Bernhard Bartsch

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Wettbewerb mit Wild-West-Methoden

Die Verhaftung eines Rio-Tinto-Managers bringt Peking unter Erpressungsverdacht. Derartige Methode könnten sogar den Opel-Verkauf beeinflussen.

China kämpft im internationalen Wettbewerb mit harten Bandagen – so wie grundsätzlich alle Länder, die über entsprechende Druckmittel verfügen. Doch nun steht Peking im Verdacht, sich regelrechter Geiselnehmermethoden zu bedienen. Nachdem das Ministerium für Staatssicherheit vier Mitarbeiter des australischen Rohstoffkonzerns Rio Tinto wegen Spionageverdachtes verhaften ließ, befürchten internationale Manager, Chinas Regierung könne westliche Unternehmen zu erpressen versuchen. Hinter dem Fall könnte Pekings Rache dafür stehen, das Rio Tinto Anfang Juni einen geplanten Zusammenschluss mit dem chinesischen Konkurrenten Chinalco hatte platzen lassen, der in Australien auf heftigen politischen Widerstand gestoßen war. Rio Tinto verbündete sich stattdessen mit dem britischen Wettbewerber BHP Billiton, was die Volksrepublik jahrelang zu verhindern versucht hatte, weil sie sich damit als weltweit größter Importeur von Eisenerz einem Quasi-Monopol gegenüber sieht.

Seit dem 5. Juli befinden sich Rio Tintos China-Chefunterhändler, Stern Hu, und drei chinesische Mitarbeitern in Haft. Sie sollen von Managern des staatlichen Stahlbetriebs Shougang Details über die chinesischen Positionen bei Erzpreisverhandlungen gekauft haben, lautet der Vorwurf. Allerdings ist bisher nicht offiziell Anklage erhoben worden. Nach chinesischem Gesetz können Verdächtige trotzdem monatelang festgehalten werden. Australischen Medienberichten zufolge soll Staats- und Parteichef Hu Jintao die Untersuchung, bei der Rio Tintos Computer mit Verhandlungsdetails und Verträgen beschlagnahmt worden sein sollen, persönlich angeordnet haben. Das australische Außenministerium bestellte am Montag schon zum dritten Mal innerhalb einer Woche den chinesischen Botschafter ein. „Die chinesischen Behörden sollten darüber nachdenken, dass die Umstände dieser Verhaftung internationale Wirtschaftkreise verunsichern“, erklärte Außenminister Stephen Smith. China habe keinen aussagekräftigen Grund für die Verhaftung geliefert. Pekings Außenministerium wies derweil jede Kritik von sich und warnte, dass eine Politisierung des Falles „schädlich für Australien“ sei.

Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass Mitarbeiter ausländischer Firmen in China verhaftet oder mit einem Verfahren bedroht werden. „Uns sind mehrere vergleichbare Fälle bekannt, wenn auch nicht bei einem so großen Konzern“, sagt ein europäischer Diplomat in Peking. „Aber nur wenige dieser Fälle gelangen an die Öffentlichkeit, weil die Unternehmen befürchten, sonst all ihre Chancen im Chinageschäft zu verspielen.“ Zwar sei es unwahrscheinlich, dass die Verhaftung ausländischer Manager eine offizielle Direktive der Zentralregierung sei. „Aber häufig nutzen chinesischen Konkurrenten ihren Einfluss bei lokalen Behörden, um ausländischen Wettbewerbern das Leben schwer zu machen“, erklärt der Diplomat. „So undurchsichtig, wie Chinas Justizsystem ist, haben Ausländer wenig Chancen.“ Auch Mitarbeiter deutscher Mittelständler wurden schon unter fadenscheinigen Begründungen verhaftet. Einer der wenigen Fälle, die an die Öffentlichkeit gelangte, ist der Straßenbaumaschinenherstellers Wirtgen, dessen Chinarepräsentant monatelang im Gefängnis saß. Ihm wurde Zollbetrug vorgeworfen. Die Anklage wurde fallen gelassen, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Herbst persönlich bei Premierminister Wen Jiabao interveniert hatte.

Ob es sich in diesem Fall oder gegenwärtig bei Rio Tinto tatsächlich um Wettbewerbsverzerrung mit den Mitteln es Kidnappings handelt, ist nicht zu beweisen. Doch die Intransparenz, mit der die chinesischen Behörden agieren, legen zumindest nahe, dass Peking der Eindruck durchaus Recht sein könnte. Welche Lehren daraus zu ziehen sind, dürften sich unter anderem die Manager des US-Autoherstellers GM durch den Kopf gehen lassen. Sie müssen bald entscheiden, wem sie Opel verkaufen – dem kanadischen Autozulieferer Magna oder der Beijing Automotive Industry Corp., die inzwischen das weitaus bessere Angebot vorgelegt haben soll. In Rüsselsheim erwartet man von einem Einstieg der Chinesen nichts Gutes, denn ihr Interesse dürfte sein, erst Opels Know-how und dann die Arbeitsplätze nach China zu verlagern. Bei GM muss dagegen auch an das eigene Chinageschäft denken und möchte dabei sicherlich nicht den Zorn der chinesischen Regierung auf sich ziehen.

Bernhard Bartsch | 14. Juli 2009 um 02:44 Uhr

 

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