Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Wir machen die Dreckarbeit“

Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben von Sichuan erstellt der Künstler Ai Weiwei eine öffentliche Liste getöteter Kinder. Im Interview spricht er über Pekings Katastrophenpropaganda, die Kunst des Ungehorsams und die Macht des Internets.

Ai Weiwei im Garten seines Pekinger Ateliers (Copyright Bernhard Bartsch)

Frage: Herr Ai, wollen Sie ins Gefängnis?

Ai Weiwei: Nein, ich will nur die Wahrheit.

Wahrheit und Gefängnis liegen in China manchmal eng beieinander.

Ai: Ich weiß, aber das hält mich nicht auf.

Sie erstellen eine öffentliche Liste aller Kinder, die beim Erdbeben im Mai 2008 getötet wurden. Die Regierung hat eine solche Aufstellung bisher verweigert, offenbar um Proteste gegen marode Schulgebäude zu verhindern. Eltern werden eingeschüchtert und sogar verhaftet.

Ai: Das sind leider die Methoden, mit denen die Kommunistische Partei ihre Macht zu sichern versucht. Deshalb ist ihre Herrschaft heute selbst ein einziges Tofu-Gebäude…

…ein Spottname für die eingestürzten Gebäude im Erdbebengebiet, bei deren Bau infolge von Korruption und Schlamperei minderwertige Materialien verwendet wurden.

Ai: Weil das System unseres Land jederzeit kollabieren kann, müssen wir es zwingen, sich zu ändern: Die Regierung muss anfangen, zu ihren Fehlern zu stehen und daraus zu lernen. Die eingestürzten Schulen in Sichuan sind da ein Paradebeispiel: Das Erdbeben hat gezeigt, dass viele Gebäude nicht den Sicherheitsstandards entsprechen, und weil wahrscheinlich ein Großteil der Schüler in Tofu-Häuser geht, sollte man auf die Gefahr aufmerksam machen. Aber die Regierung sträubt sich gegen eine öffentliche Untersuchung, und wenn man die Behörden fragt, wie viele Kinder in Schulen getötet wurden, antworten sie nur: Wir arbeiten noch an den Zahlen. Verdammt noch mal, das kann doch nicht so schwer sein! Deshalb erstellen wir jetzt unsere eigene Liste.

Wie viele Namen stehen inzwischen darauf?

Ai: Nach dem aktuellen Stand haben wir 5203 Namen mit persönlichen Angaben, Adresse und Kontakten der Angehörigen. Aber wir sind noch lange nicht fertig. Im Moment sind über 60 freiwillige Helfer in Sichuan unterwegs, um Informationen zu sammeln. Es ist eine undankbare Aufgabe, aber irgendjemand muss ja die Dreckarbeit machen.

Was für Leute sind dazu bereit?

Ai: Wir haben Studenten, Anwälte, Künstler, Schriftsteller und Musiker, aber auch Mütter, die beim Erdbeben ihr Kind verloren haben. Ich kenne die Teilnehmer nicht persönlich, sie haben sich auf einen Aufruf auf meinem Blog beworben. Wir haben auch nicht alle genommen, denn sie mussten erst einen Fragebogen ausfüllen, der sie darauf vorbereitet hat, auf was sie sich da einlassen.

Sie setzen ihre Leute einem erheblichen Risiko aus.

Ai: Ja, der Druck ist gewaltig. Einige unserer Helfer sind festgehalten, abgeführt oder bedroht worden. Aber wir haben allen Teilnehmern klare Anweisungen gegeben, wie sie sich verhalten müssen: Wir demonstrieren nicht, wir suchen keine Konfrontation, wir wiegeln niemanden auf. Wir sammeln Fakten. Aber natürlich geht es um mehr. Das Projekt funktioniert wie eine klassische Bürgerrechtsbewegung, denn die Teilnehmer lernen dabei sehr viel über Land, Regierung, Kultur.

Was denn?

Ai: Sie lernen das Leben hinter der Propaganda kennen. Ein Beispiel: Ein Teilnehmer hat den Vater eines getöteten Kindes getroffen, der von den Behörden schon mehrfach verlangt hat, die Bauqualität der lokalen Schule zu untersuchen. Die Familie gehört zu einer kleinen ethnischen Minderheit, den Qiang, und eines Tages haben die Polizisten ihm angedroht: „Wenn du nicht Ruhe gibst, ändern wir die ethnische Zugehörigkeit auf deinem Personalausweis in »Tibeter« – dann können wir dich als Freiheitskämpfer verfolgen, und was meinst du, was dir dann blüht?!“ Dabei muss es einem doch wie Schuppen von den Augen fallen, in was für einem scheußlichen System wir leben.

Wenn Ihr Blog eine solche Desillusionierungs-Bewegung ins Leben rufen kann, warum stellen ihn die Zensurbehörden dann nicht ab?

Ai: Das frage ich mich auch. Viele Menschen sitzen in China wegen weitaus harmloserer Aktionen im Knast. Manchmal sind meine Vorwürfe so harsch formuliert, dass ich denke: Das war jetzt der letzte Eintrag. Aber bisher ging es immer weiter, und obwohl mein Blog hier im Internet nicht so einfach zu finden ist, hat er eine solide Leserschaft.

Es geht das Gerücht, auch Präsident Hu Jintao lese ihren Blog und benutze ihn als eine Art Thermometer für die soziale Empfindlichkeit.

Ai: Mag sein, ich weiß es nicht. Natürlich ist es unser Ziel, das System von innen zu verändern. In dieser Hinsicht ist das Erdbeben-Projekt ganz ausgezeichnet. Nehmen wir nur das Interview, das wir gerade führen: Die chinesische Botschaft in Deutschland wird es übersetzen und ans Pekinger Außenministerium schicken, von wo es dann nach Sichuan weitergeleitet wird. Und je mehr Aufmerksamkeit unser Projekt bekommt, umso mehr chinesische Beamte müssen sich mit unseren Ideen auseinandersetzen.

Das klingt nach gewaltfreiem Widerstand à la Gandhi mit den Mitteln der Internetgesellschaft. Sehen sie sich dabei eher als Künstler oder als politischen Aktivisten?

AI: Als Künstler sind politische und soziale Anliegen Teil meiner Arbeit. Wenn meine Werke relevant sein sollen, müssen sie sich mit den wichtigen Themen unserer Gesellschaft befassen. Denn letztlich lassen sich die Kunst und das Leben nicht von einander trennen.

ZUR PERSON

ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2Ai Weiwei, Jahrgang 1957, gilt als einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstler. 2007 gehörten Ais Arbeiten zu den Hauptattraktionen der „documenta 12“ in Kassel. Der Sohn eines liberalen Schriftstellers, der unter Mao als Rechtsabweichler gebrandmarkt wurde, verbrachte einen Teil seiner Jugend mit dem Vater in einem Straflager. Nach der Kulturrevolution studierte er an der Pekinger Filmakademie und später in den USA. Seit Anfang der 90er Jahre lebt Ai in Peking. Er ist neben seiner Kunst auch für seine politischen Provokationen bekannt. Er wirkte am Entwurf des Pekinger Olympiastadions mit, nahm dann aber aus Protest gegen die Spiele nicht an der Eröffnungsfeier teil.

Bernhard Bartsch | 07. Mai 2009 um 02:05 Uhr

 

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