalisierung des Handels weiter voranzutreiben. Dadurch entgehen der Weltwirtschaft gewaltige Wachstumspotenziale.

Bartsch: Kürzlich haben Sie in einer Studie im Auftrag der deutschen Bundeskanzlerin und anderer Regierungschefs vorgerechnet, dass der Welthandel durch den Abschluss der Doha-Runde um 360 Milliarden Dollar zunehmen würde. Trotzdem ziehen sich die Verhandlungen schon seit zehn Jahren hin. Warum lässt sich die Welt diese Wachstumsmöglichkeiten entgehen?

Bhagwati: In erster Linie hängt es an den USA. Präsident Obama muss in Sachen Welthandel endlich Führungsstärke zeigen. Bisher hat er sich das nicht getraut, weil die Demokraten auf die Gewerkschaften angewiesen sind, die die Handelsliberalisierungen grundsätzlich ablehnen, als ob Zollmauern ein Ersatz für Wettbewerbsfähigkeit wären. Aber mit der republikanischen Kongressmehrheit sieht es jetzt besser aus, denn egal, was man gegen die Republikaner sagen mag – in Freihandelsfragen stehen sie auf der richtigen Seite. Wenn sie Obama unter Druck setzen und von außen auch noch Politiker wie Angela Merkel auf ihn einwirken, wird es hoffentlich bald vorangehen.

Bartsch: Dafür müssten allerdings die USA, aber auch Indien und China bereit sein, in großem Maßstab Subventionen abzubauen, vor allem im Agrarbereich.

Bhagwati: Ich glaube nicht, dass die inhaltlichen Differenzen unüberwindbar sind. Es gibt ja zwei Arten von Subventionen: Die einen verzerren den Wettbewerb, die anderen tun es nicht. Es ist also nur eine Frage der Verpackung. Wenn man einem Bauern Geld gibt, damit er seine Produktion erhöht, manipuliert das den Handel, aber wenn man ihm den gleichen Betrag für Umweltschutz oder artgerechte Tierhaltung gibt, kann niemand etwas dagegen haben. So hat es die EU mit ihrer Agrarreform gemacht, und so kann das auch bei den Doha-Verhandlungen funktionieren – nur muss man es endlich tun. Deswegen plädiere ich für einen festen Abschlusstermin: Ende 2011 muss die Vereinbarung stehen, oder man gibt das Projekt auf.

Bartsch: Auch die G20 haben letzten November gefordert, dass Doha binnen Jahresfrist fertig verhandelt werden soll, aber seitdem sind fünf Monate ohne nennenswerte Fortschritte verstrichen. Was würde ein Scheitern des Doha-Prozesses bedeuten?

Bhagwati: Dann wäre das Vertrauen in die WTO schwer beschädigt. Das wäre tragisch, denn die WTO ist die demokratischste internationale Organisation, die wir haben. Sie berücksichtigt die Interessen kleiner Mitgliedsstaaten, ohne dadurch gelähmt zu werden wie etwa die Uno. Und ihr Schiedsgericht ist wirklich unabhängig und hat genug Einfluss, dass sich auch große Mächte wie die USA oder China an ihre Urteile halten. Das ist ein einzigartiger Mechanismus.

Bartsch: Globalisierungskritiker und die ehemalige Uno-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson kritisieren, dass die Liberalisierung des Welthandels auf Kosten der Armen geht, die durch die Verschärfung des Wettbewerbs ihren Arbeitsplatz verlieren.

Bhagwati: Das ist ein absurdes Argument. Als Mary Robinson damit an die Öffentlichkeit gegangen ist, habe ich ihr einen Brief geschrieben und ihr eine Diskussion vorgeschlagen – was sehr einfach zu organisieren wäre, weil unsere Büros in der Columbia University nur drei Stockwerke von einander entfernt sind. Aber sie hat mir nicht einmal geantwortet, die ist völlig abgehoben. Natürlich ist freier Handel kein Allheilmittel, aber er schafft Wirtschaftswachstum, und dieses hat in den vergangenen Jahrzehnten weltweit Hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt. China und Indien sind dafür die besten Beispiele. Natürlich gibt es Anpassungsprobleme. Deswegen haben westliche Regierungen ja Instrumente entwickelt, um den Betroffenen unter die Arme zu greifen. Solche Sicherheitsnetze brauchen auch Entwicklungsländer, und wir sollten ihnen beim Aufbau helfen. Aber nur weil es Probleme gibt, kann man doch nicht die ganze WTO in Frage stellen!

