Bernhard Bartsch

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Wachsende Spannungen in Tibet

Die Tibeter feiern ihr Neujahrsfest, überschattet von Selbstverbrennungen und Protesten. Doch Peking propagiert unbeirrt die real existierende Multikulti-Idylle.

Mit Tanz, Musik und Leckereien haben die Tibeter am Mittwoch ihr neues Jahr gefeiert, dankbar für das gute Leben, das ihnen die Kommunistische Partei beschert hat, und zuversichtlich, dass sie – Hand in Hand mit ihren chinesischen Landsleuten – eine rosige Zukunft vor sich haben. So ist jedenfalls das Bild, das Chinas Staatsfernsehen in zahlreichen Sondersendungen inszenierte. Der Glaube an die real existierende Multikulti-Idylle hat in China den Rang einer Staatsdoktrin. Wer daran zweifelt, gilt als Agent böser Mächte. Die ausgelassenen Feierlichkeiten seien der Beweis, dass die Tibeter „die reaktionären Versuche des Dalai Lama, ihr glückliches Leben zu zerstören“ abgewehrt hätten, kommentierte die offizielle Regierungswebseite tibet.cn.

Dabei deutet in Wirklichkeit vieles darauf hin, dass sich die Spannungen zwischen Tibetern und Chinesen seit Monaten zuspitzen und das traditionelle Losar-Fest in der sogenannten Autonomen Provinz Tibet alles andere als harmonisch verläuft. Augenzeugen berichten, dass die chinesischen Sicherheitskräfte ihre Präsenz in den tibetischen Gebieten in den vergangenen Wochen noch einmal verstärkt haben. Die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala hat ihre Landsleute aufgerufen, auf ihre Feierlichkeiten zu verzichten und stattdessen der rund zwanzig Mönche, Nonnen und einfachen Tibetern zu gedenken, die sich im vergangenen Jahr aus Protest gegen Pekings repressive Politik selbst in Brand gesteckt haben. Zuletzt soll sich am vergangenen Sonntag ein 18-jähriger Mönch in der von vielen Tibetern bewohnten Provinz Sichuan angezündet haben und an seinen Verletzungen gestorben sein.

Bei Protesten sollen im Januar mindestens sieben Tibeter von chinesischen Polizisten erschossen und Dutzende verwundet worden sein, berichten Exiltibeter. Chinas offizielle Nachrichtenagentur Xinhua bestätigte, dass Schüsse gefallen seien, sprach jedoch von Notwehr, nachdem „Mobs“ Polizeistationen zu stürmen versucht hätten. Der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ zufolge sollen außerdem Hunderte tibetische Pilger verhaftet worden sein, die Ende Dezember nach Indien gereist waren, um an einer buddhistischen Zeremonie unter Leitung des Dalai Lama teilzunehmen.

Unabhängige Berichte über die Situation in Tibet sind schon seit Jahren Mangelware, weil die meisten Gebiete für Ausländer gesperrt sind. Die wenigen Delegationen, die doch Zugang bekommen, haben in der Regel strikt durchchoreographierte Besichtigungsprogramme, mit denen die chinesischen Gastgeber ihre Sicht der Dinge zu vermitteln versuchen. Auch die Informationen exiltibetischer Gruppen sind mit Vorsicht zu genießen, da diese häufig aus nicht nachvollziehbaren Quellen stammen und ebenfalls mit politischer Absicht in Umlauf gebracht werden.

Doch dass die Partei auch 61 Jahre nach der Eingliederung Tibets in die Volksrepublik weit davon entfernt ist, die Himalaja-Provinz tatsächlich befriedet zu haben, ist offensichtlich. Neben der Unterdrückung freier Religionsausübung klagen viele Tibeter darüber, dass sie in ihrer eigenen Heimat Menschen zweiter Klasse geworden seien. Politische Ämter und wirtschaftlicher Einfluss liegen weitgehend in den Händen von Han-Chinesen. Zwar gibt es in der Partei liberale Kräfte, die dafür plädieren, die Tibetpolitik grundsätzlich zu überdenken. Doch wie so häufig, wenn es in China zu sozialen Spannungen kommt, haben in Tibet seit den Unruhen im Jahr 2008 die Befürworter harter Kontrolle und starker Machtdemonstrationen das Ruder in der Hand. Funktionäre, die sich zu nachgiebig gegenüber Protesten zeigten, müssten mit sofortiger Entlassung rechnen, heißt es.

 

Bernhard Bartsch | 22. Februar 2012 um 16:41 Uhr

 

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