Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Wettrüsten der Vorbilder

Mit einer Armada staatlich geprüfter Vorzeige-Chinesen will die Kommunistische Partei ihre Autorität untermauern. Doch das Volk sucht sich seine eigenen Helden.

Der Parteisekretär Niu Yuru starb, wie er gelebt hatte – als Beamter durch und durch. „Wir waren 25 Jahre verheiratet, aber davon höchstens fünf wirklich zusammen“, berichtete seine Frau Xie Li nach seinem Tod. „Die anderen 20 Jahre verbrachte er im Büro und auf Dienstreisen.“ Auf dem Sterbebett sei Niu zuletzt nicht mehr ansprechbar gewesen – außer, seine Frau flüsterte ihm ins Ohr, es sei halb neun, Zeit für die Sitzung. „Da hat er noch einmal die Augen geöffnet und aufmerksam geschaut, bevor er sie für immer schloss.“

Die Geschichte mag wahr sein oder nicht, aber sie hat den 2004 verstorbenen Parteisekretär der nordchinesischen Stadt Hohhot posthum zu einer nationalen Legende gemacht. Sein Leben zwischen Schreib- und Konferenztisch kam auf Plakate, ins Kino und als Fernsehserie in jedes chinesische Wohnzimmer. „Lernt von Niu Yuru“, fordert Präsident Hu Jintao seine Landsleute in Reden immer wieder auf. Wären sie alle so, wie Niu angeblich war, hätten Chinas Kommunisten keine Sorgen.

Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. Die allmächtige Partei steht vor einem Image-Problem – und zwar vor einem, von dem sie nicht einmal genau weiß, wie es aussieht. In einem System ohne Pressefreiheit hat die Führung schließlich nur begrenzte Möglichkeiten, in den Spiegel der öffentlichen Meinung zu schauen. Fest steht: Unter den Vorbildern, die ihr Volk sich ohne ihr Zutun sucht, sind fast nie Beamte, dafür aber viele, die der Partei die Stirn bieten. Vor allem im Internet hat sich eine Gegenkultur zur staatlichen Propaganda entwickelt, und wie in einem Schachspiel versuchen beide Seiten, ihre Heldenfiguren gegeneinander in Position zu bringen.

Dieses Kräftemessen der Vorbilder ist neu. Unter Mao konnte die Kommunistische Partei ihre Helden noch nach Belieben in der Presse platzieren. Der einzige Lebenszweck dieser Vorzeige-Arbeiter und -Soldaten bestand darin, Planziele zu übertreffen. Der berühmteste war der Genosse Lei Feng, dessen angebliches Tagebuch während der Kulturrevolution eines der wenigen erlaubten Bücher war. So schrieb er etwa am 15. Februar 1961, dem ersten Tag des chinesischen Neujahrsfestes: „Alle meine Kollegen gingen fröhlich ins Kino. Und ich? Ich wollte den Festtag nutzen, um etwas Gutes für das Volk tun. Also nahm ich nach dem Frühstück meinen Korb, um Kuhfladen einzusammeln. Insgesamt habe ich 150 Kilogramm gefunden, die ich alle dem Kollektiv übergeben habe.“ Seine Hilfsbereitschaft wurde Lei schließlich zum Verhängnis: Er starb 1962 im Alter von 21 Jahren, als er von einem Pfahl erschlagen wurde, den er übersehen hatte, als er einen Lastwagen einweisen wollte.

Zwar ist Leis Tagebuch bis heute Schullektüre, doch für die moderne Jugend braucht die Partei andere Idole. Deshalb kürt sie heute zeitgeistgemäße Vorbilder, die ihren Landsleuten vorleben sollen, dass Parteitreue, Patriotismus und Privatwirtschaft problemlos zusammenpassen. Einer dieser Mustermenschen ist die Reiseleiterin Wen Huazhi, die 2005 ein Bein verlor, weil sie nach einem Busunfall mit einer Touristengruppe erst auf die Rettung sämtlicher Gäste bestand, bevor sie sich selbst helfen ließ. Ihre Selbstlosigkeit begründete die damals 22-Jährige mit einem Mao-Zitat: Sie habe „dem Volke dienen“ wollen. Die Geschichte machte sie zur perfekten Vorzeigebürgerin, und so wurde sie im Schnellverfahren in die Partei aufgenommen und in den Nationalen Volkskongress befördert, wo sie seitdem die Rolle von „Chinas schönster Parlamentarierin“ spielt.

Während solche offiziellen Heroen im Scheinwerferlicht der großen Staatsmedien strahlen, stehen die Idole der Internetgemeinde verführerisch im Halbdunkel. Mao-Zitate benutzen sie nur zum Spaß. „Ich will auch dem Volke dienen“, sagt etwa Han Han, Chinas populärster Blogger. Er führt seine Leser mit spöttischen Kolumnen an Chinas moralische Abgründe, mokiert sich über korrupte Kader und plumpe Propaganda.

Als er 2009 ein Magazin gründete, kündigte er eine Rubrik namens „Hirntot“ an, in der die absurdesten Beiträge aus staatlichen Medien abgedruckt werden sollten. „Die Texte können dumm, unmenschlich, unvernünftig, unanständig oder unfreiheitlich sein“, warb er um Einsendungen. Den Autoren wolle er ein Honorar von 250 Yuan überweisen – die Zahl 250 ist in China eine umgangssprachliche Bezeichnung für „Idiot“. Zwar wurde Han Hans Magazin schnell verboten – doch Millionen Lacher auf Kosten der Partei hatte er bereits geerntet.

Auch der Künstler Ai Weiwei gehört ins Pantheon der chinesischen Internet-Ikonen. Bevor er im April verhaftet und unter dem Vorwurf der Steuerhinterziehung mundtot gemacht wurde, organisierte er per Blog und Twitter jahrelang zivilen Ungehorsam. Nachdem 2008 beim Erdbeben in Sichuan Tausende Kinder in schlampig gebauten und deshalb maroden Schulen umgekommen waren und die Regierung eine unabhängige Untersuchung verweigerte, rief Ai eine Bürgerinitiative ins Leben, die dem Problem selbst auf den Grund ging.

2009 rief er zum 60. Jahrestag der Volksrepublik dazu auf, Fotos einzusenden, auf denen die Bürger den Herrschaftssymbolen der Partei den Stinkefinger zeigen. Und als 2010 die Schanghaier Behörden sein dortiges Studio abreißen wollten, organisierte er ein öffentliches Bankett mit Flusskrebsen, deren chinesischer Name ähnlich klingt wie das Wort „Harmonie“, ein Schlagwort von Präsident Hu Jintao. „Harmonisieren“ ist in China zum Spottwort für alle Versuche geworden, das Internet zu zensieren.

Zwar ist die Harmonisierungsmacht der Partei groß, doch die Möglichkeiten der Internetgemeinde, zu entharmonisieren, sind auch nicht zu verachten. Eines ihrer Opfer war kürzlich Xie Li, die Witwe des braven Beamten Niu Yuru. In Chat-Foren wurde die Nachricht verbreitet, sie sei festgenommen worden, weil sie mit einem Koffer voller Schmiergeld das Land habe verlassen wollen. Ob das stimmt? Niemand weiß es. Sicher ist: Wo in China ein Held fällt, steht ein neuer auf – auf beiden Seiten. –

Erschienen in: brand eins 8/2011

Bernhard Bartsch | 29. August 2011 um 03:38 Uhr

 

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