Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Wen interessiert schon die Wirklichkeit?“

Der chinesische Schriftsteller Li Er über die Spielregeln der staatlichen Zensur und Chinas Angst vor der Realität.

Li Er, geboren 1966 in der Provinz Henan, gehört zu den prominentesten Vertretern der chinesischen Gegenwartsliteratur. In seinen tragikomischen Romanen und Erzählungen beschreibt er, wie im modernen China alte Wahrheiten auf neue Realitäten prallen. 2004 erhielt Li den „Großen Medienpreis“ für chinesischsprachige Literatur. Kurz darauf erklärte ihn Göran Malmqvist, Mitglied der Schwedischen Akademie, zu „einem der vielversprechendsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis“.

Herr Li, China gilt als Land mit rigider Medienzensur. Viele chinesische Autoren können ihre Bücher nur im Ausland veröffentlichen. Sie auch?

Li: Nein. Meine Bücher werden zwar ins Englische, Deutsche und Japanische übersetzt, sind aber auch in China frei erhältlich.

Für Ihre internationale Karriere könnte das eher hinderlich sein. Fast alle chinesischen Schriftsteller, deren Werke sich im Westen gut verkaufen, sind in ihrer Heimat verboten. Denn wer will schon Propaganda-Literatur lesen?

Ginge es bei der Zensur nur um den Inhalt, würde auch ich verboten. Ich könnte sogar der Verbotenste überhaupt sein, denn schließlich handeln meine Romane von der chinesischen Wirklichkeit. Die ist keineswegs rosig, und die Regierung steht beileibe nicht immer gut da.

Wollen Sie damit sagen, Sie schreiben systemkritische Bücher, die in China trotzdem gedruckt werden?

Es ist ein Unterschied, ob man kritisiert oder wie ich einfach beschreibt, wie sich das Leben heute abspielt. Tatsächlich werden in China heute viele kritische Stimmen toleriert, allerdings nur, solange sie nicht zu laut werden. Die Regierung ist nicht gegen Gedankenvielfalt, aber sie will soziale und politische Unruhe um jeden Preis verhindern.

Und wo ist die Trennlinie, an der die Zensur einsetzt?

Wie überall in China hängt auch im Verlagswesen viel von Beziehungen und Verhandlungsgeschick ab. Das schafft Spielräume, die zwar klein sind, aber trotzdem groß genug, dass eine ganze Reihe guter Bücher erscheinen kann. In der Regel ist es so, dass die Behörden ein Werk nicht vor dem Druck inspizieren – bei der Menge von Büchern, die heute in China erscheint, wäre das praktisch kaum machbar -, sondern erst danach und auch nur dann, wenn ein Buch Aufsehen erregt. Die Verlage müssen das Risiko selbst abwägen: Wenn sie ein Buch drucken, das später verboten wird, bleiben sie auf den Kosten sitzen und haben möglicherweise noch eine Menge Ärger, aber wenn es durchkommt, verdienen sie Geld und Ansehen.

Das müssen Sie uns genauer erklären. Nehmen wir einmal Ihren ersten Roman, „Koloratur“, der in der Zeit vor der Gründung der Volksrepublik spielt, als die Kommunisten gegen die nationalistische Regierung und die japanischen Besatzer kämpften. Weil die Partei für ihre Propaganda einen Märtyrer braucht, schickt sie den jungen Revolutionär Ge Ren in eine aussichtslose Schlacht, um ihn hinterher zum Helden mystifizieren zu können. Als Ge Ren überraschend überlebt, wird er von allen Kriegsparteien gesucht, denn jeder will ihn für seine eigenen Zwecke nutzen. Die Geschehnisse erzählen Sie nacheinander aus der Sicht eines Kommunisten, eines Japaners und eines Nationalisten, von denen jeder seine eigene, gleichberechtigte Wahrheit hat. Nach chinesischen Standards grenzt das an Blasphemie. Warum wurde das gedruckt?

