Bernhard Bartsch

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Weckruf aus Libyen

Peking will 36 000 Chinesen aus Libyen evakuieren. Doch neben seinen Bürgern fürchtet China auch um lukrative Verträge mit Ghadhafi und anderen Diktatoren.

Zu den vielen politischen Zusammenhängen, die durch die Volksaufstände in Nordafrika und dem Nahen Osten ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gelangen, gehören auch die Verstrickungen, die sich hinter der Zahl 36 000 verbergen. 36 000 Chinesen arbeiteten in Libyen, bevor dort die Revolte gegen Ghadhafi ausbrach, wie es im Pekinger Aussenministerium heisst, das seit Dienstag Flugzeuge, Schiffe und Busse mobilisiert, um chinesische Bürger in Sicherheit zu bringen.

Doch was machen 36 000 chinesische Niedriglohn-Arbeiter in einem Land, dessen Bevölkerung aus Verzweiflung über Armut und Arbeitslosigkeit den blutigen Aufstand gegen seinen Diktator wagt? Das Heer chinesischer Gastarbeiter zeigt, wie wenig sich der Ghadhafi-Clan bei seiner Wirtschaftspolitik um die Interessen des eigenen Volkes geschert hat und wie gut es den Chinesen gelungen ist, von seiner Rücksichtslosigkeit zu profitieren – ein Geschäftsmodell, um dessen Fortbestand man in Peking nun fürchtet.

Mit hohen Investitionen und politischen Gefälligkeiten hat sich die Volksrepublik gut in der Region etabliert. Seit 2009 ist China Afrikas grösster Handelspartner und tritt dort vor allem als Käufer auf. Die Chinesen beziehen Rohstoffe und bezahlen dafür mit Bargeld und mit Infrastrukturprojekten wie Minen-Anlagen, Strassen, Eisenbahnstrecken, Mobilfunknetzen, Wohnanlagen, Kraftwerken oder Häfen. Oft erschliessen die Chinesen die Rohstoffquellen mit ihren eigenen Arbeitern und lassen sich deren Ausbeutung in bilateralen Verträgen langfristig zusagen. Für die chinesischen Unternehmen haben eingeflogene Arbeitskräfte offensichtliche Vorteile: Sie können mit eingespielten Bautrupps arbeiten, vermeiden sprachliche Missverständnisse oder interkulturelle Konflikte und haben ihre Angestellten fern der Heimat voll unter Kontrolle. Für die lokale Volkswirtschaft ist dies dagegen ein fragwürdiges Geschäft: Die chinesischen Investitionen schaffen kaum neue Arbeitsplätze. Die Gewinne aus Rohstoffverkäufen oder Immobilienprojekten landen überwiegend in den Taschen korrupter Eliten und chinesischer Geschäftsleute.

Ghadhafis Libyen, bis 2003 durch ein Uno-Handelsembargo weitgehend isoliert, gehört dabei zu den kleineren chinesischen Standbeinen in der Region: Vergangenes Jahr belief sich Chinas Handel mit Libyen auf 6,6 Milliarden Dollar, wovon Chinas Rohstoffimporte 4,5 Milliarden Dollar ausmachten. Seit 2004 hat sich der Warenaustausch allerdings verzehnfacht, und beim Ausbruch der Revolte waren bereits 75 chinesische Unternehmen in Libyen aktiv. Allein die China State Construction Engineering Corp., die in Libyen Wohnkomplexe baute, beschäftigte über 8000 chinesische Arbeiter. Zwei andere Wohnungsbaukonzerne, die Beijing Urban Construction Group und die China Communications Construction Co., hatten jeweils 5000 Arbeiter. Tausende arbeiteten auch für die China Railway Construction Group, die eine Eisenbahnstrecke zwischen Tripolis und Bengasi errichtete, und grosse Ölförderunternehmen wie Sinopec.

Doch viele dieser Engagements sind vorerst gestoppt. Nach Angaben des chinesischen Wirtschaftsministeriums sollen in den vergangenen Tagen mindestens 27 chinesische Baustellen und Anlagen angegriffen und ausgeraubt worden sein. «China hat in Libyen in grossem Massstab wirtschaftliche Verluste erlitten», heisst es in einer offiziellen Stellungnahme. «Baustellen wurden geplündert, Autos und Werkzeuge verbrannt und zerstört, Büros zertrümmert und Gelder gestohlen.» Nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua wurden «Tausende von Chinesen in Libyen ausgeraubt und Dutzende ernsthaft verwundet». Zwar ist unklar, inwiefern bei den Übergriffen antichinesische Ressentiments eine Rolle spielten. Doch sicher scheint, dass die Libyer sich in einer möglichen Nach-Ghadhafi-Ära auch dafür interessieren werden, zu welchen Bedingungen die Chinesen Zugang zu den Ressourcen ihres Landes erhielten.

In Peking fürchtet man bereits, in den Sog des Ghadhafi-Hasses gezogen zu werden. «Chinas Aussenpolitik folgt bis anhin der Devise, dass nur Beziehungen zwischen Regierungen von Bedeutung sind», erklärt der Politologe Ding Xueliang von der Technischen Universität in Hongkong. «Das Verhältnis zu den jeweiligen Völkern hat sie vernachlässigt.» Dies drohe sich nun zu rächen. «In vielen Regionen sind die Chinesen nicht beliebt», sagt Ding. «Das ist ein gewaltiges Problem, denn die Konflikte werden zunehmen, und die Sicherheit von Chinesen wird vielerorts gefährdet sein.» Auch Cui Shoujun, Direktor des Internationalen Energieforschungs-Zentrums an der Pekinger Volksuniversität, fordert, dass die Unruhen in Libyen ein «Weckruf» sein sollten. «Die bisherige Art von bilateralen Verhältnissen ist bei Aufständen sehr verletzlich», sagt er warnend.

Doch eine aussenpolitische Grundsatzdebatte will Peking vermeiden. Stattdessen präsentiert die Regierung stolz ihre Evakuierungserfolge. Bis Freitag sollen bereits 12 000 Chinesen mit Bussen, Flugzeugen und Schiffen in Sicherheit gebracht worden sein. Die ersten ausgeflogenen Arbeiter, die am Donnerstag in Schanghai landeten, wurden in ihrer Heimat wie Helden empfangen.

Bernhard Bartsch | 26. Februar 2011 um 16:42 Uhr

 

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