Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Widerstand als Gesamtkunstwerk

Wie Ai Weiwei zum schärfsten Kritiker der Kommunistischen Partei wurde.

Wer im Pekinger Kreativenviertel Caochangdi das Haus von Chinas bekanntestem Künstler und schärfstem Regierungskritiker sucht, erkennt es an den beiden Überwachungskameras. Die eine ist an einen Laternenmast montiert und auf die Stahltür eines grau ummauerten Gebäudekomplexes gerichtet. Diese Kamera hat die Polizei installiert. Die andere ragt von innen hinter der Mauer hervor und zielt auf die erste Kamera. Dieses Gerät hat Ai Weiwei angebracht. „Wenn die Polizei mich überwachen darf, darf ich auch die Polizei überwachen“, erklärte Ai bei einem Studiobesuch im vergangenen Herbst.

Mehrere Jahre lang hat der 53-Jährige mit den Behörden darum gekämpft, was ein chinesischer Staatsbürger darf und was nicht. Ai wusste, dass er das Recht, die Moral und viele Sympathien auf seiner Seite hatte – aber er wusste auch, dass dies in China im Zweifelsfall nicht viel zählt. Am Sonntag demonstrierte die Kommunistische Partei ihre Macht: Die Polizei nahm Ai am Pekinger Flughafen fest, verhörte seine Frau, Mitarbeiter und Anwälte und beschlagnahmte sämtliche Computer in seinem Studio. Obwohl das chinesische Gesetz vorschreibt, dass Angehörige von Verhafteten innerhalb von 24 Stunden über Anklage und Aufenthaltsort informiert werden, fehlt von Ai bisher jede Spur.

Über den Grund für die Festnahme lässt sich nur spekulieren. Womöglich hatten die Behörden herausbekommen, dass Ai über Hongkong nach Taiwan fliegen wollte, um dort seine erste Soloschau vorzubereiten, die im Oktober stattfinden sollte. Da Ai in der Volksrepublik Ausstellungsverbot hat, wäre das Kunstprojekt auf der von Peking als „abtrünnige Provinz“ betrachteten Insel ein Politikum gewesen. Unter Umständen hatte die Polizei auch herausgefunden, dass Ai dabei war, eine Liste aller Menschen zu erstellen, die Opfer der Kampagne gegen die sogenannten „Jasmin-Demonstrationen“ geworden waren, jenen vom Volksaufstand in Tunesien inspirierten Protestaufrufen, die im März mehrere Wochenenden lang das Zentrum chinesischer Großstädte zur Hochsicherheitszone machten.

Doch was immer der konkrete Anlass für die Verhaftung war, so dürfte der Hauptgrund darin liegen, dass Ai seit Jahren wie kein anderer Chinese von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch machte und dabei bewusst so tat, als ließen sich die in der chinesischen Verfassung festgeschriebenen Rechte auch in der Wirklichkeit einfordern. Seine regelmäßigen scharfzüngigen Interviews und anklagenden Kunstaktionen im Ausland waren aus Sicht der Partei sicherlich verzeihlicher als seine beharrlichen Versuche, seine Landsleute zum zivilen Ungehorsam aufzurufen. Denn für Chinesen steht der Name Ai Weiwei weniger für einen aufsehenerregenden und hochbezahlten Künstler als für ein subversives Internetphänomen. Was Ai nicht stört, im Gegenteil. „Politische und soziale Anliegen sind Teil meiner Arbeit“, sagte er. „Wenn meine Werke relevant sein sollen, müssen sie sich mit den wichtigen Themen unserer Gesellschaft befassen.“

Ai ist ein schwergewichtiger Mann mit wildem Bart und sanften Augen, und wer ihn in den vergangenen Jahren in seinem Studio besuchte, fand ihn meist vor dem Computer vor. „Ich verbringe täglich mindestens acht Stunden im Internet, manchmal 24“, erzählte er. Das Netz ermögliche es den Chinesen erstmals in ihrer Geschichte, wirklich „menschlich“ zu leben. „Meine Definition von „Mensch“ ist, dass man frei seine Informationen erwerben, seine Wissensstruktur aufbauen und seine Meinung ausdrücken kann“, sagte Ai. „Durch das Internetzeitalter verändert sich die gesamte Machtstruktur.“