Zunächst hat man mehr Freiheiten, je weiter eine Handlung in der Vergangenheit liegt. Trotzdem war natürlich von Anfang an klar, dass es politische Probleme geben könnte. Ich habe das Manuskript damals an viele Verlage geschickt, und mehrere wollten eine Veröffentlichung wagen. Einer bot mir sogar sehr lukrative Bedingungen: Eine Auflage von 50 000 Exemplaren, was in China sehr viel ist, und einen Ladenpreis von 25 Yuan (2,50 Euro, die Red.). Aber dann kam der Chef des Volksverlags …

… des linientreusten staatlichen Verlagshauses …

… und hat zu mir gesagt: Unter diesen Umständen wird dein Buch mit Sicherheit sofort verboten. Aber wenn du zu uns kommst, drucken wir zunächst nur 30 000 Exemplare und verkaufen sie für 16 Yuan, damit das Buch unwichtiger erscheint und nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt. Dafür haben wir aber genug politischen Einfluss, um dir zu garantieren, dass es mindestens ein Jahr lang nicht auf den Index kommt.

Warum hat er das gemacht?

Gerade das ist sein Problem. Der Volksverlag hat das Image, nur Propaganda herauszubringen. Deswegen braucht er ab und zu auch mal ein gutes Buch. Und „Koloratur“ hat dem Verlagsleiter einfach gefallen.

Das war 2002. Inzwischen wurden 70 000 Exemplare verkauft, und jeden Monat gehen weitere 1000 Exemplare über den Ladentisch. In den Universitäten ist „Koloratur“ inzwischen Lektürestoff. Warum wird das Buch immer noch toleriert?

In Kreisen, die sich für Literatur interessieren, ist „Koloratur“ sehr bekannt, und viele haben es gelesen, aber die breite Öffentlichkeit hat kaum Notiz davon genommen. Das wurde auch bewusst gesteuert. Für den Mao-Dun-Preis beispielsweise, die wichtigste chinesische Literaturauszeichnung, kam „Koloratur“ nicht infrage. In der Vorauswahl der Kritiker stand ich zwar auf dem ersten Platz, aber als es dann darum ging, die Titel für die Endausscheidung zu veröffentlichen, hat im Hintergrund jemand ein paar Fäden gezogen und signalisiert, dass ich da besser nicht auftauchen sollte.

Und das nehmen Sie einfach so hin?

Was soll ich sonst machen? Ich bin ein chinesischer Autor, und meine Leser sind zunächst einmal Chinesen.

Aber wie soll sich denn die chinesische Gegenwartsliteratur entwickeln, wenn anspruchsvolle Bücher nur ein Nischendasein haben? Selbst die Werke von Gao Xingjian, der 2000 als erster Chinese den Nobelpreis für Literatur bekam und seit 1987 im Pariser Exil lebt, sind in China verboten.

Ehrlich gesagt, ich glaube, dass der Markt für realistische Romane wie meine in China nicht besonders groß ist. Wen interessiert schon die graue Wirklichkeit in einer Welt, in der alle schönen Träumen hinterherjagen? Es ist ja nicht so, dass die Menschen keine Auswahl hätten. Sogar die Werke von Gao Xingjian stehen seit einigen Jahren wieder in den Regalen der Buchläden, obwohl sie offiziell noch verboten sind. Übrigens waren seine Bücher auch in den neunziger Jahren weit verbreitet und wurden sogar in den Literaturkursen an den Universitäten gelesen. Nur nachdem er den Nobelpreis bekam, waren seine Bücher für einige Zeit tatsächlich verschwunden.

Warum kann er dann nicht auch formell rehabilitiert werden? Schließlich ist Gao Xingjian ein alter, kranker, von der Kulturrevolution traumatisierter Mann, dessen einziges Verbrechen es ist, in den Achtzigern einmal absurde Theaterstücke im Stil von Samuel Beckett geschrieben zu haben.

An seinen Dramen reibt sich heute niemand mehr. Das Problem ist ein politisches. Die Regierung wäre, glaube ich, sogar durchaus bereit, Gao nach China zurückkommen zu lassen. Andere Exilautoren können ja auch wieder ein- und ausreisen. Der Dichter Bei Dao zum Beispiel, der immer sehr kritisch ist und in Amerika lebt, besucht China inzwischen regelmäßig. Aber Gao Xingjian hält von sich aus Distanz. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass sein Protest gegen die Partei nun mal seine Marktlücke ist.

