Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Von Aufklärung keine Spur

Die „Kunst der Aufklärung“ im Pekinger Nationalmuseum sollte ein Zeichen deutsch-chinesischer Freundschaft werden. Nun ist sie ein diplomatischer Problemfall.

Wer aufgeklärt werden will, muss Zeit mitbringen. Anderthalb Stunden stehen die Besucher an diesem Morgen Schlange, um in Pekings Nationalmuseum zu gelangen. Beim Warten können sie über den Platz des Himmlischen Friedens schauen. Am Eingang herrschen Sicherheitsvorkehrungen wie am Flughafen. Der Eintritt ist kostenlos.

Die Ausstellung, deretwegen die Massen anstehen, ist keineswegs die „Kunst der Aufklärung“, jene 600 Werke umfassende Gemeinschaftsschau der Staatlichen Museen zu Berlin, Dresden und München, die am 1. April von Außenminister Guido Westerwelle eröffnet wurde und den deutschen Steuerzahler zehn Millionen Euro kostet. Die Besucher kommen für ein Aufklärungsprojekt der anderen Art: „Der Weg zur neuen Blüte“ heißt die vom Propagandaministerium entworfene patriotische Erziehungsmaßnahme, durch die täglich tausende Chinesen geschleust werden.

Ein Best-of volksrepublikanischer Selbstüberhöhung soll die Liebe zur Kommunistischen Partei festigen und das Misstrauen gegenüber dem Ausland schüren. „Mutterland, ich bin stolz auf dich!“, schreibt ein Besucher beseelt ins Gästebuch. Ein Sechstklässler strahlt: „China ist eine so großartige Nation.“

In diesem Umfeld absolutistischer Herrschaftslegitimation wollen die Deutschen also die Werte der europäischen Aufklärung vermitteln. Doch das Nationalmuseum scheint derzeit alles zu tun, um die deutsche Gastschau totzuschweigen: Weder vor dem Gebäude noch im Foyer findet sich auch nur der kleinste Hinweis auf die „Kunst der Aufklärung“. Die chinesischen Ausstellungen werden dagegen aktiv beworben. Auch auf der Internetseite des Museums muss man erst nach unten scrollen, um einen kleinen Link zu entdecken.

„Die deutsche Veranstaltung ist eigentlich keine richtige Ausstellung, sondern ein kommerzielles Projekt, für das die Deutschen bei uns einen Raum gemietet haben“, erklärt die Frau am Informationsstand und weist den Weg in den zweiten Stock. So also wird Besuchern ein seit sieben Jahren geplantes deutsch-chinesisches Gemeinschaftsprojekt unter der Schirmherrschaft der beiden Präsidenten schmackhaft gemacht. Auch im zweiten Stock muss der Besucher mehrfach fragen, bevor er plötzlich vor einem klapprigen Aufsteller mit Gottlieb Schicks berühmtem Bild von „Heinrike Dannecker“ steht, auf dem groß „Eintritt 30 Yuan“ steht.

Es ist die einzige Ausstellung im Nationalmuseum, für die Besucher bezahlen müssen, und die umgerechnet 3,20 Euro sind für chinesische Verhältnisse keineswegs billig (eine Flasche Wasser im Museumsladen kostet nur 3 Yuan). Wer einen Audioguide benutzen möchte, muss den langen Weg zurück ins Foyer antreten und dort noch einmal 30 Yuan bezahlen. Der Besuch ist entsprechend spärlich. „Es kommen bis zu tausend Leute am Tag“, sagt die Frau an der Kasse. Im Vorfeld hatte das Museum den Deutschen täglich mehrere zehntausend Besucher angekündigt, an Spitzentagen bis zu 100 000.

Für das Nationalmuseum wäre es ein leichtes, die Besuchergruppen auch durch die „Aufklärung“ zu führen und auf den Eintritt zu verzichten, der ohnehin nicht auf Wunsch der Deutschen erhoben wird. Doch offensichtlich ist die chinesische Seite derzeit nicht bereit, die Ausstellung zu einem Erfolg zu machen. Zusagen werden nicht eingehalten. So hatten die deutschen Organisatoren noch Ende März berichtet, dass ein Bild von „Heinrike Dannecker“ groß vor dem Museum für die Schau werben werde. Davon ist jetzt keine Rede mehr.

Die Versäumnisse sind deutlich mehr als Anfangsschwierigkeiten. Was als deutsch-chinesische Freundschaftsgeste gedacht war, ist längst ein diplomatischer Problemfall, bei dem beide Seiten einander böse sind. Die Deutschen fühlen sich von den Chinesen vorgeführt: Erst wurde Mitorganisator Tilman Spengler das Visum verweigert, dann wurde unmittelbar nach der Eröffnungsfeier der Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei verhaftet. Doch auch die Chinesen fühlen sich düpiert: Dass einige deutsche Politiker und Medien fordern, die Ausstellung müsse als Reaktion auf Ais Verhaftung abgezogen werden, sorgt im Pekinger Kulturministerium sowie beim Nationalmuseum für Trotzreaktionen. Dass nicht jeder deutsche Parlamentarier oder Feuilletonist für die Regierung spricht, ist in einem Land mit Einparteiensystem und straff geführtem Propagandaapparat schwer einsichtig.

Um die Probleme zu beheben, hat das Museumstriumvirat nun einen Vertreter nach China geschickt, der mit dem Nationalmuseum verhandeln soll. Für die Ausstellungsmacher steht viel auf dem Spiel. Vor allem der Dresdner Museumsdirektor Martin Roth, Hauptinitiator der Schau, hatte vor der Ausstellung für die Kooperation mit Chinas wichtigstem Museum geworben. Skeptiker, die damals rieten, mit einem weniger politisch exponierten Museum zu kooperieren, mussten sich Ahnungslosigkeit vorwerfen lassen. Doch nun fällt es den Organisatoren zunehmend schwer, den Vorwurf zu entkräften, naiv und überehrgeizig gehandelt zu haben.

Wie es weitergehen soll, ist offen – weder die deutschen Museen noch das Pekinger Nationalmuseum wollten sich öffentlich äußern. Die Aufklärung lässt auf sich warten.

Bernhard Bartsch | 20. April 2011 um 09:01 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. thomas

    22. April 2011 um 07:19

    Lieber Bernhard,

    zu diesem Thema auch ein interessanter Beitrag auf:

    http://www.de-cn.net/dis/auf/de7510787.htm

    Gruss aus Chongqing von Sebastian