Er machte keinen Hehl daraus, wie er die Machtstruktur verändern wollte: In seinen Blogeinträgen enthüllte er die Willkür von Chinas Rechtssystem und der Sicherheitskräfte, wettert gegen die Olympischen Spiele und die Feierlichkeiten zum 60. Gründungstag der Volksrepublik, engagierte sich gegen Internetzensur und Korruption. Wenn seine Internetseiten geschlossen wurden, eröffnete er neue, und auf dem Mikroblogdienst Twitter, der von China aus nur mit spezieller Software zur Umgehung von Internetblockaden erreichbar ist, hat er über 70 000 Anhänger. Dass er mit seinen Aktionen die gleichen harschen Konsequenzen riskierte wie viele andere chinesische Bürgerrechtler, für die er sich einsetzte, war ihm bewusst. Er schien bisweilen selbst darunter zu leiden, dass er nicht imstande war, die Verantwortung, die er sich selbst aufgelegt hatte, abzuschütteln. Ais Leben ist gewissermaßen ein widerständlerisches Gesamtkunstwerk, eine Miniatur chinesischer Zeitgeschichte, mit all ihren Bruchstellen und Abgründen.

Geboren wurde er 1957 in Peking in besten volksrepublikanischen Verhältnissen. Sein Vater Ai Qing war ein berühmter Maler, Schriftsteller und kommunistischer Vordenker, dessen patriotische Gedichte bis heute jedes chinesische Schulkind lernt. Ein Jahr nach Ais Geburt fiel sein Vater bei Mao in Ungnade und wurde mit seiner Familie aus Peking verbannt, zunächst in die Mandschurei, später ins westchinesische Xinjiang. So lernte Ai Weiwei von klein auf, was es bedeutet, hungrig und ausgestoßen zu sein. „Manche Menschen haben vor unserem Haus ausgespuckt, wenn sie auf der Straße vorbeiliefen“, erinnerte er sich.

Allerdings bemerkten sie auch, dass es sich bei den Verstoßenen um Menschen mit einem besonderen Sinn für Ästhetik handelte. „Unser Brennholzhaufen war immer sehr kunstvoll gestapelt, ganz ohne Spalten zwischen den Scheiten“, erzählte Ai. Jahrzehnte später sollte er daraus ein Kunstwerk machen: einen perfekt geschichteten Holzstapel, bestehend aus zerschlagenen Balken abgerissener chinesischer Tempel.

Erst nach Maos Tod durfte die Familie nach Peking zurückkehren. Als 1978 die während der Kulturrevolution geschlossenen Universitäten wieder geöffnet wurden, schrieb sich der mittlerweile 21-Jährige an der Pekinger Filmakademie ein. In Ais Jahrgang studierten unter anderem Chen Kaige und Zhang Yimou, die in den achtziger und frühen neunziger Jahren als Regie-Kamera-Team den chinesischen Film revolutionieren sollten – allerdings eine Revolution, die den Rahmen des staatlich Zugelassenen strapazierte, aber nicht sprengte.

Ai war dagegen zu keinen Kompromissen bereit. 1979 gründete er mit anderen Künstlern die „Sternengruppe“, die jegliche Einbindung in den offiziellen Kulturbetrieb ablehnte und deshalb schnell unter Druck geriet. Frustriert von den Beschränkungen in seiner Heimat, beschloss Ai auszuwandern. 1981 zog er nach New York und studierte an der Parsons School of Design, beschäftigte sich mit Performance- und Konzeptkunst. Sein Studium finanzierte er sich unter anderem als Straßenkünstler und Fotograf.

Wäre nicht 1993 sein Vater erkrankt, wäre Ai wohl noch länger in New York geblieben. Doch so kehrte er zwölf Jahre nach seiner Ausreise und vier Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens nach China zurück. Er kam in ein Land, in dem viel in Bewegung geraten war, in dem aber auch viele seiner früheren Befürchtungen bewahrheitet hatten. Gewaltige Umbauprojekte prägten das Reformzeitalter. Seine Gewinner wurden gefeiert, die Verlierer ignoriert, und wer die Probleme für größer hielt als die Errungenschaften, galt als Verräter.

Ai machte aus seinen Sorgen Kunst, und das erfolgreich. Schon bald gehörte er zu den bestbezahlten Stars der Szene. Doch anders als viele seiner Kollegen machte der Erfolg ihn nicht käuflich. Ai wollte frei bleiben. Es war diese persönliche Unabhängigkeitserklärung, die ihn über den Kunstbetrieb hinaus bekannt machte. Nachdem Peking 2001 den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekommen hatte, entwarf er zusammen mit dem Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron das „Vogelnest“ genannte Hauptstadion. Doch die spektakuläre Stahlkonstruktion begann kaum, Formen anzunehmen, als Ai sich von den Spielen distanzierte. Er sprach von einer „unerträglichen Propagandaschau der Kommunistischen Partei“ und kündigte an, nicht an der Eröffnungsfeier teilzunehmen.