Eine harte Unterstellung.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich finde es weder klug noch richtig, wie die Regierung Gao behandelt. Aber ich glaube, Gao könnte sich gar nicht vorstellen, dass wir beide – ein chinesischer Schriftsteller und ein ausländischer Journalist – jetzt hier zusammensitzen und uns ganz offen und entspannt unterhalten. Den Wandel hat er einfach nicht mitgemacht.

Gibt es denn unter chinesischen Schriftstellern keine Bemühungen, Gao wieder zurückzuholen? Schließlich ist er eines der großen Vorbilder der jungen Schriftstellergeneration.

Eigentlich spielt Gao keine große Rolle. Die heutigen Schriftsteller haben eher ausländische Vorbilder, ich zum Beispiel Albert Camus und Vaclav Havel. Gaos Erzählungen mag ich, aber sein großer Roman „Der Berg der Seele“ hat mir so wenig gefallen, dass ich ihn nicht zu Ende gelesen habe. „Die Bibel eines einsamen Menschen“ habe ich danach nicht einmal angefangen. Trotzdem habe ich mich gefreut, als er den Nobelpreis bekam, weil das die internationale Aufmerksamkeit auf ernsthafte moderne chinesische Literatur lenkt. Übrigens war ich damals fast der einzige Autor, der das öffentlich gesagt hat. Die meisten teilten die Empörung der Regierung, dass ausgerechnet ein Exilchinese mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird.

Trotz des Preises hat Gao Xingjian im Ausland nicht besonders viele Leser gefunden. Stattdessen interessieren sich die Menschen für die junge Schriftstellergeneration. Die größten Verkaufserfolge hat Wei Hui, die vom neuen Großstadtleben mit Sex, Partys, Ausländern und Drogen erzählt. Natürlich wurde ihr Erstlingswerk „Shanghai Baby“ in China verboten und gleich auch der ganze Verlag dichtgemacht.

Das war ein sehr interessanter Fall, allerdings ein eher untypischer. Nach seinem Erscheinen war „Shanghai Baby“ zwar schnell bekannt, allerdings kein echter Bestseller. Trotzdem bekam die Regierung Angst, junge Menschen könnten sich die Beschreibungen von Drogenkonsum zum Vorbild nehmen und ließ das Buch verbieten. Das hat der Verleger dann sofort als Marketinginstrument eingesetzt. Plötzlich hatte „Shanghai Baby“ den Reiz des Verbotenen. Jeder wollte es lesen, der Schwarzmarkt florierte, die ausländischen Medien und Verlage standen Schlange, und heute wohnt Wei Hui in ihrer eigenen Luxuswohnung in Manhattan. Es hätte sie schlimmer treffen können.

Wei Huis Erfolg beruht weniger auf ihrem eher dürftigen Talent als Schriftstellerin, sondern auf ihrer Selbstdarstellung. Es gibt beispielsweise die Anekdote, dass ein ausländischer Journalist mit ihr zum Interview in ihrer Wohnung verabredet war, aber als er kam, reagierte niemand auf die Klingel. Allerdings war die Tür angelehnt, und als er hineinging, fand er Wei Hui splitterfasernackt auf ihrem Bett sitzend und scheinbar wie in Trance in ihr Notebook hackend.

Das sieht ihr ähnlich. Und „Shanghai Baby“ ist genauso eine Inszenierung. Kennen Sie das Buch „Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller?

Das war ein Skandalroman, der wegen seiner pornografischen Passagen in den USA jahrzehntelang verboten war.

Genau. Henry Miller beschreibt darin einen Amerikaner, der im Paris der dreißiger Jahre die Rotlichtviertel und das Laster kennenlernt, und ehe er es sich versieht, steckt er selbst mittendrin. Das hat Wei Hui in „Shanghai Baby“ nachgemacht, und zwar nicht nur die Idee, sondern auch die Struktur, den Stil, die Sprache und sogar jede Menge Sätze und Formulierungen.

Wei Hui übersetzt also den alten Mythos Paris in den neuen Mythos Schanghai?

