Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Von der Werkbank zur Weltbank

Das Entwicklungsland China wird zum internationalen Großinvestor. Staatsunternehmen kaufen alles – von Ölfeldern über Banken bis zu Weingütern. In Zeiten der Krise ist China ein Land mit gewaltigen Geldreserven und soll den Industrieländern zu Hilfe eilen. Doch das hat seinen Preis.

Für einen Fondsmanager, der 200 Milliarden Dollar verwaltet, erscheint das Gehalt von Lou Jiweis sehr bescheiden. 10 000 Yuan verdient er im Monat, rund 1000 Euro, so schreibt es die Einkommenstabelle für den Rang eines chinesischen Vizeministers vor. Eine Reihe von Vergünstigungen werden ihm immerhin zugestanden: eine geräumige Wohnung im Pekinger Stadtzentrum etwa, ein Dienstwagen mit Fahrer, ein stattliches Spesenbudget für Essenseinladungen und ein Anrecht auf Erste-Klasse-Flüge. Spielte Lou die Macht seines Postens voll aus, könnte er auch die eine oder andere Bestechungsmillion einstecken, was in seinen Kreisen nicht sehr ungewöhnlich wäre. Aber selbst dann wäre sein Lebensstil noch bescheiden, verglichen mit dem der Banker, Manager und Investmentberater, die täglich um seine Aufmerksamkeit buhlen. Immerhin ist der 57-jährige Karrierebürokrat eine der einflussreichsten Figuren des internationalen Finanzsystems, wenngleich auch eine der umstrittensten: Lou ist Chef des chinesischen Staatsfonds China Investment Corp. Im Auftrag der Regierung sucht er weltweit nach lukrativen Anlageobjekten. „Wenn wir ein fettes Kaninchen sehen, schießen wir darauf“, beschreibt er sein Mandat.

Die Volksrepublik verfügt über die höchsten Devisenreserven der Welt – und damit über eine gewaltige Kaufkraft. Mehr als zwei Billionen Dollar hat die Pekinger Zentralbank angehäuft, eine Folge des stetig steigenden Handelsbilanzüberschusses des Landes. Das entspricht fast zwei Dritteln der chinesischen oder deutschen Wirtschaftsleistung. Oder anders gerechnet: Chinas zwei Billionen Dollar sind rund das Dreifache des 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspakets, das die US-Regierung im Oktober für die maroden Banken aufgelegt hat – und das sie mit entsprechend hoher Neuverschuldung bezahlen muss. Es ist eine Situation, wie es sie noch nie gegeben hat: Ausgerechnet ein Entwicklungsland ist während einer globalen Wirtschaftskrise ein Land mit gewaltigen Rücklagen.

Dabei ist China noch immer bitterarm: Das durchschnittliche Jahreseinkommen in den Städten liegt bei 1300 Euro, auf dem Land sind es sogar nur 380 Euro. Außerdem bremst die globale Konjunkturflaute auch in China das Wachstum, vor allem die Exportwirtschaft leidet. Aber anders als in den meisten Ländern sind die Chancen, die sprichwörtlich in jeder Krise stecken, in China deutlich zu erkennen. „Keiner kann heute sagen, wie die Finanzordnung der Zukunft aussehen wird“, sagt der chinesische Ökonom Ding Xueliang, der die Regierung in strategischen Fragen berät. „Die Wahrscheinlichkeit, dass China nach der Krise stärker dastehen wird als vorher, ist jedoch nicht gering.“

Geld regiert die Welt. Und da die Volksrepublik nie einen Zweifel daran gelassen hat, dass sie nicht nur in Wirtschaft und Wissenschaft zur Großmacht werden will, sondern auch eine politische Führungsrolle anstrebt, dürfte sie die Gelegenheit nutzen, um sich mit der Hilfe von Staatsinvestoren globalen Einfluss zu erkaufen.

Chinesische Medien wie die erzkonservative „Global Times“ schreiben die Geschichte der Finanzkrise bereits als ökonomischen Revolutionsroman: Der Westen sei den Versuchungen des übermäßigen Konsums erlegen, während die Chinesen tugendhaft sparten und am Ende als Gewinner dastünden. Dabei hat die Volksrepublik ihren Devisenreichtum in Wirklichkeit nicht strategisch zusammengespart. Vielmehr sind die hohen Summen, die in den Tresoren der Zentralbank lagern, ein Produkt des Zufalls: Sie sind das Ergebnis einer Wirtschaftsentwicklung, über die Peking weitaus weniger Kontrolle hatte, als es die offizielle Lesart wahrhaben will.