Bartsch: In einer der größten aktuellen Handelsstreitigkeiten, dem Konflikt um den chinesischen Yuan, ist die WTO allerdings machtlos. Politiker und Ökonomen werfen China vor, seinen Produkten durch einen künstlich billigen Währungskurs unfaire Vorteile zu verschaffen und fordern deshalb Strafzölle, die nach Ansicht von Nobelpreisträger Paul Krugman bis zu 25 Prozent betragen sollten.

Bhagwati: Ich halte diesen Währungsstreit für überbewertet, und obwohl Krugman mein bester Schüler war, verstehe ich ihn diesmal nicht. 25 Prozent – das ist doch Quatsch! Mit dem Währungskurs ist es wie mit den Zeigern einer Uhr: Man kann daran die Zeit ablesen, aber wie sie sich bewegen, hängt von der Mechanik ab, die hinter dem Ziffernblatt versteckt liegt. Wenn man die Mechanik der chinesischen Wirtschaft untersucht, erkennt man, dass Chinas riesiger Handelsbilanzüberschuss und seine gewaltigen Devisenreserven eher Unfälle sind. Das Geld, das die Chinesen jetzt in unprofitablen US-Staatsanleihen parken müssen, würden sie doch viel lieber im eigenen Land haben. Deswegen ist es nur eine Frage, bis sie den Yuan weiter anpassen – nicht weil das Ausland es verlangt, sondern weil es den Notwendigkeiten ihrer eigenen Wirtschaft entspricht. Deshalb glaube ich auch nicht, dass es um den Yuan zu einem Währungskrieg kommt.

Bartsch: Die andere Währung, um die im Moment viel gestritten wird, ist der Euro. Wie ernst ist die Gefahr, dass die Eurozone auseinander bricht?

Bhagwati: Am Anfang hat es da große Fehler gegeben, vor allem auf der deutschen Seite, die eine sehr harte Linie durchdrücken wollte. Dabei kann in einer solchen Lage nicht ein Land allein bestimmen wollen, wo es langgeht. Ich hatte damals einen Gastbeitrag für das Handelsblatt geschrieben, in dem ich vorschlug, dass man in einer derartigen Krise gleich den Internationalen Währungsfonds einbeziehen sollte – aber das wollte das Handelsblatt nicht drucken, weil das nicht zu ihrer Linie passte. Letztlich hat sich aber trotzdem gezeigt, dass ich recht hatte, und inzwischen haben die Deutschen ihre Position ja aufgeweicht. Die neuesten Entwicklungen sind recht positiv, deshalb bin ich jetzt etwas optimistischer.

ZUR PERSON:

Jagdish Bhagwati zählt zu den prominentesten Vordenkern der Globalisierung. 1934 im indischen Bombay geboren, studierte er Wirtschaftswissenschaften in Cambridge, Oxford und am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er lehrt an der Columbia University, wo unter anderem Nobelpreisträger Paul Krugmann zu seinen Schülern zählte. Bhagwati gehört zu den Architekten des indischen Wirtschaftsbooms und berät die Welthandelsorganisation (WTO) sowie zahlreiche Thinktanks. Er plädiert für freien Handel von Waren und Dienstleistungen bei gleichzeitiger strenger Kontrolle von Kapitalflüssen. Außerdem argumentiert Bhagwati für die positive Auswirkung der Globalisierung auf die Verbreitung von Demokratie und Menschenrechten.

Bernhard Bartsch | 02. April 2011 um 03:30 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.