Bernhard Bartsch

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Unerwünschter Frühling

Nordkorea demonstriert Kontinuität, doch der Druck zur Öffnung wächst und hat bereits begonnen, das System grundlegend zu verändern.

In Kim Taewoos Büro ist die koreanische Versöhnung bereits vollzogen. Auf der Landkarte hinter dem Schreibtisch des Präsidenten von Südkoreas staatlichem Institut für Wiedervereinigung teilt keine Grenze die Halbinselmehr in Nord und Süd. Die Darstellung ist ein politisches Statement, was sonst, doch seit vergangener Woche wirkt es so brisant wie lange nicht mehr. „Theoretisch ist jetzt alles möglich“, kommentiert der Politologe die Lage nach dem Tod von Diktator Kim Jong-il und bezweifelt, dass dessen Machterben das abgeschottete System langfristig aufrecht erhalten können. „Aus südkoreanischer Sicht ist das eine positive Entwicklung.“

Zwar hütet man sich in Seoul vor voreiligen Planspielen, schon um nicht die falschen Signale nach Pjöngjang zu senden. Trotzdem wappnet man sich dafür, dass bald Bewegung in das erstarrte System kommt. Denn obwohl Nordkoreas Machtstrukturen für das Ausland in vieler Hinsicht einer Black Box gleichen,so galt es bisher doch als sicher, dass der Kurs des politisch isolierten, wirtschaftlich verarmten und militärisch provozierenden Landes in den vergangenen Jahrzehnten von seinem „Geliebten Führer“ Kim Jong-il bestimmt wurde. Diplomaten und Nordkoreaexperten warten deshalb gespannt auf Anzeichen, wie es ohne ihn weitergehen wird.

Bisher signalisiert das Regime Kontinuität. Wenige Stunden nach der Todesnachricht ließ Kims jüngster Sohn und designierter Nachfolger Kim Jong-un zwei Kurzstreckenraketen testen – offensichtlich ein Versuch, genauso ernst genommen zu werden wie sein Vater, der Nordkorea zur Atommacht aufrüstete. Im Vorfeld des Staatsbegräbnisses am Mittwoch zieht die Propaganda noch einmal alle Register des Führerkults, auf dem der Kim-Klan seine über sechzigjährige Herrschaft aufgebaut hat. In Kim Jong-ils Todesstunde habe sich der Himmel rot gefärbt und Tiere hätten trauernd den Kopf geneigt, verbreitet die Nachrichtenagentur KCNA, um im gleichen Zug Kim Jong-un als „großartigen Nachfolger“ von göttlicher Geburt zu verherrlichen. Das staatliche Versorgungssystem verteilt derzeit Sonderrationen an Fisch und anderen Lebensmitteln verteilt, angeblich die letzte Anweisung des Verstorbenen.

Ausländische Gäste sind zu der Trauerfeier nicht zugelassen. Die Zahl der Anmeldungen dürfte ohnehin klein gewesen sein. Neben China hat Nordkorea in der Welt kaum Freunde. Südkorea schickte am Montag immerhin eine informelle Kondolenzdelegation, bestehend aus Lee Hee-ho, der Witwe des ehemaligen südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung, und Hyundai-Chefin Hyun Jeong-eun. Trotzdem beschwerte sich Pjöngjang bei Seoul über mangelnde Trauer.

Obwohl die Macht der Kims nicht unmittelbar gefährdet scheint, so steht das Regime dennoch unter hohem Veränderungsdruck. „Die bisherige Abschottung lässt sich nicht durchhalten“, sagt ein europäischer Diplomat in Pjöngjang. „Die Regierung weiß, dass sie ihr Land öffnen muss, und es ist auch kein Tabu mehr, das offen anzusprechen.“ Schon seit einigen Jahren ist der Wandel in Pjöngjang spürbar: Immer mehr Märkte und Geschäfte verkaufen chinesische Importwaren. Weil dem koreanischen Won kaum noch einer traut, wird offen in Euro und Yuan gehandelt, und selbst nordkoreanische Beamte machen in Gesprächen mit Ausländern keinen Hehl mehr aus der Existenz von Schwarzmärkten.

Das Regime unternimmt selbst große Anstrengungen, Devisen zu erwirtschaften: Im Industriepark Kaesong vermietet der Norden tausende billige Arbeitskräfte an Unternehmen im Süden. Arbeitertrupps werden auch nach Russland und in den Mittleren Osten geschickt. China, seinem wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Partner, hat Nordkorea schon lange die Erschließung wichtiger Rohstoffabkommen abgetreten. Bei seiner letzten Auslandsreise nach Russland im August hatte Kim nicht nur darüber verhandelt, dort nordkoreanische Restaurants und eine Brauerei zu eröffnen, sondern sich auch offen für den Bau einer Gaspipeline gezeigt, die durch Nordkorea nach Südkorea führen soll und dem Land hohe Gebühren einbringen könnte.

„In Nordkorea ist in den vergangenen Jahren viel in Bewegung gekommen“, sagt Paik Hak-soon, Nordkoreaexperte am Sejon-Institut in Seoul. „Die entscheidende Frage ist, ob aus den Ansätzen eine echte Reformpolitik wird.“ Doch damit tut sich das Regime schwer. Eine Öffnung bedeutet ein ideologisches Dilemma, das an die Wurzeln ihrer Legitimation geht. Denn Kim Il-sungs „Juche“-Staatstheorie verordnet dem Land Selbständigkeit in allen Belangen. Schon der wachsende Einfluss von Importwaren und Devisenschwarzmärkten ist damit schwer zu vereinbaren. Einen grundlegenden Reform- oder Öffnungsbedarf kann das Regime schwer eingestehen.

Außerdem dürfte sein Volk kaum noch dem Kim-Kult folgen, wenn es erkennen würde, wie sehr es von seinen Führern getäuscht wurde. „Für die weitere Entwicklung sind viele Szenarien denkbar“, sagt Kim Taewoo vom Wiedervereinigungsinstitut. „Wenn der Norden eine Annäherung an den Süden sucht, kann er mit Offenheit auf unserer Seite rechnen.“ Zwar ist eine Wiedervereinigung noch nicht greifbarer als vor Kim Jong-ils Tod. Doch um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein hat sich das Institut in den vergangenen Jahren von Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin 44Bände mit Informationen und Materialien über die deutsche Wiedervereinigung zusammenstellen lassen, die Korea im Fall der Fälle nützen könnten.

Bernhard Bartsch | 27. Dezember 2011 um 11:01 Uhr

 

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