Bernhard Bartsch

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Vorfahrt für China

Die Shanghaier Automesse wird zum weltgrößten Branchentreffpunkt.

Der VW-Käfer war die Ikone des deutschen Wirtschaftswunders – sein neuestes Nachfolgemodell wurde symbolkräftig in Shanghai enthüllt. Das Boomland China ist inzwischen der größte Automarkt der Welt und die am Dienstag eröffnete „Auto Shanghai“ mittlerweile die bedeutendste Messe der Branche. Neben VW zeigen sich auch alle anderen internationalen Hersteller bemüht, durch eindrucksvolle Premieren ein Bekenntnis zu ihrem Chinageschäft abzulegen. Fast zwei Dutzend Weltneuheiten zeigen sie in Shanghai, und mehr als 70 neue Modelle werden präsentiert. Damit ist China endgültig zur großen Bühne der Autoindustrie geworden.

Zwar hat sich das Wachstum des chinesischen Automarktes in den ersten drei Monaten deutlich verlangsamt. Der Absatz stieg mit nur noch acht Prozent, gegenüber 35 Prozent Zuwachs im Gesamtjahr 2010. Insgesamt wurden vergangenes Jahr 13 Millionen Autos verkauft. Nach dem Boom der vergangenen Jahre ist offensichtlich eine gewisse Sättigung eingetreten. Einige Städte beschränken mittlerweile die Zahl der Neuzulassungen, um ihrer Verkehrsprobleme Herr zu werden. Außerdem sind seit Jahresbeginn einige Subventionen, die Chinas Regierung vor zweieinhalb Jahren im Zusammenhang mit ihrem Konjunkturpaket eingeführt hatte, weggefallen. Nichtsdestotrotz ist China noch immer der mit Abstand wichtigste Wachstumsmarkt der Branche.

Allein Marktführer Volkswagen verkaufte in der Volksrepublik 2010 fast zwei Millionen Autos. Im Jahr 2015 sollen es bereits drei Millionen sein. Vor allem die Hersteller von Oberklassefahrzeugen sehen die Situation weiterhin rosig. „Der Premiummarkt wird weiter schneller als der Gesamtmarkt wachsen“, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche, der für dieses Jahr in China ein Absatzplus von mehr als 20 Prozent erwartet. BMW-Vertriebsvorstand Ian Robertson erklärte, er rechne in China ebenfalls mit einem „starken zweistelligen Wachstum“. Die Münchner setzten im ersten Quartal mit 58 500 Wagen 71 Prozent mehr Autos ab als im Vorjahreszeitraum. Um den chinesischen Kundenwünschen besser gerecht zu werden, will BMW noch dieses Jahr in Shanghai ein eigenes Design-Zentrum gründen, kündigte Robertson an.

Auch der dritte große deutsche Premiumhersteller, die VW-Tochter Audi, die in China das Oberklassesegment anführt, sieht weiterhin gute Absatzmöglichkeiten. Die Marke rechnet mit einem Zuwachs von 25 bis 30 Prozent. In den nächsten drei Jahren erwarten die Ingolstädter in China einen Absatz von einer Million Autos, so viel wie in den vergangenen 23 Jahren zusammen. Als Weltpremiere stellte Audi in Shanghai den kleinen Geländewagen Q3 vor, der zunächst in Spanien und dann in China gefertigt werden soll.

Neben ehrgeizigen Absatzzielen ist das zweite große Thema der Messe die E-Mobilität. Das Ministerium für Forschung und Wissenschaft, das von dem früheren Audi-Fahrzeugentwickler Wan Gang geleitet wird, möchte China zum ersten Land machen, in dem Elektroautos der kommerzielle Durchbruch gelingt. Dass sowohl die Mineralölkonzerne als auch die Stromversorgung in staatlicher Hand sind, dürfte beim Aufbau der nötigen Infrastruktur ein entscheidender Vorteil sein. Außerdem können E-Mobile mit üppiger staatlicher Förderung rechnen. Die Dynamik auf dem Heimatmarkt soll dazu führen, dass die Volksrepublik zum führenden Exportland für E-Autos wird. Viele ausländische Hersteller scheinen damit zu rechnen, dass die Strategie aufgeht, und suchen deshalb Kooperationen mit chinesischen Partnern. BMW kündigte in Shanghai an, 2013 in seinem Gemeinschaftsunternehmen im nordostchinesischen Changchun mit der Produktion einer Plugin-Hybrid-Version der 5er-Reihe zu beginnen. Daimler kooperiert bereits mit dem Autobauer BYD.

Bernhard Bartsch | 19. April 2011 um 17:02 Uhr

 

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