Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Westerwelle und Mr. Gay

Chinas Polizei stoppt schwule Schönheitsparade – just am gleichen Tag, als Premier Außenminister Westerwelle mit Partner empfängt.

Es war spät am Freitagabend, Guido Westerwelle und sein Partner Michael Mronz dinierten im Kreis von Diplomaten, Geschäftsleuten und Journalisten im edlen Pekinger China Club, als Außenministeriumssprecher Andreas Peschke seinem Chef eine pikante Handynachricht zu lesen gab: In einer nahegelegenen Bar haben Polizisten gerade Chinas ersten Schönheitswettbewerb für homosexuelle Männer verhindert. Die zufälligerweise zeitgleich zum Besuch des deutschen Außenministers angesetzte Wahl zum „Mr. Gay China“ war auch in der Delegation Gesprächsthema gewesen. Schließlich waren Westerwelle und Mronz noch am Nachmittag gemeinsam von Chinas Premier Wen Jiabao empfangen worden – offenbar das erste Mal, dass Pekings Regierungschef bei einem Staatsbesuch ein schwules Paar begrüßte.

Das überraschende Verbot der Schwulenshow ist ein herber Schlag im Kampf chinesischer Homosexueller um Gleichberechtigung. Zwar ist die gleichgeschlechtliche Liebe in der Volksrepublik seit 1997 nicht mehr illegal und wird seit 2001 auch nicht mehr als „mentale Störung“ eingestuft. Doch in der Öffentlichkeit wird das Thema weiterhin stark tabuisiert.

Umso positiver überrascht waren Chinas Schwule, als die Wahl zum „Mr Gay China“ in den Tagen vor der Veranstaltung Unterstützung von höchster Stelle zu erhalten schien. Zahlreiche offizielle Medien schrieben über das Event. „Mr. Gay braucht Verständnis“, kommentierte die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua. Die konservative Global Times bemerkte stolz, wie sehr die wachsende Toleranz Chinas internationalem Ansehen nütze: „Die ausländischen Medien zeigen großes Interesse an Chinas erstem Mr. Gay Schönheitswettbewerb.“ Der Sieger sollte im Februar zum weltgrößten schwulen Schönheitswettbewerb nach Oslo reisen.

Doch daraus wird nun nichts. Nur eine Stunde vor Beginn des Programms übernahm die Polizei des Kommando in der edlen Lan-Bar, einer der vornehmsten Adressen der chinesischen Hauptstadt. Organisatoren und Teilnehmer wurden zum Teil stundenlang verhört. Offiziell erklärten die Beamten ihre Intervention damit, dass Bühnenvorführungen gesonderte Genehmigungen benötigten. Doch das dürfte nur ein Vorwand sein: In Pekings Bars und Clubs finden jedes Wochenende hunderte Shows statt, ohne spezielle Lizenz.

Schwulenaktivisten berichten von regelmäßigen Repressalien der Behörden. So bekam die Pekinger Nichtregierungsorganisation Aizhixing, die sich für Aids-Patienten und die Rechte von Homosexuellen einsetzt, am Samstag mitgeteilt, sie müsse eine Feier zu ihrem 16jährigen Bestehen absagen. Am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, war auch die Eröffnung der ersten, mit chinesischen Regierungsgeldern finanzierten Schwulenbar im südchinesischen Dali überraschend abgesagt worden. Drei Wochen später nahm sie dann allerdings doch den Betrieb auf. Unklar ist, inwieweit der Druck der Staatsmacht gezielt gegen Homosexuelle gerichtet ist, oder ob die Verbote Teil einer allgemeinen Kampagne gegen illegale und unerwünschte Organisationen sind.

Während die offiziellen Medien das Aus von „Mr Gay China“ nur kurz und unkommentiert vermeldeten, äußerten im Internet tausende Benutzer ihr Unverständnis. In einer Umfrage des Internetportals QQ nannten 57 Prozent der Teilnehmer das Verbot „unsinnig“. Zwölf Prozent gaben an, ärgerlich zu sein, elf Prozent äußerten ihr Mitgefühl. „Die Welt ist verrückt und die Entscheidung leider allzu chinesisch“, lautete ein Eintrag in einem Blogforum. „Es ist einfach nur ekelhaft.“ Ein anderer Benutzer kommentierte: „Ich verstehe nichts von Homosexualität, aber ich habe auch nichts dagegen. Es stört mich nicht, und solange sie damit glücklich sind, sollen sie das machen.“ Ein weiterer Kommentar wird noch deutlicher: „Für diese Sache muss man die Regierung kritisieren. China sollte einfach toleranter sein.“

Bernhard Bartsch | 17. Januar 2010 um 04:48 Uhr

 

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