Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Was Nordkoreaner in der Zeitung lesen

Die Welt verbündet sich gegen Kim Jong-il – aber was bekommen eigentlich die Nordkoreaner davon mit? Eine Pjöngjanger Presseschau.

Am Dienstagmorgen war der Endsieg wieder einmal nah. Die gute Nachricht fanden die Nordkoreaner wie gewohnt auf der Titelseite ihrer Zeitung, diesmal unter der Schlagzeile „Pjöngjanger Mammutdemonstration verurteilt ‚Resolution’ des UN-Sicherheitsrats“. Demnach hatten über 100.000 Demonstranten am Vorabend auf dem Kim-Il-sung-Platz gegen die „hintertückische Erpressungsoffensive der US-Imperialisten“ protestiert und geschworen, sich niemals unter Druck setzen zu lassen. Schließlich seien die UN-Sanktionen nicht mehr als ein „arroganter krimineller Akt übermütiger Souveränitätsverletzung“, ein „inakzeptabler Spott auf die Würde des koreanischen Volkes“ und ein Versuch, „seine Wirtschaft zu strangulieren und seine Ideologie zu unterwandern“. Die Demokratische Volksrepublik Korea (DPRK) werde sich davon aber nicht beirren lassen, sondern die „Aggressorentruppen an jedem Ort der Welt ausmerzen“ und „in der Konfrontation mit den Vereinigten Staaten den Endsieg erringen“.

Was in westlichen Ohren wie übelste Hetzrhetorik klingt, ist für Nordkoreaner gepflegte Schriftsprache. Eine andere Tonart als die der Staatspropaganda kennen sie schliesslich nicht, von einer anderen Wahrheit ganz zu schweigen. Kein Volk der Welt lebt isolierter als die Nordkoreaner. Radios können nur die Frequenz des Zentralsenders empfangen; Internet oder Auslandsfernsehen gibt es nur für Mitglieder der Herrschaftselite. Was bekommen die Nordkoreaner da mit von dem weltweiten Aufruhr, den ihr „Geliebter Führer“ Kim Jong-il mit seinem Atombombentest und seinen Kriegsdrohungen verursacht hat?

Ein Blick durch die Meldungen, mit denen Pjöngjangs offizielle Koreanische Zentrale Nachrichtenagentur (KCNA) die globalen Ereignisse vom vergangenen Montag zusammenfasst, verleiht einen Eindruck davon, wie die Welt aus Sicht eines Nordkoreaners aussehen muss. Es ist eine Welt, in der das nordkoreanische Volk viele Freunde und sein Herrscher zahllose Bewunderer hat. „Ruhm für Kim Jong-ils Heldentaten“ heißt etwa die Überschrift eines Artikels, demzufolge Politiker in aller Welt den 45. Jahrestag von Kims Eintritt ins Zentralkomitee der Arbeiterpartei gefeiert haben sollen. Dank Kims Philosophie habe die Welt verstanden, „dass eine Revolution mit Waffen beginnt, voranschreitet und zum Sieg gelangt“, zitiert die Agentur den Vorsitzenden der Kommunistischen Union Bulgariens, Atanas Ivanov, und suggeriert, dass dieser ein mächtiger Staatsmann sei. Auch aus anderen Ländern erntet Nordkorea an diesem Montag Anerkennung: Von Ägypten über Indien bis nach Indonesien studieren Politiker und Forscher Nordkoreas Juche-Revolutionstheorie und profitieren von den Lehren des „Kimilsungismus“. Selbst Pjöngjangs ausländisches Diplomatenkorps kommt zusammen, um einen Dokumentarfilm über den „Grossen Früher Genosse Kim Jong Il“ zu sehen.

Doch damit die KCNA-Fiktionen für die Nordkoreaner glaubwürdig bleiben, braucht ihr Land nicht nur Freunde, sondern auch mächtige Feinde. Denn das Elend ihres Alltags kann ihnen selbst die beste Propaganda nicht in Reichtum uminterpretieren. Das Volk leidensfähig und opferbereit ist die Aufgabe der „US-Imperialisten“, der „japanischen Militaristen“ und vor allem des südkoreanischen Präsidenten Lee Myung-bak, seit einem Jahr Kims Lieblingsfeind, weil er mit der Sonnenscheinpolitik seiner Vorgänger gebrochen und Hilfslieferungen an den Norden an Kompromisse im Atomwaffenkonflikt geknüpft hatte. „Lee Myung-baks dumme Atomkriegsspiele kritisiert“ lautet an diesem Dienstag eine Meldung, die Südkorea vorwirft, zusammen mit den USA einen Atomangriff auf den Norden vorzubereiten. „Es ist seit langem der wilde Ehrgeiz der südkoreanischen Marionetten, einen Atomkrieg gegen die DPRK zu beginnen“, kommentiert die nordkoreanische Presse. „Lees Verrätergruppe besteht in der Tat aus kreuzgefährlichen Kriegstreibern die nicht einmal einen Nuklearkrieg ausschließen würden um ihre Landsleute auszurotten.“ Allerdings habe Nordkorea „Mittel und Fähigkeiten, die stark genug sind, um die Provokateure in einem einzigen Hieb zurückzuschlagen“ und die „Atomkriegsidioten zu Asche zu verbrennen“. Ein weiterer Artikel macht Lee für den Selbstmord seines Amtsvorgängers Roh Moo-hyun verantwortlich, den nach nordkoreanischer Lesart Ende Mai nicht die Scham über seine eigene Korruptionsverwicklungen in den Tod trieb, sondern der Frust über seinen Nachfolger, der Südkorea in eine „Kältesteppe der Demokratie und der Menschenrechte“ verwandelt habe. Alle Welt habe dies inzwischen erkannt, berichtet die KCNA und beschreibt, dass sogar „über 300 Philosophen aus Deutschland, Frankreich und anderen Ländern“ Kampagnen zu Lees Sturz ins Leben gerufen hätten.

Doch kein Tag in den nordkoreanischen Nachrichten wäre vollkommen ohne eine Anekdote über den Übervater der Nation, Kim Il-sung. Am Dienstag trägt sie den Titel: „Warum Er seinen Stock im Auto ließ“ und beschreibt, wie Kim 1994 wenige Tage vor seinem Tod Bauern besuchte und seinen Gehstock im Wagen ließ, „damit das Volk sich keine Sorgen um ihn mache“. Bis heute würden die Koreaner weinend die Wege abgehen, die Kim Il-sung damals bei seinem letzten Ausflug gegangen sei. So schön kann die Wahrheit sein – wenn man mit ihr machen kann, was man will.

Bernhard Bartsch | 17. Juni 2009 um 00:46 Uhr

 

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