Bernhard Bartsch

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Wie Kim lernte, die Bombe zu lieben

Nordkoreas Diktator ist kein Dr. Seltsam, sondern ein skrupelloser Machtstratege: Seine Atomwaffen sind eine Lebensversicherung für sein grausames Regime.

1964, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, erteilte der Regisseur Stanley Kubrick der Welt eine Lektion in Galgenhumor. Sein Film „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ wurde über Nacht zum Referenzwerk über den Wahnsinn des atomaren Kräftemessens, wobei vielen Kinobesuchern bewusst war, dass die Satire in gewisser Hinsicht mehr über die Wirklichkeit verriet als alle Zeitungsberichte. So grotesk die Geschichte und ihre Figuren – allen voran der altfaschistische Nuklearexperte Dr. Seltsam – auch sein mochten, so nah war das Ergebnis doch an der Realität des globalen Countdowns.

Nordkoreas Diktator Kim Jong Il und Dr. Seltsam haben einiges gemeinsam: Das bizarre Auftreten und der abstruse Erlöserkult des „Geliebten Führers“ können es mit jeder Filmerfindung aufnehmen. Doch Kim ist hier und jetzt, und anders als Dr. Seltsam ist er kein irres Genie, sondern ein skrupelloser Machtstratege, der ein Volk von 24 Millionen Menschen als Geisel hält, um das Überleben seines ausbeuterischen Regimes zu sichern. Mit seinem zweiten Atombombentest hat er nun demonstriert, dass er ernst genommen werden will – ernst genommen als Bedrohung. Etwas anderes hat er nicht zu bieten, weder der Welt, noch seinem eigenen Volk.

Die Rolle des globalen Erpressers spielt Kim dafür mit realpolitischer Bravour. Seit Jahrzehnten wiederholt er in regelmäßigen Abständen seine Ankündigungen, Nuklearwaffen bauen zu wollen. Denn wer aufrüstet, kann auch wieder abrüsten – und sich dafür von der Weltgemeinschaft belohnen lassen, in Form von Öl, Hilfslieferungen und Devisen. Mit der Angst lassen sich gute Geschäfte machten lassen.

Allerdings muss Kim jedes Mal ein wenig mehr von seinen Folterinstrumenten zeigen. 2006 testete er erstmals einen Sprengkopf und handelte hinterher im Rahmen der Pekinger Sechs-Parteien-Gespräche mit China, den USA, Südkorea, Japan und Russland eine Rekordentschädigung für das Versprechen aus, sich auf den Weg der Denuklearisierung zu begeben. Dass er diesen m ihn nicht weit gehen würde, war abzusehen, zumal Experten schnell erkannten, dass sein atomares Drohpotential eher psychologischer als militärischer Natur war. Denn der unterirdische Test entpuppte sich nur als Teilerfolg. Wahrscheinlich hatte die Zündung nicht richtig funktioniert. Damit war Nordkoreas Armee noch weit davon entfernt, eine Trägerrakete mit einem Sprengkopf einzusetzen.

Inwiefern Kim mit dem zweiten Test seinem Ziel, eine ernstzunehmende Nuklearmacht mit jederzeit einsetzbarem Zerstörungspotential zu werden, näher gekommen ist, werden Spezialisten in den kommenden Tagen zu ermitteln versuchen. Weil auf ihre Erkenntnisse allerdings nur begrenzt Verlass ist, muss die Welt den schlimmstmöglichen Fall annehmen. Dieser besteht nicht einmal darin, dass Kim seine Bombe eines Tages selbst einsetzen könnte. Weitaus dramatischer wäre die Gefahr, wenn Nordkorea seine Atomwaffen an andere Länder weitergeben würde. Dass Kontakte zu Terrorkreisen bereits existieren, gilt als gesichert.

Der Weltgemeinschaft wird nichts anderes übrig bleiben, als wieder einmal auf Kims Forderungen einzugehen und ihm damit unfreiwillig zu helfen, seine Herrschaft zu sichern. Zwar wird der Uno-Sicherheitsrat gewiss erneut mit Sanktionen drohen und vielleicht sogar einige Zwangsmaßnahmen beschließen. Doch über symbolische Akte wird das Engagement nicht hinausgehen. Denn nicht nur für Nordkoreas Schutzmacht China, sondern auch für Südkorea, die USA und Russland ist der Status quo noch das kleinste Übel. An einem Regionalkonflikt hat niemand ein Interesse. So hat Kim gelernt, seine Atomwaffen als Lebensversicherung für sein Regime einzusetzen. Sie schützen ihn vor militärischen Angriffen von außen und versorgen ihn mit den notwendigen Ressourcen, um die Eliten bei Laune zu halten. Kein Wunder, dass Kim die Bombe liebt.

Bernhard Bartsch | 26. Mai 2009 um 02:38 Uhr

 

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