Bernhard Bartsch

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Walfleisch zu Hundefutter

Während Japans Fangflotte in der Antarktis mit Tierschützern kämpft, ist die Beute vom Vorjahr längst nicht verzehrt.

Freitagabend in Tokios Ausgehviertel Shibuya: Zehn- tausende drängen in Lokale, Kinos oder Spielsalons, doch von den zwanzig Tischen im eleganten Restaurant Kujiraya ist nur die Hälfte besetzt. Schließlich verweist schon der Name auf ein Angebot, das nicht jedermanns Geschmack ist: Kujira, also Wal. Vom Sashimi bis zur Grillplatte werden hier alle Gerichte aus dem Fleisch von Zwergwalen zubereitet.

„Walfleisch ist teuer geworden“, sagt die Kellnerin, „deswegen wird es nicht mehr so häufig gegessen wie früher.“ In Tokio haben höchstens noch fünfzig Restaurants Wal im Angebot, schätzt sie. Zwar sind 5 000 bis 10 000 Yen (32 bis 64 Euro) für ein Abendessen nach japanischen Gourmetstandards kein hoher Preis. Aber Wal sei auch keine außergewöhnliche Delikatesse, sondern eine Fleischsorte wie andere auch, erklärt einer der Gäste, ein Unternehmer mittleren Alters, der mit einem Geschäftspartner ein Walfondue bestellt hat. „Der Geschmack ist eine Mischung aus Rind und Fisch“, sagt er. „Ich esse seit meiner Kindheit Wal, und wenn ich Appetit darauf habe, komme ich hierher.“ An den Wänden hängen Holzdrucke mit Impressionen von Japans jahrhundertealter Walfangtradition: Zwischen tobenden Wogen tanzen einfache Jollen, aus denen heraus Männer mit winzigen Speeren einen riesigen Wal attackieren. Dass die Waljagd heute kein Nahkampf zwischen Mensch und Natur mehr ist, sondern von schwimmenden Fleischfabriken aus mit modernster Ortungstechnik, ferngesteuerten Harpunen und Elektroschocks betrieben wird, thematisiert die Dekoration des Kujiraya genau so wenig wie Kentucky Fried Chicken die Zustände auf einer modernen Hühnerfarm.

Dass der Verzehr von Meeressäugern in weiten Teilen der Welt geächtet ist, ficht das Kurijaya und seine Kundschaft ebenso wenig an wie die derzeitige Konfrontation zwischen Japans staatlicher Walfangflotte und internationalen Tierschützern im antarktischen Meer. Obwohl die Internationale Walfangkommission (IWC) die kommerzielle Tötung seit 1986 verbietet, lässt Tokio jedes Jahr zwischen November und März rund 1 000 Wale harpunieren. Offiziell dienen die Expeditionen Forschungszwecken, doch da das Fleisch hinterher verkauft wird, werfen mehrere Organisationen und Regierungen Japan einen notdürftig getarnten Verstoß gegen die Artenschutzbestimmungen vor.

Vor zehn Tagen bestiegen zwei Aktivisten der Organisation Sea Shepherd das japanische Schiff Yushin Maru II und wurden dort 48 Stunden als Geiseln gehalten. „Ich habe nichts gegen die Japaner als Volk“, sagte der Australier Benjamin Potts, 28, nach seiner Freilassung am Freitag vergangener Woche, „aber das barbarische Abschlachten von intelligenten und gefährdeten Meeressäugetieren muss aufhören.“ Dabei will auch Japan seine Expedition als Beitrag zur Arterhaltung verstanden wissen. „Die Aktion von Sea Shepherd war äußerst gefährlich und illegal“, sagt Hideki Moronuki, Sprecher der Walfangabteilung der Fischereiagentur. „Unsere Expedition entspricht in jeder Hinsicht den internationalen Vorschriften.“

Gerade weil Wal in Japan ein beliebtes Lebensmittel sei, habe das Land ein Interesse, die Tiere zu schützen und ihre Lebensweise zu erforschen. Gejagt würden nur Arten mit großen Beständen, lautet die offizielle Position. Wegen ihres großen Nahrungsbedarfs seien zu viele Wale für die Meere sogar eher schädlich. Diesmal soll die Flotte 850 Zwerg- und 50 Finnwale zurückbringen. Der Plan, erstmals seit 1963 auch Buckelwale zu jagen, wurde nach diplomatischen Protesten Australiens allerdings um „ein bis zwei Jahre“ verschoben. „Die Anzahl richtet sich nach den Anforderungen der Wissenschaft, nicht nach denen des Marktes“, erklärt Moronuki. „Verkauft wird nur Fleisch, das als Nebenprodukt übrig bleibt, so wie es die IWC verlangt.“

