Bernhard Bartsch

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Wetterfrosch der Reformen

Chinas Starjournalistin Jiang Yiping war wieder einmal fortschrittlicher, als die Partei erlaubt. Ihre Demontage ist der Beginn einer neuen Zensurkampagne.

Jiang Yiping

Jiang Yiping

Die Karriere der chinesischen Starjournalistin Jiang Yiping verläuft im Zickzack. Alle paar Jahre steigt sie zur Chefredakteurin einer der beiden fortschrittlichsten Zeitungen des Landes auf, nur um einige Zeit später in die Redaktion einer Provinzpostille verbannt zu werden. Dann hat sie ihre Arbeit wieder einmal besser gemacht, als die Kommunistische Partei erlaubt – und Chinas Journalisten wissen, dass es mit offener Berichterstattung bis auf weiteres vorbei ist.
Vergangene Woche ist Jiang erneut gestürzt worden, zum dritten Mal seitdem sie 1996 erstmals die Leitung der Wochenzeitung „Nanfang Zhoumuo“ übernahm, dem Schwesterblatt der Tageszeitung „Nanfang Dushi Bao“, die sie zuletzt führte. Dort hatte sie in den vergangenen Monaten mehrfach Tabus gebrochen: In investigativen Reportagen ließ Jiang Korruptionsfälle und Staatsversagen aufdecken, etwa im Skandal um verseuchte Babymilch. Meinungsstücke hinterfragten Pekings unversöhnliche Haltung gegenüber dem Dalai Lama, die Angst der Partei vor politischen Reformen oder den staatlich geschürten Nationalismus. Kein anderes chinesisches Medium wagte mehr publizistischen Ungehorsam. Und kein anderes dürfte so schnell wieder Gelegenheit dazu bekommen. Denn dass die Parteiorganisation des Nanfang-Verlags die 52-Jährige auf Abstellposten bei einer Landwirtschaftszeitung und in der internen Forschungsabteilung verbannte, ist der Startschuss einer Kampagne, mit der Pekings Propagandaministerium ihre Medienkontrolle verschärfen will.

Angesichts der Wirtschaftskrise und steigender Unzufriedenheit in der Bevölkerung schalten die Behörden in den Zensurmodus. „2009 werden Chinas Gegner sehr aktiv sein“, heißt es in einem parteiinternen Dossier zu der sogenannten „Schlag-hart-Kampagne“, dessen Inhalt im chinesischen Internet veröffentlicht wurde. „Deswegen muss sich Chinas Regierung auf jedwede Herausforderung und Krise einstellen.“ Das Dokument enthält eine schwarze Liste von Journalisten, Redaktionen und Internetportalen, die von den Zensoren in den kommenden sechs Monaten besonders scharf unter die Lupe genommen werden sollen. Jiang Yiping, die 1982 zum ersten Jahrgang gehörte, der nach der Kulturrevolution an der Medienfakultät der Sun-Yat-sen-Universität in Guangzhou seinen Abschluss machte, stand an erster Stelle. Für Chinas kritische Journalisten, die innerhalb der chinesischen Presselandschaft eine kleine aber einflussreiche Subkultur entwickelt haben, ist Jiang so etwas wie ein Wetterfrosch, dessen Auf- und Abstieg das politische Klima anzeigt. Dass dieses nun wieder kälter wird, macht den fortschrittlichen Geistern in der Zunft Sorge.

Einige Kommentatoren zeigten sich allerdings sicher, dass die Partei die Wahrheit über ihr Land nicht lange unter Verschluss halten kann. Denn je mehr die Regierung die Berichterstattung gleichzuschalten versucht, umso mehr verlieren die Medien das Vertrauen der Leser, zumindest das der aufgeklärten Mittelschicht, die gelernt hat, zwischen den Zeilen zu lesen und die im Internet Zugang zu Informationen hat, die in den staatlichen Medien nicht auftauchen. Zwar bemüht sich die Regierung, auch im Netz den Informationsfluss zu kontrollieren. Doch auf vielen Webseiten finden die Benutzer Möglichkeiten, unter dem Radar der Zensoren hindurchzuschlüpfen. So wurde über Jiangs Abstieg unter dem Spitznamen „Lehrerin Jiang“ diskutiert, teils mit verschlüsselten Beschimpfungen auf den Zensurapparat. Doch einige Kollegen sehen auch Grund zur Hoffnung: Bisher ist es Jiang immer gelungen, hinter den Kulissen Einfluss zu bewahren. Und eines Tages wieder aufzusteigen. Das Zickzack geht weiter.

Bernhard Bartsch / Peking

Bernhard Bartsch | 08. Dezember 2008 um 10:58 Uhr

 

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