Bernhard Bartsch

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Vorsprung durch Trägheit

Chinas Banken sind von der Finanzkrise bisher nur schwach betroffen. Ihre Rückständigkeit hat sie vor Schlimmerem bewahrt.

Vor einem Jahr rühmte sich die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), die größte Bank der Welt zu sein – nach Börsenwert. Was von diesem Maßstab zu halten ist, hat sich gezeigt: Vom Wert der meisten Geldhäuser ist nur ein Bruchteil geblieben, und auch der Aktienkurs der ICBC hat seit Anfang des Jahres um mehr als zwei Drittel nachgegeben. Doch inmitten der Trümmer der Branche stehen die chinesischen Banker noch immer recht solide da und trotzen der Krise mit vergleichsweise harmlosen Blessuren. Keine chinesische Bank ist derzeit in Existenznöten. Einige von ihnen hoffen sogar, von der Krise profitieren und international expandieren zu können. So kündigte der ICBC-Vorstand Ende November etwa Interesse an dem US-Versicherungskonzern AIG an.

Diese Woche ermutigte die chinesischen Banken außerdem, schnell neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Erstmals dürfen sich Chinas Kreditinstitute an Konsortien für Fusionen und Übernahmen beteiligen, heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Bestimmung des Pekinger Staatsrats. Riskante Beteiligungsgeschäfte sind ein Hauptgrund für die Kreditkrise in den USA. Zwar verlangt Peking von seinen Banken ein konservatives Risikomanagement. Doch wie erfolgreich Chinas Banker damit sein werden, ist unklar.

Denn die relative Krisenstabilität der chinesischen Banken ist nur bedingt ein Verdienst seiner Manager. Die chinesischen Geldhäuser sind nämlich stets gewesen, was viele westliche Konkurrenten nun in der Not ebenfalls werden: Staatsbetriebe. Drei Viertel der ICBC-Aktien ewta kontrolliert die Pekinger Regierung. Und da die Volksrepublik mit zwei Billionen Dollar über die höchsten Währungsreserven der Welt verfügt, erscheinen auch ihre Banken wie ein Fels in der Brandung. Die hohen Aktienkurse chinesischer Banken an internationalen Börsen waren stets mehr eine Wette auf die Stabilität der chinesischen Wirtschaft und Regierung als ein Vertrauensbeweis für die Banken selbst, die als äußerst instransparent gelten.

Doch in der Krise kommt den chinesischen Instituten ihre relative Rückständigkeit zugute. Da sie im Auftrag der Regierung einen Großteil ihrer Kredite an andere Staatsbetrieben vergeben und nur wenig internationales Geschäft machen, hatten sie nur wenig Gelegenheit, sich an den riskanten Deals ihrer westlichen Wettbewerber zu beteiligen. Dabei zeigten die chinesischen Banker durchaus Ambitionen, sich deren Methoden anzueignen. So musste die ICBC Mitte November eingestehen, dass auch sie 60 Millionen Dollar in drei isländische Banken investiert hatte, die sie nun abschreiben muss. Trotz der verhältnismäßig kleinen Summe stürzte die ICBC-Aktie an jenem Tag um elf Prozent ab. Dass Vertrauen der Märkte in die Fähigkeiten der chinesischen Banker scheint derzeit kaum höher als anderswo.

Bernhard Bartsch | 07. Dezember 2008 um 15:36 Uhr

 

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