Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Wicht-Ich

Von wegen kleine Rädchen und blaue Ameisen: Die Chinesen sind heute ein Volk von VIPs.

Ich bin ja so wichtig. Mein Geldbeutel platzt vor VIP-Karten, und zuhause habe ich noch eine halbe Schublade voll. Ich bin VIP in einem guten dutzend Restaurants, fünf Coffeeshops, drei Supermärkten, zwei Elektroläden und bei meinem Gemüsehändler. Nicht, dass ich mir etwas darauf einbilden würde. „Very important person“ ist heute in China jeder. Einmal essen gehen oder einkaufen reicht, und schon wird man beim Bezahlen in den Konsumadel erhoben, der Anrecht auf Prozente, Geschenke und Werbung hat. In der vergangenen Woche habe ich neun Anrufe von Clubs oder Hotels bekommen, die mich als VIP gewinnen wollten – solche Angebote gehen mit dem VIP-Status bei meinem Handyanbieter einher, der mit den Telefonnummern zahlungskräftiger Kunden gute Geschäfte macht. Selbst meine einjährige Tochter hat bereits diverse VIP-Zugehörigkeiten: In ihrem Geburtskrankenhaus ist sie „VIP auf Lebenszeit“, und Jade-Mitglied beim Lieferdienst für Windeln und Babymilch.

Soweit ist es mit dem Sozialismus also gekommen. Von wegen kleine Rädchen oder blaue Ameisen – im modernen China will jeder wichtiger sein als der andere. Klassenlose Gesellschaft war gestern, heute sind die Chinesen ein Volk der VIPs. Zwar gehört es noch immer zum chinesischen Selbstverständnis, dass die eigene Kultur weniger individualistisch sei als die westliche. Doch auch wenn Chinas Größe und Armut dem Einzelnen tatsächlich oft weniger Spielräume lassen – glücklich ist darüber niemand. Denn das Leben ist keine Fankurve, und statt im Rausch des Kollektivs sind die Chinesen die meiste Zeit auf sich allein gestellt. Wer will da nicht ein wenig wichtig sein?

Chinas größte VIPs sind die Kleinsten: Aufgrund der Geburtenplanung gibt es fast nur noch Einzelkinder, denen die Aufmerksamkeit der ganzen Familie gehört. „Kleine Kaiser“ werden sie im Chinesischen genannt. Ohnehin sollte man lieber mehr chinesische Bezeichnungen benutzen, hat die Regierung kürzlich gefordert und verordnet, dass die auch in China gebräuchliche englische Abkürzung „VIP“ künftig durch „guibin“ ersetzt werden sollte – „teurer Kunde“. Durchgesetzt hat sich das bisher aber nicht, denn „teuer“ hat im Chinesischen die gleiche Doppelbedeutung wie im Deutschen: Wenn ich jemandem teuer bin, kommt mich das häufig teuer zu stehen. Dann schon lieber wichtig.

Bernhard Bartsch | 27. Juli 2010 um 15:31 Uhr

 

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