Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Von Papas Gnaden

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un erhofft sich von seinem Atomtest eine bessere Verhandlungsbasis mit den USA.

Pjöngjang Wirklich ernst hat die Welt Kim Jong-un bisher nicht genommen. In der internationalen Presse tauchte Nordkoreas 30-jähriger Jungdiktator bisher vor allem als politischer Paradiesvogel auf: Man belächelte seine Statur und Frisur, amüsierte sich über seine Vorliebe für Vergnügungsparks und Mickey Mouse, und freute sich über Bilder seiner eleganten Frau, mit der er so verliebt wirkte. Einen altstalinistischen Tyrannen stellt man sich anders vor.

Seit Dienstag scheint jedoch klar, dass Kim Jong-un nicht der erhoffte Reformer ist, der Nordkorea aus der Isolation und Armut führen will, sondern vor allem der Sohn seines 2011 verstorbenen Vaters Kim Jong-il, der Atombomben zur wichtigsten Stütze des Regimes machte. Um 11:57 Uhr Ortszeit (4:57 Uhr MEZ) ließ Kim in einem Bergstollen im Nordosten des Landes Nordkoreas dritten Atomtest durchführen. Nach Angaben der offiziellen Nachrichtenagentur KCNA soll es sich um einen miniaturisierten Sprengsatz gehandelt haben, ein Zeichen dafür, dass Nordkorea einen Sprengkopf zu entwickeln versucht, der sich auf eine Rakete montieren lässt. Pjöngjangs Bedrohungspotenzial nimmt damit zu. Im Dezember hatte Kim erfolgreich eine Interkontinentalrakete testen lassen, die eine Reichweite von 10 000 Kilometern haben soll und Ziele in Nordamerika, Asien und Europa unter Beschuss nehmen könnte.

Mit dem Test scheint Nordkorea insbesondere die Aufmerksamkeit der USA erregen zu wollen. Offenbar erhofft man sich in Pjöngjang neue Verhandlungen über Sicherheitszugeständnisse und Hilfslieferungen. Schon im Januar hatte Nordkorea erklärt, auf Washingtons Feindseligkeit mit einem neuen Atomtest reagieren zu wollen. Dass Kim seine Ankündigung ausgerechnet am Vorabend der „State of the Union“-Rede umsetzte, in der US-Präsident Barack Obama angeblich einen deutlichen Abbau des amerikanischen Atomarsenals ankündigen will, ist sicher kein Zufall. An die Meldung des erfolgreichen Tests schloss Pjöngjang am Dienstag prompt neue Drohungen an: Sollten die USA Nordkorea weiterhin unfreundlich gegenüberstehen, habe man „keine andere Wahl, als in einem zweiten oder dritten Schritt noch härtere Aktionen durchzuführen“, hieß es in einer Mitteilung von KCNA. „Die Rechnungen mit den USA müssen mit Macht, nicht mit Worten beglichen werden.“

Der Test löste weltweit Empörung hervor. US-Präsident Barack Obama sprach von einem „hochgradig provokativen Akt, der die Stabilität der Region gefährdet“. In Südkorea und Japan riefen die Regierungschefs ihre Sicherheitsberater zusammen. Eine offizielle Reaktion von China, Nordkoreas engstem Verbündeten, gab es zunächst nicht, da dort wegen der chinesischen Neujahrsfeier Nationalferien sind. Der UN-Sicherheitsrat kam umgehend zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle forderte, dort müssten weitere Sanktionen gegen das Regime in Pjöngjang ins Auge gefasst werden. Erst Ende Januar hatte der Sicherheitsrat als Reaktion auf den Raketentest Resolution 2087 verabschiedet. Die nach den Atomtests 2006 und 2009 verhängten Sanktionen wurden damit noch einmal verschärft.

Internationale Nuklearexperten werden in den kommenden Tagen zu ermitteln versuchen, was für ein Sprengsatz genau getestet wurde. Radioaktive Isotope in der Atmosphäre dürften Rückschlüsse darüber zulassen, ob es sich wie bei den ersten beiden Versuchen um eine Plutonium-, oder erstmals um eine Uranbombe handelt. Eine Uranbombe wäre ein Zeichen für große Fortschritte der nordkoreanischen Atomphysiker. 2010 hatte das Land Arbeiten an einem Urananreicherungsprogramm bekannt gemacht und einem US-Wissenschaftler eine Anreicherungsanlage mit tausenden Zentrifugen vorgeführt. Da Nordkorea über große Uranvorkommen verfügt, könnte es damit ein beachtliches Arsenal aufbauen. Die Plutonium-Vorräte dürften nur für zwölf bis zwanzig kleinere Bomben reichen.

Südkoreas Verteidigungsministerium geht auf Basis der von der Detonation ausgelösten Erdstöße der Stärke 4,9 auf der Richterskala davon aus, dass der getestete Sprengsatz eine Stärke von sechs bis sieben Kilotonnen gehabt habe. Zum Vergleich: Die Atombombe, die von den USA 1945 über Hiroshima abgeworfen wurde, hatte eine Sprengkraft von etwa 15 Kilotonnen.

Das politisch isolierte und wirtschaftlich desolate Nordkorea arbeitet seit den 1970ern an der Entwicklung von Atombomben. In den 1990ern begann der „Geliebte Führer“ Kim Jong-il, seine Nachbarn mit nuklearen Drohungen einzuschüchtern. So verhinderte er Einmischungen in seine internen Angelegenheiten und eine Unterwanderung seines Regimes. Gleichzeitig dienen die Bomben und Raketen der internen Propaganda – andere Erfolge kann Pjöngjang seinem Volk schließlich nicht melden. Zwar gibt es neuerdings Anzeichen, dass in Nordkorea auch über wirtschaftliche Reformen nachgedacht wird. Doch der Test vom Dienstag zeigt, dass für Kim Jong-un die Aufrechterhaltung der bestehenden Strukturen Vorrang hat.

Bernhard Bartsch | 12. Februar 2013 um 17:18 Uhr

 

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