Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Wachstumsmotor Asien

Die asiatischen Länder haben als erste die Wirtschaftskrise hinter sich gelassen und wollen sich nun durch neue Bündnisse aus der Abhängigkeit vom Westen lösen.

Apec-Gipfel sind berühmt für ihre Abschlussbilder, auf denen sich die Regierungschefs der 21 Asien-Pazifikstaaten als Zeichen ihrer Gemeinsamkeiten in lokalen Trachten des Gastgeberlandes fotografieren lassen. Dieses Wochenende werden US-Präsident Barack Obama, Chinas Staatspräsident Hu Jintao und Co. in Singapur in klassischem asiatischen Chic vor die Kameras treten – und damit ein Symbol für den Zustand der Welt am Ende des Krisenjahres 2009 setzen: Noch nie spielte Asien für die globale Wirtschaft eine größere Rolle. Schneller als alle anderen Weltregionen scheint es die Finanzkrise hinter sich gelassen zu haben.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt voraus, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den asiatischen Ländern dieses Jahr im Durchschnitt um 2,75 Prozent steigen wird und sich 2010 auf 5,75 Prozent beschleunigt. Den Industrienationen traut der IWF dagegen nächstes Jahr nur ein Durchschnittswachstum von 1,15 Prozent zu. 15 der 18 asiatischen Börsenindizes entwickeln sich derzeit besser als der US-Index S&P 500. Auch die Erholung der deutschen Exportwirtschaft ist zum großen Teil „Made in China“. Asien ist zum weltwirtschaftlichen Wachstumsmotor geworden.

Quer durch die Region können die staatlichen Statistikämter derzeit gute Zahlen vorlegen. Das Zugpferd ist China. Im vierten Quartal könnte die Wachstumsrate wieder die Zehn-Prozent-Marke erreichen, so der Chefökonom des staatlichen Informationszentrums, Fan Jiangping. Für das Gesamtjahr werde eine BIP-Steigerung von 8,3 Prozent erwartet. Indiens Regierung rechnet für das laufende Haushaltsjahr, das im März 2010 endet, mit einem Wachstum von 6,5 Prozent. Auch Japan, Südkorea, Malaysia und Indonesien befinden sich wieder auf Wachstumskurs.

Der asiatische Aufschwung hat mehrere Gründe. Den unmittelbaren Ausschlag für das schnelle Ende des Einbruchs geben die gewaltigen Konjunkturpakete, die alle Länder der Region aufgelegt haben. Und obwohl einige Staaten bereits wieder Anzeichen einer steigenden Inflation zeigen, erklärten die asiatischen Zentralbanken diese Woche einmütig, die Zügel der Geldpolitik vorerst nicht wieder anziehen zu wollen, solange das Wachstum noch auf wackligen Beinen stehe.

Zum großen Teil verdankt Asien seinen Boom indes seinem niedrigen Entwicklungsniveau. So beschert der Prozess der Urbanisierung den Schwellenländern auch in der Krise eine starke Dynamik. In China lebt etwa erst die Hälfte der Bevölkerung in den Städten. 2020 werden es drei Viertel sein, schätzen Experten. Weiteres Wachstumspotenzial besteht in der Verstärkung der regionalen Integration. Seit Jahren bemühen sich die Asiaten, ihre Wirtschaften enger zu verzahnen und durch sinkende Handelsbarrieren neue Dynamik zu schaffen. In den kommenden Jahren dürften in der Region daher zahlreiche neue Freihandelsabkommen ausgehandelt werden oder in Kraft treten. So bauen die zehn südostasiatischen Asean-Staaten derzeit ihre Zusammenarbeit mit China, Südkorea und Japan aus. Japans neuer Premierminister Yukio Hatoyama will seinerseits eine Ostasiatische Union ins Leben rufen, der Japan, China, Südkorea, Indien, Australien, Neuseeland sowie die Asean-Staaten angehören sollen. Als Vorstufe dazu ist ein Dreierbündnis zwischen Japanern, Chinesen und Koreanern geplant.

Die Südkoreaner, die dieses Jahr bereits ein Freihandelsabkommen mit der EU vereinbarten, ratifizierten vergangene Woche auch einen Pakt mit Indien. Nach einer Studie des Korea-Instituts für internationale Wirtschaftspolitik könnte die Vereinbarung das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern verdoppeln und Südkoreas Bruttoinlandsprodukt um jährlich 750 Millionen Euro erhöhen. All diese Vereinbarungen haben auch das Ziel, die traditionelle Abhängigkeit von den Exportmärkten USA und Europa zu verringern – und den asiatischen Wachstumsmotor künftig zunehmend auch mit asiatischem Treibstoff betanken zu können.

Bernhard Bartsch | 14. November 2009 um 18:04 Uhr

 

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