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Von Henkern und Chirurgen

China kündigt an, künftig weniger Organe von Hinrichtungsopfern zu verpflanzen. Die guten Vorsätze sind nicht neu.

Chinesen, die sich einer Organtransplantation unterziehen, leben danach in der Regel mit dem Körperteil eines Hingerichteten. Das hat Pekings Gesundheitsministerium offiziell eingestanden – und gleichzeitig kritisiert. 65 Prozent der in der Volksrepublik verpflanzten Organe seien Exekutierten entnommen worden, berichtete am Mittwoch die Zeitung „China Daily“. Vize-Gesundheitsminister Huang Jiefu erklärte, Hinrichtungsopfer seien „definitiv keine angemessene Quelle für Organtransplantationen“ und kündigte an, Chinas „langjährige Abhängigkeit“ von Exekutionen zu beenden.

Zusammen mit dem Roten Kreuz will Peking ein landesweites Spendersystem aufbauen. Außerdem soll der illegale Organhandel gestoppt werden. „Transplantationen dürften kein Privileg der Reichen sein“, erklärte Huang. Nach einer Studie der Shanghaier Tongji-Universität haben sich in China seit 2003 gerade einmal 130 Menschen als freiwillige Spender registrieren lassen. Nach offiziellen Angaben benötigen aber jedes Jahr rund 1,5 Millionen Chinesen eine Transplantation, wegen des Mangels an Organen können nur etwa 10.000 Operationen vorgenommen werden.

Dass bei zwei Drittel der Eingriffe auf Körperteile von Exekutierten zurückgegriffen wird, legt nahe, dass internationale Menschenrechtsorganisationen mit ihren Schätzungen über Chinas Hinrichtungsstatistiken weitgehend richtig liegen. Amnesty International geht davon aus, dass in der Volksrepublik vergangenes Jahr 1.718 Menschen exekutiert wurden. Das Land sei „für über 70 Prozent aller weltweiten Hinrichtungen verantwortlich, die Dunkelziffer lag vermutlich um ein Vielfaches höher”, hieß es vergangenen März in einem Bericht. Die auf China spezialisierte US-Organisation Duihua geht für das Jahr 2007 sogar von 5.000 bis 6.000 Hinrichtungen aus. In China können 68 Delikte – darunter auch gewaltlose Straftaten wie Steuerhinterziehung –mit dem Tode bestraft werden. Die Hinrichtung erfolgt in der Regel durch einen Schuss in den Hinterkopf oder gelegentlich auch durch die Giftspritze. Peking macht selbst keine Angaben zur Zahl der Hinrichtungen. Allerdings kündigen ranghohe Justizbeamte seit Jahren an, die Todesstrafe künftig deutlich seltener zu vollstrecken – was sich ohne offizielle Statistiken jedoch nicht überprüfen lässt.

Seit Jahren erheben Kritiker den Vorwurf, in China richteten sich Hinrichtungstermine oft nach Operationszeitplänen. Zwar wird dies in Peking bestritten. Doch erst Mitte August hatte das Gesundheitsministerium eingestanden, dass der illegale Handel mit Organen in China blühe und Körperteile auch in großem Stil an Ausländer verkauft würden. Unter anderem hätten sich zuletzt 17 Japaner Nieren oder Lebern einpflanzen lassen und dafür umgerechnet 62.000 Euro pro Stück bezahlt. Von den landesweit 164 Krankenhäusern, die Transplantationen vornehmen dürfen, hätten sich 16 nicht an die Richtlinien gehalten, hieß es.

Auffällig abwesend ist in Chinas Berichterstattung jeglicher Hinweis darauf, dass Peking schon seit Jahren verspricht, den illegalen Organhandel zu stoppen – offenbar ohne allzu großen Erfolg. Bereits im Oktober 2007 beschloss der Staatsrat ein Gesetz, wonach nur noch Organe freiwilliger Spender verwendet werden dürften. Vize-Gesundheitsminister Huang sprach schon damals von einem „Meilenstein“, mit dem China sich den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anschließe. Allerdings erklärte Huang auch freimütig, dass die Organe von Exekutierten durchaus als freiwillige Spenden angesehen werden könnten. „Wenn einige Kriminelle sich bewusst werden, das sie der Gesellschaft geschadet haben und das wieder gutmachen wollen, indem sie nach ihrem Tod ihre Organe spenden, sollte man das ermutigen, nicht ablehnen,“ schrieb er damals in einem Beitrag für das internationale Fachmagazin „Liver Transplantation“.

Bernhard Bartsch | 27. August 2009 um 02:40 Uhr

 

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