Bernhard Bartsch

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Was kommt nach Kim?

Nach den Berichten über eine schwere Erkrankung von Nordkoreas Führer Kim Jong Il wird über seine Nachfolge spekuliert. Möglich scheint alles, denn bekannt ist fast nichts.

Wer kommt nach Kim Jong Il? Seitdem Nordkoreas Diktator am Dienstag bei den Feiern zum 60.Gründungstag der Demokratischen Volksrepublik fehlte, wodurch Geheimdienstberichte über eine schwere Krankheit indirekt bestätigt scheinen, wird weltweit über seine Nachfolge spekuliert. Von der Frage, wer in Pjongjang die Fäden in der Hand hält, wenn der «Geliebte Führer» stirbt oder regierungsunfähig wird, hängt viel ab. Das gilt sowohl für die Nordkoreaner, die wegen Kims Isolationspolitik in Armut und Unterdrückung leben, als auch für den Weltfrieden, den der undurchschaubare Herrscher mit seinen Atomwaffen bedroht.

Da über die Kräfteverteilung in der Machtelite nur wenig bekannt ist, scheint eine Fortsetzung der Erb-Diktatur des Kim-Klans ebenso möglich wie die Errichtung einer Militärjunta oder der Kollaps des maroden Regimes. «Es gibt zu diesem Thema keine verlässlichen Informationen», sagt der Nordkorea-Experte Andrei Lankow von der Kookmin-Universität in Seoul. «Die Nordkoreaner wissen, dass übermässige Mitteilsamkeit tödlich sein kann, wenn es um das Leben der vergötterten ‚ersten Familie‘ geht.»

Sicher ist nur: Kim hat bisher keinen Nachfolger in Stellung gebracht, zumindest nicht öffentlich. Während er selbst schon Ende der siebziger Jahre zum Erben seines Vaters Kim Il Sung erklärt worden war und bis zu dessen Tod im Jahr 1994 einen Grossteil der Amtsgeschäfte übernommen hatte, ist von Kims Kindern bisher keines politisch in Erscheinung getreten.

Ältester mit Makeln

Gemäss konfuzianischer Familientradition wäre Kims ältester Sohn Kim Jong Nam der vorbestimmte Erbe. Doch Jong Nam hat ein doppeltes Handicap: Einerseits stammt er aus einer Beziehung mit einer Filmschauspielerin, die sein Vater offenbar nie heiratete und kurz nach Jong Nams Geburt ins Exil schickte, wo sie 2002 starb. Andererseits soll Jong Nam wegen seiner extravaganten Eskapaden im Ausland in Ungnade gefallen sein. 2001 wurde er am Flughafen in Tokio verhaftet, als er mit einem gefälschten Pass der Dominikanischen Republik einreisen wollte, um mit seinem Sohn und zwei Frauen Disneyland zu besuchen. In den folgenden Jahren wurde er in Peking, Hongkong und dem Spielerparadies Macau gesehen. Zwar gilt auch Kim Jong Il als vergnügungssüchtiger Lebemann, doch anders als sein Sohn hat er der Welt noch nie Gelegenheit gegeben festzustellen, was an den Gerüchten über ihn tatsächlich dran ist.

Grössere Chancen werden Kims zweitem Sohn Jong Chol, 29, nachgesagt, der wie sein jüngerer Bruder Jong Un, 27, in der Schweiz ausgebildet worden sein soll. Jong Chol begleitete seinen Vater bereits auf Reisen, und 2002 sahen ihn Nordkorea-Experten im Aufwind, als der Propagandaapparat über die Tugenden einer ungenannten «weiblichen Genossin des Geliebten Führers» zu berichten begann, womit offenbar seine Mutter gemeint war. Doch die Kampagne endete so plötzlich, wie sie begonnen hatte. Dahinter könnten mächtige Gruppen in der Arbeiterpartei oder im Militär stecken, aber auch ein Nebenflügel der Kim-Familie. Kim Jong Ils Schwester soll über ihren Ehemann Chang Song Taek erheblichen Einfluss ausüben. «Chang ist zwar nur ein paar Jahre jünger als Kim, aber er ist angeblich gesünder und hat grosse Erfahrung in der Verwaltung», sagt Lankow. «Die meisten Experten gehen deshalb davon aus, dass sich eine Art kollektive Führung herausbilden könnte, mit Jong Chol als Repräsentationsfigur und Chang als Mentor und Berater des jungen Führers.»

Drohender Ernstfall

Das setzt voraus, dass die herrschende Elite das Land unter Kontrolle behalten kann. Zwar erklärte der Chef des südkoreanischen Geheimdienstes diese Woche, Kim sei auf dem Weg der Besserung und es gebe derzeit keine Zeichen für ein Machtvakuum. Doch in Seoul bereitet man sich trotzdem auf den Ernstfall vor. Sollte Nordkorea implodieren, sieht Südkorea zwei gleichermassen erschreckende Szenarien: Entweder müsste es das Bruderland auffangen und dafür Milliarden von Dollar aufbringen, was die Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs bringen könnte. Oder China könnte den Anschluss durch eine militärische Intervention verhindern und in Pjongjang ein Marionettenregime etablieren, das Pekings Einfluss und den Zugriff auf Nordkoreas Rohstoffe sichert.

Bernhard Bartsch | 14. September 2008 um 04:58 Uhr

 

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