Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Wer könnte Ai Weiwei nicht lieben?“

Der chinesische Rockmusiker Zuoxiao Zuzhou, 41, über seine Freundschaft mit Ai Weiwei, die Ursprünge von Ais Regimekritik und den symbolträchtigen Ort, an dem sich Ai sein Grab gekauft hat. Eine Übersetzung:

Ai Weiwei ist so gut wie der einzige chinesische Künstler mit einem politischen Kopf. Dafür bewundere ich ihn. Egal, was man von seinen politischen Ideen halten mag – sein Mut und seine persönliche Integrität sind im heutigen China einzigartig. Viele seiner prominenten Freunde lassen seit seiner Verhaftung keinen Pups mehr von sich hören. Ai Weiwei hat vielen Menschen geholfen, aber die meisten von ihnen schweigen jetzt, aus Angst, ihr angenehmes Leben in diesem Land zu verlieren. Ich fürchte, mit Ais Fall ist eine Grenze überschritten worden. In den kommenden fünf bis zehn Jahren werden sich immer weniger Menschen trauen, die Wahrheit zu sagen.

Ich kenne Ai Weiwei seit 18 Jahren. Damals war ich noch keine 25 Jahre alt, und er erst 35. Ich lebte in einem Pekinger Vorort, der Ostdorf heißt, und Ai Weiwei war gerade aus dem New Yorker East Village zurück nach China gezogen. In den 18 Jahren seit seiner Rückkehr sind wir sehr eng geworden. Wir treffen uns fast jeden Monat, um zu essen und einander unsere Geschichten zu erzählen. Manchmal müssen wir selbst darüber lachen, was für Stammtischbrüder wir geworden sind. Manchmal lästere ich, Ai Weiwei liebe gutes Essen noch mehr als die Kunst. Er mag alles Gebratene, Schweinefleisch in Sojasoße, gedämpfte Haxen, aber auch Süßigkeiten und Schokolade gehören zu seinen Leibspeisen. Obwohl er unter Bluthochdruck und einem hohen Cholesterinspiegel leidet, hat er sich beim Essen nie zurückgehalten. Unsere Freundschaft ist auf vollen Tafeln entstanden. Das ist menschlich, allzumenschlich, und in unseren Zeiten ist es gar nicht so einfach, etwas mit Menschlichkeit zu tun. Jetzt sitzt Ai Weiwei im Gefängnis und wird dort womöglich für lange Zeit bleiben.

Obwohl Ai zehn Jahre älter ist als ich, haben wir eine ähnliche Lebenserfahrung. Während der Kulturrevolution wurde er mit seinem Vater, dem Dichter Ai Qing, ins westchinesische Xinjiang verbannt. Sie lebten in Not und es gab wenig zu essen. Ich wurde als Schüler von meinem Vater aufs Land geschickt, weil unsere Familie sehr arm war.

Vielleicht sind es die Erfahrungen aus dieser Zeit, die dazu geführt haben, dass Ai Weiwei es nicht ertragen kann, wenn Menschen ungerecht behandelt werden. Er macht dabei keinen Unterschied zwischen China und anderen Ländern. Während seiner zwölf Jahre in den USA hielt er auf vielen Fotos fest, was für chaotische Zustände in der amerikanischen Gesellschaft herrschen. Mit den Schwarzen auf den Straßen New Yorks war er sehr vertraut, und er diskutierte mit dem Dichter Allen Ginsberg über die Missstände in den USA. Vor ein paar Jahren stellte er seine Fotos von damals in Peking aus. Es waren Bilder von blutigen Konflikten auf den Straßen von New York, aber auch Aufnahmen seiner Freunde, darunter Chinesen wie die Regisseure Jiang Wen, Feng Xiaogang und Chen Kaige oder den Komponisten Tan Dun. Sie alle hatten damals in New York eine schwierige, aber auch aufregende Zeit, und man kann leicht erkennen, dass Ai Weiwei nicht nur deshalb zum Regierungskritiker geworden ist, weil er schließlich nach China zurückkehrte.

