RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Weltkaiser Hu

Forbes kürt Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao zum mächtigsten Mann des Planeten – vor US-Präsident Barack Obama.

„Danke Amerika, deine Arroganz macht uns nur noch stärker.“ Mit diesen Worten kommentierte ein chinesischer Blogger die neueste Rangliste der mächtigsten Menschen der Welt, die das US-Wirtschaftsmagazin Forbes einmal im Jahr zusammenstellt: Auf den ersten Platz, der bisher verlässlich dem Präsident der Vereinigten Staaten zugestanden wurde, setzten die Redakteure diesmal Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao. Ist sie das, die vielbeschworene Epochenwende, mit der sich die Weltführerschaft vom Westen nach Asien verschiebt?

Den Zeitgeist trifft Forbes zweifellos, vor allem den der USA: Nach den Halbzeitwahlen wirkt Barack Obama politisch gelähmt. Ohnehin hatte er von seinem Vorgänger ein Amt übernommen, dessen Handlungsspielräume durch die Wirtschaftskrise, die militärischen Eskapaden und Amerikas globalen Ansehensverlust so klein geworden sind wie nie zuvor.

Dagegen scheint Chinas Aufschwung unaufhaltbar: Seit kurzem hat die Volksrepublik Japan als zweitgrösste Wirtschafsmacht überholt und boomt weiter mit zweistelligen Expansionsraten. In internationalen Gremien trumpft China immer selbstbewusster auf und demonstriert dem Westen, dass seine Spielregeln keine globalen Gesetze sind. „Change“ ist derzeit „Made in China“ – und der Gewinn der Forbes-Meisterschaft für viele Chinesen eine Genugtuung.

Doch auch Hu Jintao ist längst nicht so mächtig, wie er gerne wäre. Obwohl Chinas Entwicklung aus der Ferne wie ein strahlendes Fortschrittsfeuerwerk erscheinen mag, so überwiegt aus in der Nähe der Eindruck von Rauch und Gestank. Die Korruption grassiert, die Umweltzerstörung nimmt zu und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Für jedes dieser Probleme hat Hu Lösungen versprochen, und in keinem Fall hat es in den acht Jahren seiner Amtszeit merkliche Verbesserungen gegeben. Im Pekinger Politbüro mag Hu ein starker Mann sein, doch auf jenseits der Hauptstadt ist die Durchsetzungsfähigkeit der Zentralregierung beschränkt. Kritiker verlangen von Hu deshalb eine grundlegende Reform des Staatsapparats, doch der 67-Jährige reagiert auf derartige Vorschläge allergisch. Den Demokratieaktivisten und diesjährigen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo liess Hu – offenbar persönlich – zu elf Jahren Haft verurteilen. Ein Zeichen von Macht? Oder von Ohnmacht?

Ohnehin sind die Mächtigen der Welt nicht mehr das, was sie einmal waren. Auch die meisten anderen Mitspieler in der globalen Championsleague haben zuletzt vor allem durch Einflussverlust von sich Reden gemacht. Als mächtigster Deutscher wird auf Rang fünf Papst Benedikt XVI. geführt, unmittelbar gefolgt von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Platz drei belegt der ölmächige saudiarabische König Abdullah, an vierter Stelle kommt Russlands Premier Wladimir Putin.

Ihren Einfluss unmissverständlich unter Beweis gestellt haben dagegen die Autoren der Liste. Denn was auch immer die Mächtigenliga wert ist – dank des Marketinggags ist Forbes dieser Tage wieder einmal das meistzitierte Wirtschaftsmagazin der Welt.

Bernhard Bartsch | 04. November 2010 um 05:11 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.