Bernhard Bartsch

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Vermisst: Chinas nächster Präsident

Der designierte Staats- und Parteichef ist seit zehn Tagen von der Bildfläche verschwunden.

Angela Merkel ist fast die Letzte, die Xi Jinping gesehen hat. Bei ihrem Staatsbesuch in Peking traf die Bundeskanzlerin am Donnerstag vorvergangener Woche auch Chinas Vizepräsident, der in den kommenden Monaten Staats- und Parteichef Hu Jintao ablösen soll. Xi sprach über die große historische Aufgabe, China zu seiner alten Größe zurückzuführen und die Herausforderung, das richtige Maß zwischen Kontrolle durch die Kommunistische Partei und bürgerlichen Freiheiten zu finden. Es war ein Höflichkeitstermin, wenig mehr, und Merkel wünschte Xi alles Gute.

Zwei Tage später trat Xi noch einmal bei einer Feier der Zentralen Parteihochschule auf. Seitdem ist der 59-Jährige aus der Öffentlichkeit verschwunden – und in Chinas politischen Kreisen wird spekuliert, ob der Partei nach den Skandalen der vergangenen Monate womöglich noch ein weiteres Desaster ins Haus steht.

In einer für Peking höchst ungewöhnlichen Manier haben Chinas Diplomaten innerhalb weniger Tage gleich mehrere Treffen Xis mit ausländischen Delegationen abgesagt. Vergangene Woche hätte Xi US-Außenministerin Hillary Clinton sowie Singapurs Premierminister Lee Hsienlong empfangen sollen, doch beide Gespräche wurden kurzfristig gestrichen, angeblich aufgrund „normaler Terminänderungen“, wie ein Regierungssprecher versicherte.

Doch „normal“ sind derartige Absagen keineswegs, sagen ausländische Diplomaten, die mit den Gepflogenheiten des chinesischen Protokolls seit langem vertraut sind. Am vergangenen Donnerstag verschickte der Chinesische Journalistenverband dann per SMS Einladungen zu einem Treffen Xis mit der dänischen Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt am Montag. Diese ebenfalls ungewöhnliche Mitteilung wurde als Signal gesehen, dass mit Xi alles in bester Ordnung sei. Doch seitdem am Montag erneut jede Spur von Xi fehlte, brodelte es in der Gerüchteküche. Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Hong Lei sagte am Dienstag, er habe „keine Informationen“, als er zum Aufenthaltsort und Gesundheitszustand des Vizepräsidenten gefragt wurde.

Zu den harmlosesten Erklärungen gehören ein Rückenleiden oder eine Sportverletzung, die sich Xi entweder beim Schwimmen oder beim Fußballspiel mit Mitarbeitern zugezogen haben soll. Die Nachrichtenagentur Reuters will erfahren haben, Xi sei krank, aber es gebe „kein Problem“. Der „International Herald Tribune“ sagte dagegen ein Informant, Xi habe einen leichten Herzinfarkt erlitten. In anderen Medienberichten ist auch von einer Krebserkrankung die Rede. Ernsthafte Gesundheitsprobleme könnten die Machtübergabe, die beim Parteitag in den kommenden Wochen vollzogen werden sollte, grundsätzlich durcheinanderbringen.

In Internetforen kursieren allerdings noch weitaus wildere Spekulationen, unter anderem über einen als Autounfall getarnten Mordanschlag. Als Indiz werden angeblich erhöhte Sicherheitsvorkehrungen um das Pekinger Militärkrankenhaus 301 angeführt, in dem häufig Mitglieder der Führung behandelt werden. Auffällig ist auch, dass zusammen mit Xi der Chef der Parteidisziplinarkommission, He Guoqiang, von der Bildfläche verschwunden ist. Das beflügelt Gerüchte über einen möglichen Racheakt von Anhängern des im März gestürzten Chongqinger Parteichefs Bo Xilai. Auch über ein direkt aus dem Umfeld von Präsident Hu angeordnetes Mordkomplott wird gemunkelt, nachdem dessen engster Vertrauter Ling Jihua kürzlich über einen tödlichen Ferrari-Unfall seines Sohnes stürzte.

Belastbare Belege gibt es für keine dieser Thesen. Doch dass im chinesischen Internet Suchanfragen zu Xi oder zu Worten wie „Rückenschmerzen“ und „Autounfall“ blockiert sind, zeigt, dass die Regierung die Spekulationen mit Nervosität verfolgt. Die einzige offizielle Stellungnahme, zu der sich Außenamtssprecher Hong Lei bisher durchringen konnte, ist ironischerweise die Aussage, zu dem Fall sei „alles gesagt“. Nicht einmal eine Ankündigung für das Datum des seit langem erwarteten Parteitages gibt es. Beim letzten Parteitag vor fünf Jahren war der Termin schon im August bekannt. Dass die Führung diesmal zögert, scheint jedenfalls zu belegen, dass die Machtkämpfe hinter den Kulissen noch immer anhalten.

Bernhard Bartsch | 11. September 2012 um 12:32 Uhr

 

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