Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Verschlankte Bedürfnisse

Mit klemmenden Gaspedalen hat Toyota hat seinen Ruf als zuverlässigste Automarke der Welt ruiniert. Wie konnte das passieren? Eine Spurensuche in Toyota City.

Der Griff zur Reißleine ist alltägliche Routine. In weiten Schlaufen hängt das gelbe Seil über den Köpfen der Arbeiter, die mit Akkuschraubern im Sekundentakt um die halbfertigen Autos springen. Immer wieder greift einer über sich und bringt mit einem Ruck das Fließband zum Stehen. Dann kommt ein Vorarbeiter angerannt, zieht eine Schraube nach oder befestigt ein Kabel und lässt das Band meist schon wenige Momente später mit einem weiteren Ruck am Seil weiterlaufen. „Probleme werden bei Toyota sofort gelöst, damit kein Auto fehlerhaft zum nächsten Produktionsschritt geht“, erklärt die junge PR-Dame, die den Journalisten an diesem Morgen durch das Stammwerk Tsutsumi im japanischen Firmensitz Toyota City führt, wo unter anderem das Vorzeigemodell Prius montiert wird. „Das Ziel heißt null Fehler“, sagt die Toyota-Sprecherin und lächelt so selbstverständlich, als habe sie seit Wochen keine Zeitung gelesen.

Dabei diskutieren die Menschen in Toyota City derzeit nichts aufgeregter als die Frage, warum das Management des weltgrößten Autokonzerns über Jahre nicht schaffte, was seine Arbeiter täglich tun: die Reißleine ziehen. Weil Berichte über klemmende Gaspedale und andere Defekte lange ignoriert wurden, muss Toyota nun auf einen Schlag 8,5 Millionen Fahrzeuge zurückrufen – und die Verantwortung für mindestens fünf Unfalltote übernehmen. Das mühsam aufgebaute Image der Nullfehlerproduktion ist unter die Räder gekommen, der Börsenwert seit Ende Januar um mehr als ein Fünftel gefallen. „Wir sind alle völlig schockiert“, sagt ein Angestellter aus Toyotas Entwicklungszentrum, einem nüchternen Zweckbau, in dem über 10.000 Ingenieure arbeiten. „Im Moment kann noch keiner abschätzen, wie schwer die Folgen für Toyota sein werden, aber wir rechnen mit dem Schlimmsten.“

Zur Schadensbegrenzung stellte sich der öffentlichkeitsscheue Firmenchef Akio Toyoda am Mittwoch einer Befragung im US-Kongress. Die USA sind Toyotas wichtigster Markt und sowohl der amerikanische Präsident Barack Obama als auch Verkehrsminister Ray LaHood haben Toyota scharf kritisiert – wohl nicht zuletzt in der Hoffnung, Amerikas gebeutelte Autoindustrie könnte vom Patzer des Weltmarktführers profitieren. „Weder ich noch Toyota sind perfekt“, bekannte Toyoda kleinlaut. Mit seiner aggressiven Expansion habe sich das Unternehmen übernommen und seine Firmenphilosophie der ständigen Verbesserung aus den Augen verloren. „Das tut mir sehr leid“, erklärte der 53-Jährige und kündigte an, mit einer Qualitätsoffensive und einem Frühwarnsystem für Kundenbeschwerden das Vertrauen in die Marke wiederherzustellen. „Wie Sie wissen, bin ich der Enkel des Gründers und alle Toyota-Fahrzeuge tragen meinen Namen“, demonstrierte Toyoda persönliches Verantwortungsgefühl, obwohl der Firmenname wegen des schöneren Klangs und Schriftbilds schon seit 1937 „Toyota“ ist. „Wenn eines unserer Autos Schaden erleidet, ist es für mich, als erlitte ich selbst Schaden.“

Den Schaden haben auch die Bewohner der Stadt, die den Namen ihres wichtigsten Arbeitgebers trägt – und in der man schon seit Jahrzehnten das Gefühl hat, dass Toyota nicht mehr ist, was es einmal war. 410.000 Menschen leben heute in Toyota City, 300 Kilometer südwestlich von der Hauptstadt Tokio. 200.000 von ihnen arbeiten in der Autoindustrie, 30.000 davon direkt bei Toyota, der Rest bei Toyotas Zulieferern, Werkzeugherstellern und anderen Dienstleistern. Deren Zahl geht in die Hunderte. Auch die örtliche Verwaltung ist vollständig von Toyota abhängig: In guten Jahren konnte sie sich Luxus wie ein Baseballstadion mit 40.000 Sitzen leisten, doch als Toyota 2009 aufgrund der Wirtschaftskrise erstmals einen Nettoverlust ausweisen musste, schrumpften die lokalen Steuereinnahmen von umgerechnet 335 Millionen Euro im Jahr auf 13 Millionen, und die Stadtväter mussten um Geld aus den staatlichen Konjunkturpaketen betteln. „Wenn Toyota niest, wird die ganze Stadt krank“, lautet ein Sprichwort in Toyota City. Nun fürchten die Bewohner, dass sie sich mit ihrem Konjunkturmonopolisten ein chronisches Leiden zugezogen haben könnten.