Ja. Literarisch ist das ein legitimes Mittel. Aber mit Realismus hat das nichts zu tun. Ausländische Leser glauben vielleicht, dass sie darin etwas über das neue China erfahren. Aber hierzulande weiß jeder, dass „Shanghai Baby“ nur ein modernes Großstadtmärchen ist.

Ihre Bücher bieten keine schönen Träume, sondern harten Alltag auf dem Land oder in Kleinstädten. Lesen das überhaupt genügend Menschen, sodass Sie von Ihren Einkünften als Schriftsteller leben können?

Erst seit einigen Jahren. Früher habe ich als Lehrer gearbeitet, so wie meine Eltern.

Wie sind Sie dann zum Schreiben gekommen?

An der Uni. 1983, mit 17 Jahren, ging ich an die Pädagogische Universität in Schanghai, um Literatur zu studieren. Meine ersten literarischen Texte verfasste ich 1986. Es waren drei: eine Erzählung, ein Gedicht und ein Essay. Ich weiß noch, wie ich mit den Manuskripten zur Post vor dem Uni-Tor lief, um sie an Literaturzeitschriften zu schicken. Sie wurden tatsächlich gedruckt, und ich bekam ein Honorar von 75 Yuan – wahnsinnig viel Geld für einen Studenten, der von 30 Yuan im Monat lebte.

Ein guter Start für eine Schriftstellerkarriere.

Das dachte ich auch, aber es blieb für lange Zeit die einzige Veröffentlichung. Ich unterrichtete nach meinem Abschluss an der Fachhochschule für ein Monatsgehalt von 58 Yuan, das ich natürlich gern mit Texthonoraren aufgebessert hätte. Aber so viel ich auch schrieb – nichts wurde gedruckt. Irgendwann lernte ich einen Redakteur der bekanntesten chinesischen Literaturzeitschrift „Shouhuo“ („Ernte“) kennen, und der sagte mir ins Gesicht, dass meine Sachen einfach zu schlecht waren.

Das hat natürlich gesessen.

Aber mir war auch klar, dass ich mit meinen Texten völlig neben dem Trend lag. Nach der Kulturrevolution hat man in China entweder Erbauungsliteratur geschrieben oder Schicksalsgeschichten. Realismus oder literarische Texte über die Gegenwart haben niemanden interessiert. Aber irgendwann war die Zeit reif. 1994 schrieb ich einen Text über einen Professor, der leidet – und zwar nicht etwa an der Gesellschaft oder der Geschichte, sondern einfach an sich selbst. Ich schickte den Text wieder an „Shouhuo“, und als einige Wochen später ein Brief von denen im Briefkasten lag, habe ich ihn gar nicht aufzumachen gewagt, sondern nur mit den Fingern gefühlt, ob es wohl ein Heft war oder nur mein dünnes Manuskript. Es war ein Heft.

Und Ihr Durchbruch.

Ja, von da an wurden mir die Texte aus der Hand gerissen. Wenn ich Manuskripte verschickte, gab es bei den Zeitschriften einen richtigen Wettlauf um das erste Antworttelegramm. 1997 wurde ich dann in den staatlichen Literaturverband der Provinz Henan aufgenommen und konnte das Lehrerdasein an den Nagel hängen. Denn der Verband zahlt Schriftstellern ein Grundgehalt von monatlich 1800 Yuan (177 Euro, die Red.). Das ist bei den heutigen Preisen zwar immer noch sehr wenig, aber immerhin genug, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.

Und das, obwohl Sie durchaus kein Blatt vor den Mund nehmen.

Da können Sie mal sehen.

Ihr zweiter Roman, „Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt“, beschreibt die Absurdität von politischen Reformen. Die Bürgermeisterin eines kleinen Dorfes, das lokale Demokratie eingeführt hat, muss sich zur Wiederwahl stellen. Sie ist fähig, beliebt und sich ihres Sieges schon sicher, als sie herausfindet, dass eine Dorfbewohnerin gegen das Geburtenkontrollgesetz verstoßen und zum dritten Mal schwanger geworden ist. Als die Bürgermeisterin sie zur Abtreibung schleppen will, ist die Frau verschwunden, und es beginnt eine große Suchaktion, die das Dorf auf den Kopf stellt und die lokale Demokratie ad absurdum führt. Finden Sie es als Schriftsteller angemessen, den Demokratiebemühungen in Ihrem Land in dieser Weise in den Rücken zu fallen?

