Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Wer schweigt, wird Teil des Systems“

Der Künstler Ai Weiwei über Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, seinen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung und Kunst in Zeiten des Internets.

Bernhard Bartsch: Herr Ai, Sie werden beim Literaturfest lit.Cologne mit Herta Müller über „Politik und Kunst“ diskutieren. Haben Sie schon einmal etwas von ihr gelesen?

Ai Weiwei: Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen – aber nur, weil ich sie treffen werde. Ich bin kein guter Leser und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem finde ihre Werke einzigartig und habe großen Respekt davor, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie ihre Themen behandelt.

Hartnäckigkeit und Leidenschaft werden auch Ihnen nachgesagt, und das Hauptthema Ihrer Arbeit ist das gleiche wie bei Herta Müller: das Leben in der Diktatur. Ist Unterdrückung ein Katalysator für große Kunst?

Ich glaube, Kunst entsteht, wenn man das Chaos auf der Welt betrachtet und trotzdem nicht den Glauben daran verliert, dass es eigentlich anders sein sollte. Das möchte ich zeigen, mit Aktionen, die einfach sind, aber gerade dadurch stark und verständlich.

In ihrer jüngsten Aktion haben Sie vergangene Woche eine Klage gegen Chinas Ministerium für Zivile Angelegenheiten eingereicht, weil es nicht auf Ihre Fragen zum Sichuan-Erdbeben geantwortet hat, wo vor zwei Jahren über 5000 Kinder in maroden Schulgebäuden getötet wurden.

Ja, mit Freiwilligen und Anwälten habe ich über ein Jahr lang die Umstände untersucht, die zum Tod von so vielen Kindern geführt haben. Daraus haben sich über tausend Fragen ergeben, die wir den zuständigen Behörden schriftlich gestellt haben. Nach Chinas Gesetzen müssen Ämter Fragen aus dem Volk beantworten, aber sie kommen dieser Verpflichtung nicht nach.

Einen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung können Sie aber doch niemals gewinnen.

Natürlich weiß jeder, dass die Herrschaft der chinesischen Regierung auf Gesetzesverletzungen beruht, anders könnte sie gar nicht existieren. Aber wenn wir das einfach schweigend akzeptieren würden, wären wir Teil ihres Systems. Also bleibt uns keine andere Wahl, als so zu handeln, wie es unser Gewissen vorschreibt, ohne aufzugeben. Indem wir das in aller Öffentlichkeit tun und im Internet jeden Schritt transparent darstellen, schaffen wir bei den Menschen ein Bewusstsein dafür, wie China heute funktioniert.

Durch ihr politisches Engagement sind Sie in China heute in erster Linie als regimekritischer Blogger bekannt – selbst unter Künstlern. Wir haben an mehreren chinesischen Kunstakademien nachgefragt: Dort verfolgt fast jeder ihren Blog, aber nur wenige können sich daran erinnern, schon einmal ein Kunstwerk von Ihnen gesehen zu haben.

Das entspricht durchaus meiner Absicht. Denn was ist denn Kunst? Doch nicht nur Bilder oder Skulpturen, sondern auch gesellschaftliche Bewegungen – soziale Skulpturen, sozusagen. Letztlich geht es doch darum, dass man eine Situation mit frischem Blick betrachtet. Dafür müssen Künstler heute nicht mehr unbedingt Werke herstellen, die sich verkaufen und sammeln lassen.

Trotzdem ist Ihr Ausstoß an klassischen Kunstwerken, vor allem Skulpturen und Installationen, gewaltig. 2009 hatten Sie große Soloausstellungen in Tokio und München, dieses Jahr sind Sie in New York und London, und bei Auktionen gehören ihre Werke inzwischen zu den teuersten der Welt. Ohne Ihren finanziellen Erfolg könnten Sie sich Ihre anderen Freiheiten wohl auch kaum leisten.

Natürlich braucht jeder Geld, aber Geld hat leider auch dazu geführt, das unsere Gesellschaft heute durch und durch verrottet ist. Ich bemühe mich jedenfalls, mit meinem Geld etwas Gutes anzustellen. Weil ich für mich persönlich keine großen Ansprüche habe, fehlt es mir nie an Geld für Projekte, die mir am Herzen liegen. Ich denke, das ist für junge Menschen ein wichtiges Vorbild.

Das Wort „Vorbild“ reicht bei Ihrer Popularität fast gar nicht mehr aus. Im chinesischen Internet haben Sie eine riesige Gefolgschaft, die täglich in ihren Blog-Einträgen und Tweets nach Orientierung im Umgang mit der Welt suchen. Manche sehen Sie regelrecht als Messias. Ist das nicht ein ungeheurer Druck?

Nein, ich spüre keinen Druck. Ich gehe mit Problemen einfach so um, wie ich es gelernt habe. Viele junge Menschen sehnen sich nach jemandem, der unabhängig denkt, eigene Ansichten hat und trotzdem überleben kann. Unsere Aktionen geben ihnen Hoffnung.

Ihre Anhänger sind größtenteils jung, und obwohl Sie 1957 geboren sind, bezeichnen sich selbst gerne als Angehörigen der Nach-Achtziger-Generation. Warum?

Weil die Nach-Achtziger in China die erste Generation sind, die aktiv das Internet benutzen und somit wirklich „menschlich“ leben können. Meine Definition von „Mensch“ ist, dass man frei seine Informationen erwerben, seine Wissensstruktur aufbauen und seine Meinung ausdrücken kann. Den älteren Generationen wurde das auf schlimmste Weise verwehrt. Ich verbringe meine Zeit inzwischen zum größten Teil im Internet, mindestens acht Stunden am Tag, manchmal 24. Denn durch das Internetzeitalter verändert sich die gesamte Machtstruktur – dessen muss man sich als Künstler immer bewusst sein.

ZUR PERSON

Ai Weiwei, Jahrgang 1957, gilt als bedeutendster chinesischer Gegenwartskünstler. Der Sohn eines liberalen Schriftstellers, der unter Mao als Rechtsabweichler gebrandmarkt wurde, verbrachte seine Jugend mit seinem Vater in einem Straflager. Nach der Kulturrevolution studierte er an der Pekinger Filmakademie, später in New York. Seit Anfang der Neunziger lebt und arbeitet Ai in Peking und ist neben seiner Kunst auch für seinen im Internet ausgetragenen Kampf mit der Kommunistischen Partei bekannt. Er ist einer der einflussreichsten Blogger der Volksrepublik.

Bernhard Bartsch | 10. März 2010 um 15:05 Uhr

 

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