Bernhard Bartsch

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Wettstreit der Worte

Die Buchmesse ist ein Laborversuch zur chinesischen Meinungsfreiheit.

Vor 2500 Jahren forderte der Philosoph Konfuzius Chinas Herrscher auf, die Dinge beim Namen zu nennen. „Wenn die Bezeichnungen nicht stimmen, spiegelt die Sprache nicht mehr die wahren Umstände wider“, mahnte der Weise. Wo sich Begriffe von ihren Bedeutungen trennen und in leerem Gerede auflösen, drohten die Kultur zu zerfallen, die Regierung ihre Macht zu verlieren und das Volk im Chaos zu versinken. „Der Edle redet deshalb so, dass seine Sprache Sinn macht“, schloss der Nationaldenker. Chinas Mächtige erinnern sich bis heute an seinen Rat – und hüten sich meist davor, ihn zu befolgen.

Die Frage, was in China wahr und falsch ist, steht im Zentrum des chinesischen Gastlandauftritts bei der Frankfurter Buchmesse. Schon seit Jahren wird darüber debattiert und gestritten, und das zu Recht. Kaum einer bezweifelt noch, dass die Volksrepublik dabei ist, sich selbst und mit sich die ganze Welt zu verändern – wirtschaftlich, politisch und kulturell. Aber wohin dieser Prozess führen wird, darüber herrschen die unterschiedlichsten Erwartungen, Hoffnungen und Ängste.

Noch nie gab es eine bessere Diskussionsplattform als in Frankfurt. Denn der Gastlandauftritt und das Begleitprogramm lassen unterschiedlichste Meinungen aufeinanderprallen. Vor allem aber zwingen sie China zur Debatte mit sich selbst. Erstmals werden sich Vertreter der chinesischen Regierung und einige ihrer schärfsten Kritiker fünf Tage lang einen offenen Wettstreit der Worte liefern – und die Weltöffentlichkeit kann zuhören und sich ihr eigenes Urteil bilden. Die Buchmesse ist ein Laborversuch zur chinesischen Meinungsfreiheit.

Dabei wäre ein solcher aus Sicht der Kommunistischen Partei gar nicht nötig. Ihre offiziellen Vertreter, allen voran Vizepräsident Xi Jinping, werden darauf hinweisen, dass Chinas Gesetz das Recht auf freie Meinungsäußerung ebenso garantiert wie die Pressefreiheit. Zwar gesteht Peking ein, dass die Umsetzung nicht immer reibungslos gelinge und China noch einen weiten Weg vor sich habe, aber trotzdem fordert die Regierung, vor allem die gewaltigen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte zu würdigen. Die Verbesserungen lassen sich mit eindrucksvollen Statistiken belegen, etwa dass in China heute jährlich 300000 neue Bücher erscheinen und über tausend Fernsehkanäle auf Sendung sind. Chinas Magie der großen Zahlen verfehlt ihre Wirkung selten. Trotzdem steht und fällt ihre Überzeugungskraft mit dem angelegten Maßstab.

Gemessen an Maos Zeiten erscheint die Volksrepublik heute als ein Reich der Freiheit und Weltoffenheit. Früher waren die Einschränkungen der Meinungsfreiheit unübersehbar und prägten den Alltag. Heute sind die Grenzen für die meisten Chinesen nicht mehr zu erkennen und werden erst sichtbar, wenn man sie übertritt. Die Ära der allumfassenden Gleichschaltung ist vorbei, viele Eingriffe in die Privatsphäre wurden zurückgenommen. China ist kein Spitzelstaat mehr, in dem Gesinnungsspione persönlichen Einstellungen zu Partei und Revolution hinterherschnüffeln. Wer zu Hause auf den Kommunismus schimpfen oder Witze über die Führung erzählen will, kann dies in der Regel ungestraft tun. Das Private ist wieder weitgehend privat.

Doch das Private kann schnell öffentlich werden – und dann ist die Mao-Zeit ein schlechter Maßstab für die Bedeutung der Meinungsfreiheit. Wenn Kinder an vergifteter Babymilch erkranken oder Fabriken das Trinkwasser mit krebserregenden Abfällen verseuchen, wenn korrupte Beamte Menschen um ihr Hab und Gut betrügen oder ethnische Minderheiten Opfer von Diskriminierung werden, dann lernen die Chinesen nicht nur den Wert freier Rede kennen, sondern oft auch gleich die Macht der staatlichen Zensur. Chinas Medien und das Internet unterliegen strengster Überwachung. Die Kontrolleure kontrolliert allein die Partei.

Weil China sein Image in der Welt nicht egal ist, tritt nun ausgerechnet die chinesische Zensurbehörde, das Amt für Presse und Publikation (GAPP), in Frankfurt als Organisator des Gastlandauftritts auf. Die Art und Weise, wie sich die Vertreter der offiziellen Delegation auf der Buchmesse der Debatte stellen, wird der beste Maßstab dafür sein, wie reformbereit die chinesische Regierung in Sachen Meinungsfreiheit tatsächlich ist. Nach den Querelen im Vorfeld der Buchmesse zu urteilen, führen Chinas Herrscher wieder einmal die Weisheiten ihres Nationalphilosophen Konfuzius im Munde, ohne sie zu beherzigen. Freiheit sagen und Unfreiheit meinen – diese Strategie mag dem kurzfristigen Machterhalt dienlich sein, bedroht langfristig aber die Stabilität der Regierung ebenso wie die des Landes. In China kann die Partei Debatten darüber verhindern, in Frankfurt muss sie sich ihnen stellen – und damit leben, als Gesprächspartner womöglich nicht ernst genommen zu werden. Einer der prominentesten chinesischen Intellektuellen, der Künstler Ai Weiwei, hat seine Teilnahme an der Buchmesse abgesagt und begründete dies in bester konfuzianischer Manier damit, dass ein konstruktiver Dialog mit Peking nicht möglich sei – zumindest keiner, der den Namen verdienen würde.

Bernhard Bartsch | 13. Oktober 2009 um 04:55 Uhr

 

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