Was ist denn das für eine Frage? Verlangen Sie von mir, dass ich politische Erziehungsliteratur schreibe? Meine Großmutter, die über 80 Jahre alt ist, lebt in einem Dorf, in dem der Bürgermeister gewählt wird. Das ist gut gemeint, hat aber in China keine Tradition. Vor der Gründung der Volksrepublik waren die Dörfer immer in der Hand von reichen Clans, dann kamen die Parteikomitees, und jetzt gibt es in den Dörfern Wahlen nach amerikanischem Vorbild. Damit können die Dorfbewohner überhaupt nichts anfangen.

Was würden Sie denn vorschlagen?

Ich bin kein Politiker, ich bin Schriftsteller. Ich beobachte, wie sich Chinas Gesellschaft verändert. Und es ist nun einmal so, dass viele der guten, modernen Ideen, die heute aus dem Ausland nach China kommen, zu einem völlig bizarren Ergebnis führen, sobald sie in der chinesischen Realität bestehen müssen. Das ist gleichermaßen komisch und tragisch. Deswegen heißt das Buch ja auch: „Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt“. Jeder weiß, dass an einem Granatapfelbaum keine Krischen wachsen können. Aber unsere alltägliche Erfahrung ist, dass sie es trotzdem tun. Man kann das heutige Leben einfach nicht mehr verstehen, sich auf nichts mehr verlassen. Es gibt zu viele Veränderungen.

Ist das auch ein Grund dafür, dass sich „Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt“ trotz der Begeisterungsstürme bei der Kritik bisher nur 25 000-mal verkauft hat?

Bestimmt. Die Menschen haben sich auf das neue Leben eingestellt, aber träumen natürlich von etwas anderem. Gehen Sie einmal in einen chinesischen Buchladen. Da finden Sie Berge von Historienschinken über das chinesische Kaiserreich, europäischen Romanen aus dem 19. Jahrhundert, Krimis und Harry-Potter-Bänden. Die Chinesen lesen heute alles – Hauptsache, es hat nichts mit ihrem eigenen Alltag zu tun. Der normale Alltag macht ihnen Angst.

Da Ihre Bücher nun bald auch in ausländischen Buchhandlungen liegen werden – waren Sie denn selbst schon einmal im Westen?

Vergangenes Jahr war ich mit einer Gruppe von Schriftstellern, Geschäftsleuten und Provinzkadern aus Henan in Europa. In 15 Tagen haben wir sechs Länder bereist: Frankreich, Belgien, die Niederlande, Deutschland, Österreich und Italien.

Ist das für einen Schriftsteller, der die Wirklichkeit kennenlernen will, die richtige Art des Reisens?

Von Europa habe ich natürlich nur einen flüchtigen Eindruck bekommen. Aber zu beobachten, wie Chinesen sich benehmen, wenn sie einmal im Ausland sind, war schon sehr interessant. Das konnte ich mir vorher nicht vorstellen. Bei vielen meiner Reisekameraden schienen alle chinesischen Anstands- und Bescheidenheitsregeln plötzlich nicht mehr zu gelten. Und was die für Geld hatten! Einige haben in den zwei Wochen um die 50 000 Euro ausgegeben. Die hätten Sie mal bei De Beers in Belgien sehen sollen. Da haben sie sich ihre Einkaufskörbe mit Diamanten gefüllt, als würden sie Äpfel pflücken. Mir war das alles wahnsinnig peinlich. Aber auch das ist China. –

Erschienen in: brand eins 4/2007

Bernhard Bartsch | 01. April 2007 um 05:11 Uhr

 

2 Kommentare

  1. Zita Brinkrolf

    13. Mai 2009 um 12:12

    Bitte, wie ist der deutsche Titel des neuen Buches von Li Er?
    Danke!!!

  2. Bernhard Bartsch

    15. Mai 2009 um 02:26

    Li Ers erstes auf Deutsch erschienenes Buch heißt „Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt“ (DTV 2007).
    Im August 2009 erscheint der Roman „Koloratur“ bei Klett Cotta.