Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Unzufrieden und stolz darauf

Katsuaki Watanabe, 66, führte Toyota an die Spitze der internationalen Autoindustrie – und von dort in die Krise.

„Mein Charakter neigt zur Aggressivität, und ich mag ihn so“, sagte Katsuaki Watanabe 2005 in einem Interview. Da war der Manager gerade Vorstandsvorsitzender von Toyota geworden und konnte davon ausgehen, dass Japans größter Autokonzern unter seiner Führung zur weltweiten Nummer eins aufsteigen würde. Trotzdem sang Watanabe das Hohelied der Unzufriedenheit, wie er es in seiner 41jährigen Karriere bei Toyota gelernt hatte. „Wenn man wächst, ist man schnell zufrieden, und das ist nicht gut“, erklärte er. „Man sollte immer unzufrieden sein.“

Dreieinalb Jahre später hat Toyota die Weltspitze erreicht, und Watanabe mehr Grund zu Unzufriedenheit als je zuvor: Von einer aggressiven Expansionsstrategie muss er unvermittelt auf einen grimmigen Sparkurs umschwenken. Anfang der Woche verkündete der 66-Jährige, dass Toyota im Geschäftsjahr 2008 einen operativen Verlust schreiben werde  – den ersten seit 1938, dem Jahr nach der Firmengründung. Hatte Watanabe vergangenes Jahr noch einen Rekordprofit von umgerechnet 14 Milliarden Euro vorlegen können, rechnet er nun mit einem Minus von 1,22 Milliarden Euro. Zwar könnte aus der stattlichen roten Zahl durch eine Steuergutschrift am Ende doch noch eine kleine schwarze werden, doch Watanabe wird sich davon kaum trösten lassen. Denn obwohl Toyota den Verlust durchaus verschmerzen kann und im internationalen Vergleich weitaus besser dasteht als die meisten Konkurrenten, hat der Konzern seinen Nimbus der Krisenresistenz verloren. Weder Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg noch der große Crash 1989 hatten das Unternehmen in die Verlustzone drücken können, aber dem Ausmaß der gegenwärtigen Krise ist nicht einmal Toyota gewachsen. „Das ist eine Notsituation ohne Beispiel“, sagte Watanabe. „Die Weltwirtschaft ist derzeit in einer so kritischen Weise angeschlagen, wie es nur einmal in hundert Jahren passiert.“

Um Kosten zu sparen, lässt Watanabe alle Expansionen bis auf weiteres auf Eis legen und Bonuszahlungen streichen. Im japanischen Stammsitz Toyota City bei Nagoya werden tausende Leiharbeiter entlassen. Allerdings spekulieren japanische Medien bereits über Watanabes Ablösung. Schließlich habe das Unternehmen ihn seinerzeit wegen seiner Qualitäten als Weltmarktstratege an die Spitze gehoben, nicht als Krisenmanager. Watanabe, der nach seinem Wirtschaftsstudium an Tokios Keio-Universität direkt zu dem Autohersteller stieß, verbrachte seine Karriere großteils im Planungsstab, wo er unter anderem Toyotas globale Vision mitentwickelte. 1992 wurde er in den Vorstand berufen und stieg 2001 zum stellvertretenden Geschäftsführer auf, bevor er 2005 als erst dritter Nichtangehöriger der Gründerfamilie Toyoda das Ruder übernahm.

Doch nun könnte der Klan die Kontrolle zurückerobern. Branchenkenner wollen erfahren haben, dass der Vorstand im kommenden April Akio Toyoda, den Enkel des Unternehmensgründers, zu Watanabes Nachfolger ernennen will. Der in den USA ausgebildete 52-Jährige gilt in Japan als Star der Managementszene und wird schon länger als künftiger Toyota-Chef gehandelt. Da Toyoda für japanische Verhältnisse jedoch als relativ jung gilt, könnte zunächst auch der derzeitige Finanzvorstand Mitsuo Kinoshita zum Zuge kommen. So oder so scheinen Watanabes Tage an der Spitze gezählt. Zwar heißt es, er bekäme im Unternehmen keineswegs die Verantwortung für Toyotas Verluste zugeschoben. Und sollte er aus dem Vorstand ausscheiden, würde er wohl wie seine Vorgänger den Vorsitz des Aufsichtsrats übernehmen. Sicher ist indes nur eins: Watanabe wird weiter unzufrieden sein. Und stolz darauf.

Bernhard Bartsch | 26. Dezember 2008 um 14:51 Uhr

 

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