Bernhard Bartsch

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Ware Schönheit

Viele Chinesen glauben an eine schönere Welt, von Menschenhand erschaffen nach dem Rezept: Viel hilft viel.

Hao Lulu (Copyright Martin Gottske)Wenn Hao Lulu Langeweile hat – oder sind es Depressionen? –, dann schaltet sie ihren Computer ein und klickt sich durch ihr Fotoalbum. Tausende Bilder hat sie gespeichert, fast alle mit dem gleichen Motiv: sie selbst. Am Meer, im Wald, beim Shopping. Als Girlie, Luder oder Lady. Abwechselnd schwarzhaarig, blond und brünett, lachend, flirtend oder schmollend. „Manchmal sitze ich stundenlang vor dem Bildschirm“, erzählt Hao. Sie kann sich an sich selbst nicht sattsehen. Und schwer verstehen, warum es dem Rest der Welt nicht genauso geht. Die schönste Frau Chinas zu sein hatte sie sich irgendwie anders vorgestellt.

Hao Lulu gehört zur chinesischen Popkultur wie Paris Hilton zur amerikanischen oder Dieter Bohlen zur deutschen. Jeder klatschspaltenbelesene Chinese kennt ihre Geschichte und hat mit Neid und Spott verfolgt, wie sie erst zum Inbegriff des chinesischen Schönheitsideals wurde und dann zu dessen Karikatur.

Vor vier Jahren stellte sich die damals 22-jährige Hotelangestellte einer Pekinger Privatklinik für plastische Chirurgie für eine spektakuläre Werbeaktion zur Verfügung. Die Ärzte wollten die perfekte Frau kreieren, den Prototyp der chinesischen Weiblichkeit, zum Beweis, dass Schönheit kein Geschenk der Natur mehr sein muss, sondern so einfach zu haben ist wie eine Dauerwelle oder Maniküre. Vierzehn Mal kam Hao unters Messer, und jedes Mal, wenn sie nach der Operation den Verband abnahm und im Spiegel ihrem neuen Ich gegenübertrat, schauten ihr Kameras über die Schulter. Über anderthalb Jahre beobachtete das Land, wie Haos Schlitzaugen zu Rehaugen wurden, ihre flache Nase mehr Profil bekam, die Wangenknochen hervortraten, wie aus Hals, Oberarmen, Waden, Hüften und Bauch die Fettpolster schwanden und die Oberweite um mehrere Körbchengrößen zulegte. Und wie ihr Po abgerundet und hochgerückt wurde, um ihre Beine optisch zu strecken. „Zuletzt hätte nicht mal mehr meine Mutter mich erkannt“, sagt Hao.

Es gehörte Mut dazu, eine andere zu werden. Dabei hatte sie sich in ihrem Körper nie unwohl gefühlt. Im Gegenteil. „Ich war schon immer hübsch“, findet sie und zeigt Fotos von früher. Ihr Gesicht war damals nicht schmal wie heute, sondern voll und rund wie der Mond. Das gilt in China seit je als Inbegriff klassischer Schönheit.

Doch seit der Westen – oder eher sein Zerrbild in Hollywoodfilmen, Seifenopern und Modezeitschriften – die Lebensträume der Chinesen dominiert, hat sich das ästhetische Empfinden geändert. Dabei sind die Vorbilder unerreichbar, denn die meisten Chinesinnen sind von westlichen Idealen noch weiter entfernt als durchschnittliche Europäerinnen. Die optische Aufholjagd hat kosmetische Operationen zu einem boomenden Wirtschaftszweig gemacht. In den Metropolen florieren private Kliniken, die nach Angaben der Zeitschrift »Sanlian Shenghou Zhoukan« jährlich mehr als eine Million Schönheitsoperationen durchführen.

Gemessen am städtischen Durchschnittseinkommen von umgerechnet knapp 100 Euro im Monat, sind die Preise dafür astronomisch. Doch die Schicht der zahlungskräftigen Patienten wächst schnell. Augenvergrößerungen sind am meisten gefragt. Sie kosten 200 Euro. Eine Schiene zur Verstärkung des Nasenrückens gibt es ab 250 Euro und Brustimplantate ab 2000 Euro. Wer seine Beine zu kurz findet, kann sich die Ober- und Unterschenkelknochen brechen lassen und dann im Streckbett darauf warten, dass sie etwas länger wieder zusammenwachsen. Das dauert

Monate und kostet zwischen 4000 und 10000 Euro. Die Prozedur ist in China allerdings verboten und blieb Hao Lulu deshalb erspart. Auch nach ihrem Totalumbau, der einen Wert von 40000 Euro hatte, ist sie deshalb nur 165 Zentimeter groß.

