Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Verkohlte Aktien

Chinas Leitindex ist im August um 20 Prozent gefallen. Doch was an der Wallstreet Panik auslösen würde, macht die Chinesen nur leicht nervös.

Chinesen sehen das Börsengeschehen seit jeher sportlich. „Chao gupiao“ nennen sie ihre Aktiengeschäfte, was wörtlich „Wertpapiere braten“ heißt. Das Vorbild ist die Wok-Küche: Zutaten ins heiße Fett werfen, kurz wenden – fertig. Dass dabei gelegentlich etwas anbrennt, gilt als lästig, aber unvermeidlich.

Nun sind in China wieder einmal die Aktien verkohlt: In den vergangenen zwei Wochen hat der Shanghaier Leitindex SCI ein Fünftel seines Wertes eingebüsst. Allein am Mittwoch fiel er um 4,3 Prozent und schloss bei 2785 Punkten, so niedrig wie seit zwei Monaten nicht mehr. Zu den größten Verlierern des Tages gehörten der Broker China Everbright Securities, der nur einen Tag nach seinem Börsengang zehn Prozent einbüsste, und die China State Construction Engineering, die Ende Juli den weltgrößten Börsengang seit 15 Monaten aufs Parkett gelegt hatte und nun auf einen Schlag sieben Prozent verlor.

Zwar zog Chinas Kursrutsch am Mittwoch auch andere Börsen der Region in die Tiefe. In Tokio gab der Nikkei um 0,8 Prozent nach, der Hongkonger Hang-Seng-Index rutschte um 1,7 Prozent ab und Singapurs Leitindex verlor 1,8 Prozent. Doch ein 20-Prozent-Sturz in zwei Wochen an der Wallstreet Panik verursachen würde, verursacht er in China lediglich Nervosität. Die drei einflussreichsten chinesischen Börsenblätter zeigten sich am Mittwoch überzeugt, dass der Bullenmarkt anhalten werde. Starke Kursschwankungen seien für Chinas Aktienmärkte normal, hieß es, und immerhin sei der Leitindex gegenüber dem Jahresanfang noch immer mit mehr als 50 Prozent im Plus. Vielmehr sei die Entwicklung Zeichen, dass die Behörden derzeit nicht bereit seien, die Kurse zu stützen.

Denn die Entwicklung an Chinas Börsen wird maßgeblich von der Regierung gesteuert. Schließlich sind die Aktienmärkte in Shanghai und Shenzhen vom Ausland weitgehend abgeschottet und dienen in erster Linie als Kapitalisierungsvehikel für Staatsunternehmen. Für den überwiegenden Teil der börsennotierten Unternehmen befindet sich die Aktienmehrheit im Besitz des Staates, der damit auch über die Firmenführung entscheidet – und das nicht unbedingt nach marktwirtschaftlichen, sondern politischen Kriterien. Shareholder-value spielt an Chinas Börsen also nur eine untergeordnete Rolle. Sie sind vor allem ein Marktplatz für Minderheitsaktionäre, deren Interessen die Unternehmen zur Kenntnis nehmen können, aber nicht müssen.

Entsprechend verlassen sich Chinas Analysten seit jeher nur wenig auf die Unternehmenszahlen, die in der Regel ohnehin wenig transparent und aufschlussreich sind, und achten dafür umso mehr auf die Signale aus Peking. Die sind derzeit unklar. Seitdem die Volksrepublik wieder auf Wachstumskurs zu sein scheint, wird in der Regierung darüber diskutiert, ob es nicht an der Zeit ist, die Geldpolitik wieder zu straffen. Im ersten Halbjahr hatten Chinas Staatsbanken auf Geheiß der Regierung umgerechnet 770 Milliarden Euro verliehen – eine Rekordsumme, die rund der Hälfte des chinesischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Obwohl Peking angekündigt hat, auch weiterhin für billiges Geld zu sorgen, gilt es als wahrscheinlich, dass in der zweiten Jahreshälfte nicht noch einmal die gleiche Summe in Umlauf gebracht werden wird. Dabei hatten die Konjunkturausgaben den Börsenboom maßgeblich beflügelt. Offizielle Stellen nehmen an, dass rund 100 Milliarden Euro Staatsgelder für Spekulationen zweckentfremdet wurden. Dies möchte Peking nun stoppen – da ist es für Chinas Anleger nur rational, auf fallende Kurse zu setzen.

Bernhard Bartsch | 19. August 2009 um 22:02 Uhr

 

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