Dabei hat Toyota City seine goldenen Zeiten schon lange vor der Finanzkrise gehabt – wenn es hier denn je goldene Zeiten gab. Denn dass die Stadt die Heimat eines Weltkonzerns ist, hat ihr zwar über Jahrzehnte eine stabile Wirtschaftsgrundlage beschert, aber wenig Glamour. Über Kilometer wechseln sich kleine Ein- und Zweifamilienhäuser mit Fabrikhallen und Reisfeldern ab. Wer bunte Einkaufszonen und Amüsiermeilen sucht, muss ins 30 Kilometer entfernte Nagoya fahren, das lokale Angebot besteht aus Flipperhallen, Schnellrestaurants, Massagesalons und Nachtclubs mit Namen wie „Second Love“. In den Geschäften hängen Kalender, die die Schichten und Schließungszeiten der Autofabrik anzeigen – alles öffentliche Leben richtet sich nach Toyota. Es ist eine Stadt, die zu ihrem Arbeitgeber passt: effizient, sparsam, verschwendungsbewusst, ein Ort der verschlankten Bedürfnisse.

Das war schon immer so. Seit der Gründung der Autostadt Toyota City im Jahr 1959 in einer Region, die früher von der Landwirtschaft und der Seidenindustrie lebte, ist Toyota mehr als ein Arbeitgeber geworden. Um zu den etablierten Autoherstellern aus Europa und den USA aufschließen zu können, entwickelte der Konzern eine einmalige Unternehmenskultur. Alle Mitarbeiter wurden darauf getrimmt, ständig Möglichkeiten zur Verbesserung, Einsparung und Fehlervermeidung zu entdecken. Jeder Prozess sollte optimiert werden. Der Perfektionierungsdrang ging so weit, dass sogar das Laufen auf dem Firmengelände geregelt wurde: An Abzweigungen mussten die Mitarbeiter anhalten, links, rechts und geradeaus schauen und erst weitergehen, wenn keine Behinderungen zu sehen waren. Auch privat mussten sie strenge Bestimmungen beachten: Wer die Stadt verließ, hatte sein Ziel anzumelden, nebst geplanten Zwischenstopps. Manche nannten Toyotas Manager deshalb totalitär, andere fanden sie väterlich. Schließlich hat eine strenge, paternalistische Führung in Japan Tradition, und das Unternehmen war seinen Angestellten so treu wie diese ihm. Entlassungen gab es bei Toyota nicht.

Doch mit Toyotas Erfolg änderten sich auch die Strukturen. Je mehr die Japaner exportierten, umso mehr sahen sie sich gezwungen, im Ausland zu produzieren. 1984 eröffnete Toyota in Kalifornien sein erstes US-Werk und entdeckte, dass sein ausgeklügelter Produktionsprozess auch ohne Japaner funktionierte. Die Folgen bekamen bald auch die Bewohner von Toyota City zu spüren. Hatten sie lange in Anlehnung an den alten Stadtnamen gewitzelt, dass ihr Unternehmen „nicht kosmopolitisch, sondern koromo-politisch“ sei, seinen Erfolg also seiner ergebenen lokalen Arbeiterschaft verdanke, so begann die Bedeutung des Heimatortes nun zu sinken. Von seinen weltweit 54 Werken betreibt Toyota heute nur noch zwölf in Japan. Als 1989 die kühnsten Träume des japanischen Wirtschaftswunders zerplatzten, war es auch mit Toyotas Väterlichkeit vorbei. Tausende Jobs in Toyota City wurden an Leiharbeiter vergeben, die bei einer Krise schneller entlassen werden konnten.

Seit der Finanzkrise stehen viele der neu gebauten Wohnheime wieder leer. Altgediente Toyota-Mitarbeiter sehen darin einen Verrat an den alten Firmenwerten, und sie wundern sich, dass das Management nichts dagegen tut. Dabei sind die Folgen im Stadtbild unübersehbar. „Vor ein paar Jahrzehnten sah man hier auf den Straßen nur Toyotas“, sagt ein Verkäufer des Toyota-Händlers Netz. „Und schauen sie jetzt!“ Beim benachbarten Volkswagenhändler lädt ein Sattelschlepper gerade sechs fabrikneue Wagen ab, während bei Netz weder die Pappmaschee-Giraffen auf dem Hof noch die gesenkten Preise Kunden anziehen können. Auf den Straßen sind Toyota noch in der Mehrheit, aber Honda und Mazda holen schnell auf. Selbst im Parkhaus der Firmenzentrale stehen Audi, BMW, Mercedes und Porsche.

„Natürlich wissen die Menschen hier, was sie Toyota verdanken“, sagt der Händler. Aber weiß Toyota noch, was es seiner Stadt verdankt? Bei Toyota will man dazu nichts sagen. „Es tut mir alles so leid“, meint die junge PR-Dame beim Fabrikrundgang, kichert verlegen, verbeugt sich leicht und läuft schnell weg, um bloß nicht noch eine Frage gestellt zu bekommen. Und dann fängt sie wieder an zu reden: Das Werk Tsutsumi sei derzeit wieder voll ausgelastet und produziere jeden Tag 2000 Fahrzeuge, rezitiert sie und zeigt auf ein Spruchband, dem dieser Erfolg zu verdanken sei: „Besseres Denken, bessere Produkte.“ Dann ertönt ein Hupgeräusch an einem der Fließbänder: Ein Arbeiter hat mal wieder an der Reißleine gezogen.

Bernhard Bartsch | 25. Februar 2010 um 02:23 Uhr

 

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