Zwar sind Schönheitsoperationen keine chinesische Erfindung. Doch wie viele Trends, die China mit Verspätung übernimmt, führt es auch diesen in neue Extreme. Zumal die Idee, der Natur nachzuhelfen, gut zur chinesischen Ästhetik passt. Künstlichkeit und Schönheit gehören zusammen. Wo der Mensch eingreift, ist Kultur – das Ursprüngliche gilt als rückständig. Zwar liebten auch die alten Chinesen die Natur, doch am liebsten war sie ihnen in ihren sorgfältig angelegten Gärten. Sie erfanden die Bonsai-Methode, das Wachstum von Bäumen zu kontrollieren, und flochten Bambusstämme zu Zöpfen. Das Bedürfnis, die Natur zu kultivieren, hat sich bis heute erhalten: Statt echter Bäume gibt es häufig bunte Metallpalmen. Und in Parks wird das Blätterrascheln aus versteckten Lautsprechern mit Popmusik unterlegt.

Auch für die menschliche Schönheit gibt es eine Tradition nachträglicher Korrekturen. Die Vorstellung von einem Gott, in dessen Schöpfung der Mensch nicht eingreifen dürfe, existiert in China nicht. So wurden jungen Mädchen über Jahrhunderte die Füße gebrochen und eingebunden. Männer fanden diese sogenannten „Lotusfüßchen“ attraktiv und stellten sich vor, dass sie mit ihrem Fetisch auch den Frauen einen Gefallen taten, weil die auf der Sohle eng zusammenliegenden Nervenenden ihnen gewiss große sexuelle Lust bereiteten.

Wer erfolgreich ist, wird bewundert. Für Hochstapler aber kennt man keine Gnade

Weniger drastisch ist der bis heute übliche Brauch, dass Chinesinnen sich die Augenbrauen auszupfen, um sie formvollendet mit Schminke wieder aufzumalen. Gemessen an den Möglichkeiten der Selbstvervollkommnung sind derlei Eingriffe jedoch amateurhaft. „Früher dachten die Menschen, sie müssten sich so annehmen, wie sie geboren sind“, sagt Hao Lulu. „Damit haben sie sich nur darüber hinweggetröstet, dass sie keine Wahl hatten.“

Aber auch Hao hat lernen müssen, dass dies zu viel des Fortschrittsglaubens und wahre Schönheit eben doch keine Ware ist. Zwar war sie nach ihren Operationen für einige Zeit ein nationaler Star, gab täglich Interviews, beschäftigte eine Managerin und schrieb eine Autobiografie. Doch dass sie darin auch ihren Lebensweg zu verschönern versuchte, wurde ihr zum Verhängnis.

Dabei hatte sie eigentlich nichts zu verbergen: Hao hat eine durchschnittliche Pekinger Schule besucht, ist mit 15 Jahren an eine Berufsschule gewechselt, in der sie Schmuckdesign lernte, und hat dann in Geschäften und Hotels gearbeitet. Für ihre Rolle als Galionsfigur der neuen chinesischen Frauenbewegung durfte es jedoch ruhig etwas mehr sein. So deklarierte sie ihre Ausbildung zum Geologiestudium und versteckte ihre einfachen Jobs hinter einem dreijährigen Studium in England, von dem sie mit einem „Master in Diamantenkunde“ zurückkehrte.

Ein Jahr hielt die Illusion, dann bat ein Reporter sie, ein paar Sätze auf Englisch zu sagen. Da brach alles in sich zusammen.

In den Medien wurde sie verspottet, im Internet beschimpft. In einem Land, in dem alle vom Fortschritt träumen, aber nur wenige daran teilhaben können, gibt es für Hochstapler keine Gnade.

Vom einstigen Glamour ist ihr kaum mehr geblieben als ein Computer voller Bilder. Ihre neuen Freunde verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren, und von ihren alten haben ihr viele nicht verziehen, dass sie etwas Besseres sein wollte. „Trotzdem bereue ich nichts“, sagt sie mit einem gewissen Trotz. „Ich hatte einen Traum, und den habe ich verwirklicht.“

Was ihr zu denken gibt, ist die Reaktion ihrer Mutter. Die habe sie immer unterstützt und gesagt, sie würde sich ebenfalls operieren lassen, wenn ihr das Ergebnis an ihrer Tochter gefalle. Bis heute hat sie sich jedoch nicht unters Messer begeben.

Erschienen in: brand eins 12/2007

Bernhard Bartsch | 01. Dezember 2007 um 04:31 Uhr

 

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