Ai Weiwei ist ein gutmütiger Kerl, aber er kann auch bissig sein. Viele Menschen können mit seinem Humor nicht umgehen. Vor allem seitdem er berühmt geworden ist, hat er sich viele Feinde gemacht, natürlich auch die chinesische Regierung. Politik ist eine sehr ernste Sache. Das ist der Grund, weshalb ich sie nicht mag.Wenn Politiker Humor hätten, wäre Ai Weiwei nicht verhaftet worden. Sie können es nicht ertragen, wenn Witze über sie gemacht werden. Dabei sind Präsident Hu Jintao und Premier Wen Jiabao eigentlich gar nicht so verkehrt, und das Volk erwartet ja gar nicht von ihnen, dass sie perfekt wie Götter sein sollten. Jahrelang waren sie gegenüber Ai Weiwei tolerant wie eine Geliebte gegenüber ihrem untreuen Mann. Und er hat es wild mit ihnen getrieben, manchmal fast schon zu wild, man konnte mit der Regierung geradezu Mitleid haben.

Ach, Ai Weiwei, was hast du dir nur dabei gedacht? Du weißt doch, dass China ein durch und durch chaotisches Land ist. Wir haben Angst davor, ob die Lebensmittel, die wir essen, sicher sind. Von Demokratie haben wir Chinesen keine Ahnung. Wir haben uns daran gewöhnt, wie Sklaven behandelt zu werden. Wo soll da Demokratie herkommen? Du hast nach Gerechtigkeit gestrebt, dann wolltest du mehr, bist süchtig geworden und stolz. Die Regierung konnte das nicht länger mit ansehen.

Ein wichtiger Grund für die Feindschaft zwischen Ai Weiwei und der Regierung ist der unglaubliche Fall, der sich am 12. August 2009 in der Stadt Chengdu ereignete. Ich war persönlich dabei. In seinem Hotelzimmer wurde Ai Weiwei von Polizisten geschlagen. Ai hat bei der Polizei Anzeige erstattet, doch die Polizei hat den Fall in der Versenkung verschwinden lassen. Es ist ein Skandal. Ai hat selten mit mir darüber gesprochen, aber ich weiß, dass ihn der Fall im tief getroffen hat.

Ai weiß, dass ich Politik nicht mag und keine Lust habe, mit ihm darüber zu diskutieren. Aber er weiß auch, dass ich mir nichts gefallen lasse. Wenn jemand mir Ärger macht, konfrontiere ich ihn damit, und wenn ein Freund von mir Schaden erleidet, stehe ich für ihn ein. Ai Weiwei ist für mich ein echter Freund.

Ich schreibe das alles nicht, um seine Freilassung zu fordern. Die Regierung kann leicht Ais Ruf ruinieren, aber je länger Ai im Gefängnis bleibt, umso mehr wird er in die Geschichte eingehen. Drei Tage vor seiner Verhaftung führte er mich auf einen Friedhof, wo er sich schon vor längerer Zeit ein Grab gekauft hat. Er zeigte mir, dass es direkt neben dem Qincheng-Gefängnis liegt (Pekings bekannter Haftanstalt für politische Gefangene, Anmerkung der Redaktion) und sagte: „Ich kann dir versichern: Im Gefängnis werde ich mich nicht umbringen.“

ZUR PERSON
Zuoxiao Zuzhou, 40, ist einer der bekanntesten chinesischen Rockmusiker und einer der engsten Freunde des Künstlers und Regimekritikers Ai Weiwei. Seit dessen Verhaftung am 3. April hat Zuoxiao Zuzhou bei seinen Konzerten mit Videoeinblendungen Unterstützung für Ai demonstriert. „Dickerchen, wo bist du“, ließ er auf eine Leinwand projezieren, eine Anspielung auf den Spitznamen, den der schwergewichtige Künstler bei seinen Freunden trägt. Am Mittwoch wurden Zuoxiao Zuzhou und seine Frau selbst mehrere Stunden lang von der Polizei verhört.

Bernhard Bartsch | 09. Mai 2011 um 03:13 Uhr

 

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