Für die internationalen Medien war dies ein gefundenes Fressen – und auch für Chinas so genannte „Netzfreunde“, die kritische Internetgemeinde, die stets versucht, Pekings offizielle Selbstdarstellung auszuhebeln. Bald kursierte das Gerücht, Ai habe mit dem Design Rache für die Verbannung seines Vaters üben wollen und deswegen ein Stadion entworfen, das einer Kloschüssel gleiche. Dass sein Vogelnest daraufhin den Spitznamen „Große Toilette“ bekam, war ein Witz nach Ais Geschmack. Schließlich hatte er sein Designstudio FAKE genannt, um den chinesischen Behörden symbolisch den Stinkefinger zu zeigen. Denn hinter dem Namen versteckt sich nicht nur das englische Wort für Fälschung, sondern auch die chinesische Umschrift von „Fuck“, ein Schimpfwort, das Ai im Bezug auf die Parteikader seines Landes gerne, häufig und in vielen Abwandlungen benutzt. So hat er zum 60. Gründungstag der Volksrepublik am 1. Oktober 2009 auf seinem Blog einen „Mittelfinger-Fotowettbewerb“ ausgeschrieben, mit dem Ziel, seine Landsleute zur Schmähung von Herrschaftssymbolen anzustacheln.

Durch Olympia rückte Ais Existenz in der virtuellen Welt zunehmend ins Zentrum seines Schaffens. Denn trotz Internetzensur gibt es im chinesischen Netz Spielräume für scharfe Sozialkritik, zumindest solange sie so formuliert ist, dass sie der Cyberpolizei und ihrer Kontrollsoftware nicht sofort auffällt. Steht ein Blogeintrag eine Weile im Web, wird er oft weiterkopiert und ist dann kaum noch wieder einzufangen. Seine aufsehenerregendste Internetaktion gelang ihm, als er mit freiwilligen Helfern eine Liste der 2008 beim Erbeben von Sichuan getöteten Kinder erstellte. Damit wollte er eine Debatte um eine Frage erzwingen, welche die Zensurbehörden nach Kräften zu vermeiden versuchten: Starben tausende Kinder, weil ihre Schulen „Tofu-Konstruktionen“ waren, die infolge von Korruption und Schlamperei mit minderwertigen Materialien errichtet worden waren und gegen bestehende Sicherheitsvorschriften verstießen? Die Zensoren zeigten sich ratlos, wie sie mit der Provokation umgehen sollten. Zum ersten Jahrestag des Erdbebens am 12. Mai 2009 schaffte es Ai, mehr als 5000 Namen auf seiner Internetseite zu veröffentlichen. Die Liste bedeckt bis heute die Rückwand des Großraumbüros von Ais Studio. Doch gearbeitet wird dort seit vergangenem Wochenende nicht mehr – alle Computer wurden von der Polizei beschlagnahmt.

Ais Mitarbeiter grübeln besorgt, welches Schicksal ihrem Chef blüht, den sie respektvoll „Ai Laoshi “ nennen – „Lehrer Ai“. Im schlimmsten Fall drohe ihm eine lange Haftstrafe, so wie Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, der wegen angeblichen „Umsturzes der Staatsgewalt“ für elf Jahre im Gefängnis sitzt. Angesichts gewaltigen internationalen Protests könnte die Regierung allerdings auch versuchen, Ai ins Exil zu gehen. Schon in der Vergangenheit sei er von der Staatssicherheit gedrängt worden, das Land zu verlassen, doch Ai betonte, dies nur im äußersten Notfall tun zu wollen. Dass dieser eintreten könnte, hat Ai offensichtlich geahnt. In den vergangenen Monaten bereitete er den Kauf eines Studios in Berlin vor, in dem er Teile seiner Kunstprojekte verwirklichen wollte. Dass dies ein Exilstandort sein würde, hat er stets bestritten. Nun könnte es für diesen Schritt zu spät sein.

Eines der letzten Projekte, an deren Fertigstellung Ai vor seiner Verhaftung arbeitete, war ein Dokumentarfilm über die Rechte Krimineller in Deutschland. Dafür hatte er mit Richtern, Anwälten und Politikern gesprochen und ein deutsches Gefängnis besucht. „Er wollte den Chinesen zeigen, wie ein Rechtsstaat funktioniert“, sagt ein Mitarbeiter. „Stattdessen zeigt China nun der ganzen Welt, dass es in unserem Land keinen Rechtsstaat gibt.“

Bernhard Bartsch | 05. April 2011 um 15:53 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Susu

    07. April 2011 um 21:45

    Hallo
    Vielen Dank für diesen großartigen Artikel!
    Ihr Blog ist SUPER!