Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Vereinigte Staaten von Asien

China und die ASEAN-Staaten gründen die drittgrößte Freihandelszone der Welt. Doch die Pläne für den asiatischen Integrationsprozess gehen noch viel weiter.

Den Anfang machten die Drachenfrüchte: In den frühen Morgenstunden des ersten Tages im neuen Jahr überquerte eine Kolonne vietnamesischer Lastwagen die Grenze nach China und fuhren mit Dutzenden Tonnen des rosa-grünen Obstes auf den Großmarkt der Hafenstadt Pingxiang. Dort dokumentierten nicht nur die Händler die neue Lieferung, sondern auch ein Korps chinesischer Journalisten, die den Drachenfruchttransport als symbolischen Beginn für eine neue Ära wirtschaftlicher Zusammenarbeit auserkoren hatten: Zum Anfang des Jahres ist zwischen der Volksrepublik China und den zehn Ländern der Gemeinschaft Südostasiatischer Nationen (Asean) eine Freihandelszone in Kraft getreten.

Es ist der drittgrößte Freihandelszusammenschluss der Welt, nach der Europäischen Union und der nordamerikanischen Nafta. Im vergangenen Jahr tauschten Südostasiaten und Chinesen Waren im Wert von rund 200 Milliarden Dollar aus; zusammen mit dem Handel innerhalb der Asean beträgt das Volumen etwa 470 Milliarden Dollar. Durch die Abschaffung von Handelsbarrieren soll es von nun an noch schneller als bisher steigen.

Der weitgehend zollfreie Warenaustausch ist Teil eines asienweiten Integrationsprozesses: Seit Jahren bemühen sich die asiatischen Regierungen um neue Netzwerke, mit denen sie mehr Wachstum und Stabilität in ihrer eigenen Region schaffen. Zwar sind die Länder höchst unterschiedlich und stehen untereinander teilweise in scharfem Wettbewerb, doch zwei große Erschütterungen in zehn Jahren haben das Bewusstsein für die gemeinsamen Interessen gestärkt. Sowohl die Asienkrise von 1997/98 als auch die Finanzkrise haben die Asiaten gelehrt, wie gefährlich es ist, von den großen Wirtschaftsmächten Europas und Amerikas oder von den dominierenden Organisationen wie der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds (IWF) abhängig zu sein. Deshalb kooperieren die Asiaten nicht nur beim Abbau von Handelshemmnissen, sondern auch beim Aufbau eigener Finanzinstitutionen.

Kernzelle des Zusammenschlusses ist die Asean. Bereits seit 2005 werden innerhalb des Bündnisses für einen Großteil der Waren schrittweise die Abgaben gesenkt. Die Vereinbarung soll künftig auch für 90 Prozent aller chinesischen Produkte gelten, wobei je nach Land und Branche Übergangsfristen bis 2015 vereinbart wurden. Waren, bei denen zwischen den Staaten starke Konkurrenz herrscht, insbesondere Elektronikgüter und Textilien, sind vorerst ausgenommen. Ein besonderer Anstieg wird vor allem beim Handel von Rohstoffen erwartet, welche die ressourcenhungrige Volksrepublik nun billiger von ihren Nachbarn kaufen kann.

Die Zone, in der die Länder zu deutlich besseren Konditionen miteinander Handel treiben können als innerhalb der Vorschriften der Welthandelsorganisation (WTO), dürfte noch wachsen. Neben dem südostasiatisch-chinesischen Schulterschluss sind zahlreiche weitere regionale Zollsenkungsabkommen in Arbeit. Sechs der Asean-Staaten haben bereits eine Vereinbarung mit Südkorea geschlossen, mit der bis Ende dieses Jahres die Abgaben auf 80 Prozent aller Waren wegfallen sollen. Auch mit Japan existiert eine Partnerschaftserklärung, die als Grundlage für Verhandlungen über einen Freihandelsvertrags dienen soll. Ähnliche Gespräche führen die Südostasiaten mit Australien, Neuseeland und Indien. Da die Asean in Wirtschaftsfragen nicht an das Konsensprinzip gebunden sind, brauchen sich nicht alle Staaten gleichzeitig zu einigen.

Zur integrationsfreudigen Kerngruppe, den sogenannten Asean-6, zählen Singapur, Malaysia, Brunei, Thailand, Indonesien und die Philippinen, während Vietnam, Kambodscha, Laos und Birma oft deutlich langsamer agieren und sich oft erst im zweiten Schritt anschließen. Politische Vordenker in der Region träumen bereits davon, dass die Asiaten sich eines Tages in ähnlicher Weise zusammenschließen könnten wie die Europäer. So hat etwa Japans Premierminister Yukio Hatoyama die Gründung einer Ostasiatischen Union vorgeschlagen, der Japan, China, Südkorea, Indien, Australien, Neuseeland sowie die Asean-Staaten angehören sollen. Die Hindernisse sind allerdings gewaltig: Die wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Unterschiede innerhalb der diskutierten Vereinigungen sind weitaus größer als in Europa. Immerhin befinden sich auf dem Kontinent einige der reichsten und einige der ärmsten Länder der Erde, Demokratien und Diktaturen.

Doch der Druck der Krise schafft politische Einsichten, die in Zeiten steten Wachstums wohl kaum möglich wären. So haben die Asiaten kürzlich beschlossen, gemeinsam einen 120 Milliarden Dollar schweren Notfonds einzurichten – als Alternative zum IWF. Beteiligt sind Japan, China, Südkorea und die Asean. Im Notfall wollen sich die Länder dann über sogenannte Währungsswaps gegenseitig US-Dollar bereitstellen, um kurzfristige Finanzengpässe zu überwinden. Schon im März sollen alle organisatorischen Fragen geklärt sein und soll das Geld bereitstehen. Beim IWF glaubt man aber, dass die Asiaten nicht allzu schnell davon Gebrauch machen werden müssen: Ihre Region ist derzeit die einzige, die über ein starkes Wachstum verfügt. Die IWF-Ökonomen sagen voraus, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den asiatischen Ländern dieses Jahr um 5,75 Prozent steigen wird. Den Industrienationen trauen die Wirtschaftswissenschaftler nur ein Wachstum von 1,15 Prozent zu.

Bernhard Bartsch | 05. Januar 2010 um 10:01 Uhr

 

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