Begonnen hat alles mit jenem ideologischen Staatsstreich, bei dem Staatschef Deng Xiaoping im Dezember 1978 den Marxismus-Maoismus auf seine symbolische Funktion reduzierte und den konstitutionellen Kommunismus einführte. Der Klassenkampf wich dem Slogan von der „Öffnungs- und Reformpolitik“. Seither lockt China ausländische Unternehmen ins Land – und diktiert dabei die Bedingungen. Um ihre Fabriken aufzubauen und Waren zu bezahlen, müssen die Ausländer bis heute ihre Devisen in chinesische Renminbi umtauschen. Dabei füllten sie nach und nach die Tresore der Zentralbank mit US-Dollar, D-Mark und Pfund. Dieses Geld stellte die Zentralbank wiederum den staatlichen Importeuren zur Verfügung.

Doch ab Mitte der neunziger Jahre übertrafen die Ausfuhren die Einfuhren, wodurch sich ein jährlich wachsender Devisen-berg auftürmte. Der Regierung galt er als Macht- und Kompetenzbeweis. Und um ihn zu schützen, wählte sie die konservativste aller Anlageformen: US-Staatsanleihen. Eher unbeabsichtigt wurde China so zu einem der größten Gläubiger der USA. „Als armes Land war China sehr stolz auf sein Wohlstandspolster“, sagt der Ökonom Ding. „Dabei war der Regierung gar nicht bewusst, wie sehr ihr die Fähigkeiten fehlten, diese Geldmengen besser einzusetzen.“

Zwar stellte sie immer wieder größere Summen bereit, um Rohstoffe zu kaufen, Technik zu erwerben oder chinesischen Unternehmen den Weg zur Expansion auf dem Weltmarkt zu ebnen. Doch erst als das Ersparte im Herbst 2006 die Marke von einer Billion Dollar durchschlug, begannen die Pekinger Planer nach Möglichkeiten zu suchen, ihr Geld in lukrativen Projekten anzulegen.

So gründete die Volksrepublik nach dem Vorbild Singapurs einen Staatsfonds, den der Beamte Lou heute verwaltet. Seitdem wachsen Chinas internationale Investitionen. Nach einer Schätzung von Goldman Sachs überwies China 2005 rund zehn Milliarden Dollar ins Ausland, 2006 waren es 21 Milliarden Dollar, 2007 rund 30 Milliarden Dollar. Dieses Jahr dürften sich die Beträge sogar verdoppeln, nachdem chinesische Unternehmen bei traditionellen Firmen eingestiegen sind. So erwarb Lou im Dezember 2007 knapp zehn Prozent am US-Bankhaus Morgan Stanley zum Preis von 5,5 Milliarden Dollar. Zwei Monate später schlug er wieder zu und kaufte zusammen mit dem Aluminiumkonzern Chinalco und einem weiteren Partner zwölf Prozent am australisch-britischen Bergbauunternehmen Rio Tinto. Damit verhinderten die Chinesen, dass Rio Tinto in die Hände des Konkurrenten BH P Billiton fiel – ein strategischer Schachzug: Als weltgrößter Erzkäufer wollte die Volksrepublik mit allen Mitteln verhindern, dass sich in dieser Branche ein Monopol bildet.

Es sind aber nicht nur ökonomische Überlegungen, von denen Lou sich leiten lässt. Denn längst setzt China sein angesammeltes Geld auch für politische Zwecke ein. Mit gezielten Geldspritzen gelingt es der Pekinger Regierung, dem als abtrünnige Provinz betrachteten Inselstaat Taiwan nach und nach die letzten Verbündeten abzuwerben. So gewährte die Regierung im Januar Costa Rica einen Kredit in Höhe von 150 Millionen Dollar. Im Gegenzug zog das mittelamerikanische Land seine Diplomaten aus Taipeh ab. Und im Oktober sicherte Chinas Präsident Hu Jintao dem bankrotten Nachbarn Pakistan weitgehende finanzielle Unterstützung zu – um den politischen Einfluss der USA in der Region zu schmälern.

Auch in anderen Teilen der Welt versucht China, dem politischen und ökonomischen Einfluss des Westens Grenzen zu setzen. Besonders die Rohstoffe in Afrika haben die chinesischen Planer dabei im Visier. Nach offiziellen Angaben haben sich chinesische Unternehmen dort für sechs Milliarden Dollar die Nutzungsrechte an Erzminen und Erdölfeldern gesichert; inoffizielle Schätzungen liegen bei einem Vielfachen. Afrikanische Regierungen freuen sich über die chinesischen Gesandten, weil diese nicht nur mit Bargeld bezahlen, sondern auch gleich Aufbauleistungen bieten. So errichtet die Volksrepublik Straßen, Eisenbahnlinien, Pipelines, Hafenanlagen und Kraftwerke – meist mit eigenen Arbeitern.