Nach Ansicht der Walfanggegner sind Japans wissenschaftliche Ergebnisse allerdings viel zu dürftig, um den Aufwand zu rechtfertigen. Stattdessen politisiere Japans Regierung den Walfang, um ihre Unbeugsamkeit gegenüber ausländischem Druck zu beweisen, meint Ayako Okubo, Forscher der japanischen Stiftung für Meerespolitik: „Die Japaner essen gar nicht besonders gerne Wal, aber sie wollen es nicht von Ausländern verboten bekommen.“ Sakyo Noda von Greenpeace Japan sieht darin eine gute Gelegenheit, auch in Japan eine Antiwalfangbewegung ins Leben zu rufen. „Diese vorgetäuschte Forschung ist auch in Japan immer umstrittener“, sagt er. „Das ist unsere Chance, dieses skandalöse Vorgehen endlich zu stoppen.“ Eine 2006 von Greenpeace in Auftrag gegebene Befragung von 1047 Japanern kam jedoch zu einem anderen Ergebnis: 35 Prozent der Befragten befürworteten eine Wiedereinführung des kommerziellen Walfangs, nur 26 Prozent waren dagegen. 39 Prozent hatten keine Meinung. Unter jüngeren Japanern war die Ablehnung zwar deutlich höher, aber nur die wenigsten waren gut über das Thema informiert, ein Zeichen dafür, dass das öffentliche Interesse an der Kontroverse nicht groß ist.

Aus Sicht der Tierschützer ermutigend ist dagegen eine andere Zahl: Obwohl die Fischereibehörde den Verzehr von Walfleisch als „wichtigen Bestandteil der japanischen Kultur“ bezeichnet, gaben 82 Prozent der Befragten an, noch nie oder seit sehr langer Zeit kein Walfleisch gegessen zu haben. „Die meisten Japaner haben erst nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen, Wal zu essen“, erklärt die Kellnerin im Kujiraya. In den Zeiten der Mangelwirtschaft waren die Meeressäuger, die auch in japanischen Küstengewässern vorkommen, eine billige und schnell zugängliche Proteinquelle. „Viele unserer Stammgäste kommen aus einer gewissen Nostalgie“, sagt sie, „während Jüngere es einfach nur einmal probieren wollen.“

Um den Walverzehr wieder populärer zu machen, gründete die Regierung vor zwei Jahren die Vertriebsgesellschaft Whale Labo, die das Fleisch professionell vermarkten soll. Seitdem steht Wal landesweit in 3 500 Schulkantinen regelmäßig auf dem Speiseplan. Im vergangenen November sorgte auch die Imbisskette Asian Lunch für Aufsehen, als sie anfing, in ihren 14 Tokioter Niederlassungen einmal pro Woche Wal in Form von Currys oder Burgern anzubieten. Die Initiative dazu sei von Whale Labo ausgegangen, erklärte das Unternehmen.

„Hindus essen keine Kühe und Moslems keine Schweine, aber sie schreiben dem Rest der Welt nicht vor, dass sie das Gleiche tun müssten“, sagt Takashi Sato, Inhaber eines Walrestaurants im Stadtteil Shinjuku. „Aber uns Japanern versucht alle Welt zu verbieten, Wal zu essen.“ Rund 50 Gerichte serviert er in seinem Lokal, das er in dritter Generation führt. „Wenn man einem Volk das Essen nimmt, nimmt man ihm auch seine Kultur“, empört er sich. „Und Kultur ist die Grundlage für Frieden.“ Für Satos persönlichen Seelenfrieden dürfte jedenfalls vorerst gesorgt sein. Selbst wenn es den Aktivisten im antarktischen Meer weiterhin gelingen sollte, die japanische Flotte zu behindern, ist der Fleischnachschub für gesichert. In den Kühlhäusern lagern nämlich noch knapp 4 000 Tonnen Fleisch aus den Vorjahren. Um Platz für die neue Lieferung zu schaffen, wurde ein Teil davon bereits zu Hundefutter verarbeitet.

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INDUSTRIELLE VERARBEITUNG

Sonderklausel: 1986 verbot die Internationale Walfangkommission (IWC) den kommerziellen Walfang. Die Japaner bestanden damals jedoch auf einer Klausel, die Waljagd zu Forschungszwecken weiterhin erlaubt und ausdrücklich vorsieht, dass nicht verwendetes Fleisch verkauft werden sollte.

Marktlage: Seit 1987 schickt Japans Fischereibehörde jedes Jahr zwischen November und März eine Flotte ins antarktische Meer. Die Schiffe sind mit industriellen Fleischverarbeitungsanlagen ausgestattet. Kamen im ersten Jahr auf diese Weise 1 140 Tonnen Walfleisch auf den Markt, so stieg das Angebot 2006 auf 4 154 Tonnen. 1 200 Wale wurden dafür getötet. Außerdem kommen in Japan jährlich rund 1 000 Tonnen Delfinfleisch auf den Markt.

Lokale Regeln: In den eigenen Küstengewässern sind die Japaner bei der Waljagd allerdings restriktiver. Zwar dürfen Fischer in vier traditionellen Walfangstädten weiterhin Schnabelwale erlegen. Die Zahl ist jedoch auf 66 Tiere beschränkt.

Bernhard Bartsch / Berliner Zeitung, 26. Januar 2008

Bernhard Bartsch | 26. Januar 2008 um 05:22 Uhr

 

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