Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Wie soll man jubeln?

Zu Olympia zeigt sich China euphorisch – nur die Parteispitze erweckt den Eindruck, als seien die Spiele die langweiligste Veranstaltung der Welt.

Dort werden sie fast so scharf beobachtet wie die Athleten und können, wie diese, gewinnen oder verlieren. Denn wer als Volksvertreter auf der Tribüne sitzt, muss zugleich ungespielte Begeisterung und diplomatische Neutralität zeigen. Ein moderner Herrscher muss dem Volk nicht nur Brot und Spiele bieten, sondern sie mit ihm teilen. Andererseits darf man nicht wegen eines Ballspiels außer Kontrolle geraten. Bleibt nur der Versuch des seriösen Jubels.

Häufig geht das schief. Chinas Führung zeigte während der Olympischen Spiele, dass ihr das schwer fällt. Bei der Eröffnungsfeier saß das Politbüro noch in einer Reihe mit der Nomenklatura des Internationalen Olympischen Komitees, umgeben von rund 80 Staatsoberhäuptern aus aller Welt. Doch danach trat Pekings Spitzenriege selten als Publikum auf. So schaute sich Präsident Hu Jintao ein Volleyballmatch zwischen China und den USA an, wobei sein offenes blaues Hemd und seine neben ihm sitzende Frau signalisieren sollten, der Staatschef befinde sich im Freizeitmodus. Die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua meldete, Hu habe gelöste Stunden im Kreis seiner Familie verbracht. Doch sein verhaltenes Klatschen erinnerte an einstudierte Applauskommandos kommunistischer Parteitage. Auch Vizepräsident Xi Jinping absolvierte mit seiner Frau, einer bekannten Sängerin, in angespannt zur Schau gestellter Lockerheit Tribünenauftritte. Normalerweise treten Chinas Staatsmänner ohne Ehepartner auf.

Chinas Politiker glaubten offenbar, dem Volk das Bild zu vermitteln, das dieses sich von seinen Führern wünscht. „Ein Fürst muss sich stets wie ein Fürst benehmen“, mahnte Konfuzius und schrieb Chinas Herrschern eine Rolle auf den Leib, die Stärke, Souveränität und volle emotionale Kontrolle verlangt. Ausnahmen gibt es nur selten. So titelten Chinas Zeitungen im Mai nach dem Erdbeben in Sichuan: „Der Premier hat geweint.“ Goldmedaillen sind offenbar nicht Grund genug, um aus dem Protokoll zu fallen.

So blieb Olympia paradox wie sein Gastgeber: Dem Land verordnete die Führung Euphorie, sie selbst tat so, als seien die Spiele die langweiligste Veranstaltung der Welt.

Erschienen in: Berliner Zeitung, 25. August 2008

Bernhard Bartsch | 25. August 2008 um 02:47 Uhr

 

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