Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Unbeirrbarer Chronist

Der regimekritische Schriftsteller Liao Yiwu, der seit seiner Flucht aus China in Berlin lebt, erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

In den vergangenen Wochen hat Liao Yiwu viel geschrieben. Nicht nur Literatur, sondern vor allem Briefe und Emails an Freunde, Kollegen und Journalisten. Darin berichtete der Autor vom Schicksal seines Freundes Li Bifeng, einem erfolgreichen Geschäftsmann und Untergrunddichter aus seiner Heimatstadt Chengdu, der Liao finanziell unterstützt hatte, bevor dieser im Juli vergangenen Jahres nach Deutschland floh.

„Vor kurzem habe ich aus mehreren Kanälen erfahren, dass die Polizisten Li Bifeng meinetwegen verhaftet haben“, schrieb Liao. Die Behörden hätten seinen Freund im Verdacht, Liaos Flucht ermöglicht zu haben und wollten sich deshalb an ihm rächen. „Ich muss einen Appell für Li Bifeng einlegen… Ich hoffe, dass meine Schriftstellerkollegen, weltweite Menschenrechtsorganisationen und meine Leser im Osten und Westen bereit sind, diesen Appell zu unterzeichnen.“

Zahlreiche Freunde taten Liao den Gefallen, doch das öffentliche Echo blieb gering. Medien und Politik waren gerade anderweitig okkupiert. Für den 54-Jährigen dürfte dies eine bittere Erkenntnis gewesen sein – und ein weiterer Schritt des Ankommens im Leben als Exilschriftsteller, fern der Heimat unter Menschen, die einem Aufmerksamkeit schenken und entziehen wie es ihnen gerade passt.

Doch nun bekommt er wieder die große Bühne, die größte, die der deutsche Kulturbetrieb zu bieten hat: Liao Yiwu erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2012. Der Autor sei ein „unbeirrbarer Chronist“, der Zeugnis ablege „für die Verstoßenen des modernen China“, begründete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seine Entscheidung. „Liao Yiwu setzt in seinen Büchern und Gedichten den Menschen am Rande der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal.“

Es ist die bisher größte Ehrung für Liao, der in der Literaturszene von einigen auch als veritabler Nobelpreiskandidat gehandelt wird. Der Preis, der seit 1950 vergeben wird, ist mit 25.000 Euro dotiert und ging im vergangenen Jahr an den algerische Schriftsteller Boualem Sansal. Die Verleihung findet am 14. Oktober im Rahmen der Frankfurter Buchmesse, ausgerechnet dort, wo Liao 2009 in Abwesenheit zum Star der internationalen Literaturbranche avanciert war. Dass die Volksrepublik ihm damals die Ausreise verbot, um als Gastland der Buchmesse nicht mit seinen eigenen Dämonen konfrontiert zu werden, sorgte weltweit für Aufsehen.

Dabei erhielt Liao früher auch in China Preise. In den 1980ern gehörte er zu einer Generation junger Dichter, die in Literaturzeitschriften den Ton der Nach-Mao-Ära angaben. Mehr als zwanzig Auszeichnungen erhielt Liao damals. Doch mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 änderte sich alles. Obwohl Liao das Blutbad nur aus dem über tausend Kilometer entfernten Chongqing mitbekam, war er schockiert. Seinem Entsetzen machte er in einem Gedicht mit dem Titel „Massaker“ Luft, das auf Kassetten verbreitet wurde und bei Chinas Jugend schnell Kultstatus erlangte. „Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien“, heißt es darin. „Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen.“

Zur Strafe wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt, wo er von Wärtern und Mithäftlingen misshandelt wurde. Einmal bekam er 23 Tage lang die Hände auf den Rücken gefesselt. Liao erlitt Nervenzusammenbrüche und versuchte sich umzubringen. Seine Zellengenossen nannten ihn den „großen Irren“. Doch das Gefängnis öffnete Liao auch die Augen: Er begann China aus der Perspektive der Schwachen zu sehen und auf die Geschichten derer zu hören, die in der Volksrepublik keine Stimme haben.

Nach seiner Entlassung wurde aus Liao, dem Dichter, Liao, der Reportageschriftsteller, der durch China wanderte und das Leben am unteren Ende der Gesellschaft dokumentierte. Seine Bücher konnten nur im Ausland oder auf dem Schwarzmarkt erscheinen. Jahrelang war er Opfer von Repressionen. 2011 floh er deshalb über Vietnam nach Deutschland und lebt seitdem in Berlin.

Zwei seiner Bücher sind bisher auf Deutsch erhältlich. 2009 erschien die Reportagesammlung „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten“. Vergangenes Jahr kamen seine bedrückenden Gefängniserinnerungen „Für ein Lied und hundert Lieder“ heraus. Zu den Menschen, die er dort kennenlernte, gehört auch Li Bifeng, der nun wegen seiner Freundschaft zu Liao wieder in Haft sitzt. Zum ersten Mal wurde Li wegen konterrevolutionärer Propaganda und Agitation verurteilt. Später saß er noch einmal ein, weil er einen Streik in einer Textilfabrik untersucht und damit den Ärger der Behörden hervorgerufen hatte. „Sollte er noch einmal zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden, wäre es das dritte Mal“, schrieb Liao kürzlich an seine Bekannten.“ Wenn er zu 10 Jahren verurteilt würde, wäre Li Bifeng nach der Entlassung ein alter Hund. Das Leben eines hochtalentierten Dichters und Schriftstellers würde somit völlig zerstört.“ Doch immerhin ist sein Freund Liao Yiwu frei und kann Zeugnis ablegen. Man muss ihm nur zuhören.

Bernhard Bartsch | 21. Juni 2012 um 16:15 Uhr

 

2 Kommentare

  1. Thinkabout

    25. Juni 2012 um 14:37

    Zitat:
    Medien und Politik waren gerade anderweitig okkupiert. Für den 54-Jährigen dürfte dies eine bittere Erkenntnis gewesen sein – und ein weiterer Schritt des Ankommens im Leben als Exilschriftsteller, fern der Heimat unter Menschen, die einem Aufmerksamkeit schenken und entziehen wie es ihnen gerade passt.

    Erst einmal ein Riesendankeschön für diese Einblicke und Kommentare zu China. Ich werde hier manche Stunde verbringen!

    Ihre Sätze oben machen mich sehr betroffen. Denn genau so reagieren wir hier im Westen – wir empören uns, schenken Aufmerksamkeit – und verlieren auch wieder das Interesse, oder, sagen wir, die Energie. Es muss unheimlich schwer sein, diese besondere, nicht zu kompensierende Einsamkeit auf Dauer zu ertragen. Mal ganz abgesehen von den Erlebnissen, über die zu erzählen schon schwer genug ist. Schreiben ist ein einsamer Prozess. Exilschriftsteller sind noch ein bisschen einsamer…

  2. Susanne

    05. Juli 2012 um 02:22

    @Thinkabout
    Ich lese hier schon seit vielen Jahren, unzähligen Stunden — was für ein wichtiger, ja, einmaliger Blog!

    Und so empöre ich mich (mit), bin betroffen, aber auch fasziniert und in der Lage, ein eigenes Bild zu bauen von dem »Anderen da drüben«.

    Dank an Bernhard Bartsch!