Dank der Finanzkrise kann China seinen Einfluss elegant ausbauen – als Retter in der Not

750 000 Chinesen leben inzwischen in Afrika, 900 chinesische Firmen operieren dort. Rund ein Drittel seines Erdöls bezieht China bereits aus Afrika. Das Handelsvolumen zwischen China und dem Kontinent lag 2007 bei 73 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der Handel zwischen der gesamten Europäischen Union und Afrika brachte es zur selben Zeit auf ein Volumen von 200 Milliarden Dollar.

Vollkommen kalt lässt es dabei die chinesische Regierung, dass der Westen Länder wie den Sudan oder Simbabwe aus guten Gründen boykottiert. Und unbeeindruckt versorgt Peking Diktatoren im Tausch gegen Rohstoffe mit Waffen. Auch im UN-Sicherheitsrat können sich Tyrannen der Rückendeckung aus Peking sicher sein, wenn Sanktionen gegen ihre Länder verhandelt werden. Derlei diplomatische Alleingänge betreibt China auch, wenn es um den Iran geht. Nach Angaben des American Enterprise Institute hat die Volksrepublik seit dem Jahr 2000 mehr als 100 Milliarden Dollar in den Mullah-Staat, der nach der Atombombe strebt, investiert; 96 Prozent davon flossen allein in die Rohstoffproduktion.

Obwohl derartige Projekte die Politik westlicher Staaten unterwandern, ist China darauf bedacht, nicht allzu aggressiv als Konkurrent aufzutreten. Zwar ließ sich Peking von Investmentbanken schon einmal Konzepte für die feindliche Übernahme von multinationalen Unternehmen erstellen, darunter Volkswagen und den ehemaligen DaimlerChrysler-Konzern. Einen ernsthaften Versuch, solche Pläne durchzuziehen, gab es bisher allerdings noch nicht. Denn eines wollen die Pekinger Strategen mit aller Macht vermeiden: sich den Ruf international tätiger Raubritter einzuhandeln.

Denn die Chinesen wissen längst, dass sie nicht überall willkommene Geschäftspartner sind und dass ihr Aufstieg von vielen im Westen als Bedrohung wahrgenommen wird. Im Dezember 2007 veröffentlichte die Assekuranz Sinosure, die chinesische Auslandsinvestitionen absichert, eine Studie, wonach die Risiken der Engagements um 30 Prozent gestiegen seien. Neben unsicherer Finanzierung und dem hohen Ölpreis gehörten vor allem auch zunehmende antichinesische Ressentiments und wirtschaftlicher Protektionismus zu den neuen Problemen.

Doch die Finanzkrise bietet der chinesischen Regierung nun eine elegante Möglichkeit, ihren internationalen Einfluss auszubauen – und dabei auch demonstrativ globale Verantwortung zu übernehmen. In Washington, London, Tokio und Berlin, von wo aus noch jährlich Fördergelder in die Volksrepublik überwiesen werden, entsteht derzeit die Hoffnung, die Chinesen könnten dem Rest der Welt aus der Misere helfen. Der scheidende US-Finanzminister Henry Paulson, bisher ein harscher Kritiker der chinesischen Wirtschaftspolitik, bat Peking bereits, durch den Kauf von Staatsanleihen einen Teil seines 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspakets für die Wall Street zu finanzieren. Großbritanniens Premierminister Gordon Brown und sein japani scher Amtskollege Taro Aso wurden etwas direkter und forderten die Chinesen im Oktober auf, einen Teil ihrer Devisenreserven dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Krisenbekämpfung zur Verfügung zu stellen. „Die Länder mit hohen Ersparnissen müssen jetzt die Hauptlast tragen“, sagte Brown.

Etwas behutsamer ging Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, als sie im Oktober in Peking höflich anfragte, welche Rolle China sich künftig im IWF wünschen würde. Das dürfte schon eher nach dem Geschmack der Pekinger Planer gewesen sein. Denn sollten sie die internationalen Stabilisierungsinstitutionen unterstützen, dann gewiss nur um den Preis, dass Amerikaner und Europäer ihnen dort mehr Kontrolle überlassen. Hilfe gibt es nicht zum Nulltarif.

brand eins 12/2008

Bernhard Bartsch | 01. Dezember 2008 um 03:31 Uhr

 

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