Bernhard Bartsch

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Wettrüsten im Netz

Washington und Peking werfen einander Hacker-Angriffe vor und drohen mit Konsequenzen. Damit wird Cybersicherheit endgültig zur diplomatischen Frontlinie.

Der junge Computerexperte ist selbstbewusst. „Ich bin ausgebildet, um Systeme vor Hackerangriffen zu schützen“, sagt der Chinese und fügt lächelnd hinzu: „Dafür muss man natürlich erst mal selbst Hacken lernen.“ In fremde Netzwerke einzudringen, sei zentraler Teil seines Studiums gewesen, erzählt der Masters-Absolvent der renommierten Peking-Universität. Heute arbeitet er für einen internationalen Konzern, doch viele seiner Kommilitonen haben eine andere Laufbahn eingeschlagen. „Sie kamen von der Volksbefreiungsarmee und sind auch dorthin zurückgegangen“, sagt er. „Was auch immer sie dort machen, sie können mit den besten der Welt mithalten.“

Genau darüber ist nun ein scharfer Streit zwischen China und den USA ausgebrochen. Die amerikanische Internetsicherheitsfirma Mandiant erklärte Anfang der Woche, sie habe Hacker-Angriffe auf 141 US-Unternehmen in ein Shanghaier Bürogebäude zurückverfolgt, den Sitz der Einheit 61398 der Volksbefreiungsarmee.

Das Weiße Haus kündigte umgehend eine neue Strategie für Cyber-Sicherheit an, die auch Strafen und Handelssanktionen gegen Ursprungsländer von Hacker-Attacken vorsieht. Mit der offenen Drohung macht Washington eine neue diplomatische Frontlinie auf. China weist die Vorwürfe von sich und hält den Amerikanern vor, selbst staatlich finanzierte Hackerheere zu unterhalten, die chinesische Computersysteme angreifen.

Bei dem Konflikt, der nun vor der Weltöffentlichkeit ausgefochten wird und schwere Verwerfungen zwischen den Großmächten hervorrufen könnte, kennen die wahren Fakten wohl nur die Akteure selbst. Zwar ist unbestritten, dass sowohl Washington als auch Peking große Ressourcen für sogenannte „Cybersicherheit“ aufwenden. Auch der Einsatz von Hackern, die weltweit Computersysteme infiltrieren, ist auf beiden Seiten belegt. Doch über den Umfang der Aktivitäten gibt es für Außenstehende wenig gesichertes Wissen.

Dass vor allem China am Pranger steht, ist dennoch plausibel. Denn Armee und Gemeindienste sind dort noch weniger transparent als in den USA. In Abwesenheit von Demokratie und freien Medien ist der parteigesteuerte Staatsapparat weitgehend eine Black Box.

Außerdem sind Chinas Politik und Wirtschaft so eng mit einander verflochten, dass der Verdacht regierungsfinanzierter Industriespionage deutlich naheliegender ist als in den USA. Darüber hinaus lagern in den Computersystemen amerikanischer Firmen weitaus wertvollere Wirtschaftsgeheimnisse als bei chinesischen Unternehmen.

„China versucht in der Wertschöpfungskette der Weltwirtschaft aufzusteigen, teilweise durch Cyberspionage“, glaubt Adam Segal, China-Experte des Council on Foreign Relations. Zwar griffen viele Länder zu solchen Methoden, doch in China sei der Umfang weitaus größer. Außerdem sei Industriespionage womöglich nicht einmal das Hauptanliegen der chinesischen Hacker. „Womöglich geht es den Chinesen mit ihren Angriffen weniger um industrielle Informationen, sondern um Abschreckung“, erklärt Segal. Angesichts sich zuspitzender Regionaldispute wolle Peking seine Fähigkeiten zur Cyberkriegführung demonstrieren.

In China streitet man das ab. Vergangenen Dezember erklärte Liu Jianwei, Internetexperte der Pekinger Universität für Luftfahrttechnik, dass seit 2011 rund 10.500 chinesische Webseiten Opfer von Hackerangriffen geworden seien. Ein Drittel der Attacken sei aus den USA gekommen. Außerdem sieht man sich in den USA dadurch bedroht, dass die wichtigsten Server der Welt von den USA kontrolliert werden.

Tai-Ming Cheung, Leiter des Instituts für Globale Konflikte und Kooperation an der University of California, prophezeit nun ein digitales Wettrüsten. Ein chinesischer staatlicher Thinktank habe kürzlich gefordert, dass die Zahl der Cybersicherheits-Experten, die derzeit mit 40.000 angegeben wird, auf 500.000 erhöht werden müsse. „China und die USA fühlen sich beide sehr verletzlich“, sagt Cheung. „Das könnte für beide Seiten Anlass sein, das Problem gemeinsam anzugehen, aber in dem gegenwärtigen politisch feindlichen Klima ist das nicht sehr wahrscheinlich.“

Bernhard Bartsch | 21. Februar 2013 um 22:08 Uhr

 

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