Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Was bleibt von Olympia?

Am Ende des Olympiajahres ist China um eine Erfahrung reicher und um eine Illusion ärmer. Vor seinen eigenen Problemen kann das Land nicht davonlaufen. Viele Chinesen fragen sich: Was ist nach dem Trubel vom Sommer geblieben?

Die Huren sind zurück. In engen Minis sitzen sie wieder hinter den Glastüren ihrer als Friseursalon getarnten Trieblokale und werfen männlichen Passanten frivole Blicke zu. „Seit Juni wurden diese Läden alle geschlossen, aber in den letzten Wochen haben sie einer nach dem anderen wieder aufgemacht“, sagt Herr Yu, der Blockwart eines Wohnbezirks im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo gleich vier solcher Etablissements um Kundschaft konkurrieren. „Ich mische mich in deren Geschäfte nicht ein, jetzt ist Olympia schließlich vorbei“, sagt Herr Yu.

Die Schließung der kleinen Straßenbordelle war eine von vielen Maßnahmen, mit denen Chinas Hauptstadt sich im Sommer olympiafein gemacht hatte. Doch vier Monate nach dem Ende der Spiele geht das Pekinger Leben wieder seinen gewohnten Gang. Die Straßen sind verstopft, die Luft ist smoggetrübt. Was also bleibt vom großen Sportfest? „Olympia war eine große Party“, sagt Song Qing, eine 29jährige Polizistin, die mit ihrer Tochter im Pekinger Olympiapark spazieren geht. Seitdem das Areal für die Öffentlichkeit zugängig ist, fotografieren sich am Wochenende viele Familien vor dem „Vogelnest“ und den anderen Stadien. Noch immer sind ein paar Maskottchen aufgestellt, auf Spruchbändern lebt das Motto „Eine Welt, ein Traum“ weiter, und auf Bildschirmen wiederholen sich die Höhepunkte der Spiele in einer Endlosschlaufe.

„Wir sind alle sehr stolz, dass China die meisten Medaillen gewonnen hat“, sagt Song. „Die Welt hat gesehen, was für ein großartiges Volk wir sind.“ Doch jenseits der schönen Fernseherinnerungen habe sich kaum etwas verändert. „Ich hoffe, dass Olympia in meinem Leben noch einmal nach China kommt“, sagt die Polizistin. „Die Vorfreude ist besser als das Gefühl, wenn alles vorbei ist.“

Angesichts der hohen Erwartungen war die Ernüchterung unausweichlich. Über Jahre hatte die Regierung das Sportfest zur nationalen Erneuerungskampagne stilisiert und den Pekingern versprochen, ihre Stadt zu einer modernen Metropole zu machen. Doch inzwischen ist die Aufbruchsstimmung der Krisenangst gewichen, und Pekings Stadtväter sprechen von der Bewältigung der großen städteplanerischen Aufgaben nicht mehr in der Vergangenheitsform, sondern im Futur.

Die rigiden Fahrverbote, mit denen im Sommer kurzfristig die Luft und Verkehr olympiafähig gemacht wurden, haben den Pekingern ein Gefühl dafür gegeben, wie schlecht es sonst um ihre Stadt steht. „So schön werden wir unsere Stadt wohl nie wieder erleben“, sagt Blockwart Yu. Zwar will sich die Verwaltung die Olympiaerfahrungen zu Herzen zu nehmen und hat die Fahrverbote teilweise aufrechterhalten: Jeder Autofahrer muss seinen Wagen nun an einem Tag pro Woche stehen lassen. Doch spürbar ist diese Maßnahme im Alltag kaum.

Gelitten hat die Olympiabegeisterung auch durch den Milchpulverskandal, der die Chinesen noch vor Ende der Paralympischen Spiele an die Probleme ihres Landes erinnert hat. Anfang September wurde bekannt, dass die Behörden im Interesse der Feierlaune verschwiegen hatten, dass chinesische Milch mit der Chemikalie Melamin verseucht war. 300 000 Babys erkrankten an Nierensteinen, sechs Kinder starben. Der Fall rief wütende Reaktionen hervor. „Solange es in China solche Unternehmen gibt, können wir zehnmal Olympische Spiele ausrichten – es nützt nichts“, kommentierte ein Blogger.

Auch die Hoffnungen des Auslands, die Volksrepublik könne durch Olympia demokratischer werden, haben sich im Nachhinein kaum erfüllt. Zwar ist das China des Jahres 2008 in vieler Hinsicht moderner und offener als im Jahr 2001, als die Spiele vergeben wurden, doch mit Olympia selbst hat diese Entwicklung nur bedingt zu tun. Im Gegenteil, zeigte die Kommunistische Partei doch wiederholt, dass sie sich vom Ausland nicht unter Druck setzen lässt. Vor und während der Spiele wurden zahlreiche Regimekritiker festgenommen; die zugesagte Demonstrationsfreiheit wurde nicht gewährt.

Zwar rühmt sich Peking, die vom Olympischen Komitee durchgesetzten Berichterstattungsfreiheiten für ausländische Journalisten auch über Olympia hinaus verlängert zu haben. Doch an kritischen Stellen greifen die Behörden in die Arbeit der Journalisten ein. Der Verein der ausländischen Korrespondenten in Peking zählte seit Anfang des Jahres 178 Fälle von Arbeitsbehinderung. Chinesische Journalisten sind ohnehin an die engen Vorgaben des Propagandaministeriums gebunden. Auch die Verhandlungen mit den Exiltibetern, die Peking im Frühsommer aufgenommen hatte, um Boykottdrohungen den Wind aus den Segeln zu nehmen, sind inzwischen wieder eingestellt worden.

So ist die Volksrepublik am Ende des Jahres um eine Erfahrung reicher und um eine Illusion ärmer: Vor seinen eigenen Problemen kann das Land nicht davonlaufen. Insofern ist es passend, dass zu den Olympiamomenten, die sich den Chinesen am stärksten eingeprägt haben, auch eine bittere Niederlage gehört: So wie Chinas großes Sportidol, der Hürdenläufer Liu Xiang, schon vor dem ersten Lauf verletzt aufgeben musste, hat auch die Volksrepublik im Jahr 2008 ihre entscheidende Hürde nicht genommen.

Bernhard Bartsch

Stuttgarter Zeitung, 23. Dezember 2008

Bernhard Bartsch | 23. Dezember 2008 um 10:46 Uhr

 

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